Full text: Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1909)

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BAUZEITUNG 
Nr. 34 
die Bauleitung, insbesondere auf die ihm von dieser über 
gebenen Werkpläne zu schieben. Während ihm dieselben 
früher immer zu weitgehend erschienen waren, und er 
sich alle Detailangaben als lästige Bevormundung ver 
beten hatte, fand er nun auf einmal, daß die Werkpläne 
unvollständig gewesen seien und man nach denselben keine 
richtige Arbeit habe machen können. Er konstatierte, 
daß bezüglich des Mauermaterials und der Mörtelbeschaffen 
heit des Pfeilers D die diesbezüglichen Angaben in der 
statischen Berechnung von Hartenstein (die er vier 
Wochen lang in Händen gehabt und auf das genaueste 
durchstudiert, ja sogar nachgerechnet hatte) ihm nicht 
genügen konnten, sondern daß diese Angaben auch in 
die Zeichnung hätten hineingeschrieben werden müssen. 
Auch daß von Hartenstein unter dem Blechträger ein 
großer Auflagequader von Granit vorgeschrieben war, 
fand er nicht genügend, es hätte auch hierfür eine be 
sondere Zeichnung ihm gegeben werden müssen, aus 
welcher zu ersehen gewesen wäre, daß der Blechträger 
nicht direkt auf diesen Quader, sondern auf eine ver 
mittelnde Eisenplatte hätte gelegt werden müssen. Er 
selbst habe doch so etwas nicht wissen können. Er habe 
seinerzeit wiederholt um derartige Detailzeichnungen ge 
beten, sie aber „trotz allen Drängens“ nicht erhalten 
können. Dies war nun völlig unwahr, allein es war ja 
niemand da, der seine Behauptungen bestritten oder an- 
gezweifelt hätte, und so ging denn Eohrmann im Verlauf 
seiner zahlreichen Vernehmungen mit wachsender Keck 
heit vom System der faulen Ausrede mehr und mehr zu 
dem der falschen Bezichtigung über, wobei ihm haupt 
sächlich meine Person als Zielscheibe diente. 
So wenig es aber Eohrmann selber mit diesen Be 
hauptungen wirklich ernst war, so ernst wurden dieselben 
von den Sachverständigen der Voruntersuchung genommen. 
In deren Gutachten 1200 sind diese Behauptungen als 
wichtige Entlastungsmomente für den Angeschuldigten 
aufgeführt. 
Auch die Behauptung des Zeugen Hartenstein und 
seines Gehilfen Bauer, daß die „Stelzenform“ des Pfei 
lers D an sich etwas ganz Abnormes sei und daß sie 
aus den Grundrissen allein nicht zu erkennen, hiezu 
vielmehr eine Seitenansicht unentbehrlich gewesen sei, 
wurde von den Sachverständigen ebenfalls ohne Wider 
spruch in das Gutachten 1200 übernommen. 
Es wäre nach meiner Ansicht das Recht der Sach 
verständigen gewesen, diesem Abladesystem schon in der 
Voruntersuchung entgegenzutreten. Sie hätten dies um 
so eher tun dürfen, als sie ja nachher, sowohl in ihrer 
Aeußerung vom 4. Juni d. J. als in der Hauptverhand 
lung, obgleich neue Momente inzwischen nicht hinzu 
gekommen waren, die obengenannten Aussagen von Eohr 
mann wie auch diejenigen von Bauer und Hartenstein 
als unzutreffend bezeichnet haben. 
4. Das Gutachten 1200 der Sachverständigen der 
Voruntersuchung, auf welches sich die Anklage stützt, 
ist datiert vom März/April 1908, also verfaßt, bevor 
der auf Anordnung der Baupolizeibehörde im Juli 1908 
erfolgte völlige Abbruch des Hauses in Angriff genommen 
war. (Das Haus bot damals noch ganz das Bild, das 
in Nr. 43, Jahrgang 1907 dieses Blattes dargestellt ist, 
nur waren die Trümmer des eingestürzten mittleren Teils 
inzwischen beseitigt worden.) Das Gutachten umfaßt in 
der mir vorliegenden Abschrift 88 Seiten; der wichtigste 
Teil ist die Erklärung des Einsturzes; worauf dieser 
zurückgeführt wird, wurde schon in Nr. 28 der „Bau 
zeitung“ angegeben, nämlich auf die dort mit 1, 2, 3 
bezeichneten Fehler der Ausführung bzw. der von Harten 
stein gefertigten statischen Berechnung. 
Es wird in dem Gutachten die Pressung angegeben, 
welche die Kante a des Pfeilers D in Höhe der Fensterbank 
des ersten Stocks erlitten haben soll, und zwar innerhalb 
zweier Grenzfälle I und II. Fall I beruht auf der An 
nahme, daß die Fensterbögen über dem Pfeiler D sich 
vollständig starr verhalten und ihre Lasten nach dem 
Hebelgesetz auf die Kämpfer übertragen hätten. Fall II 
nimmt an, daß die Fensterbögen keine Vertikallast auf den 
Pfeiler abgegeben, sondern die von oben kommenden Lasten 
durch treppenförmige Auskragung unmittelbar vom Pfeiler 
übernommen worden seien (siehe gezackte Linie in 
der Seitenansicht). Innerhalb dieser zwei Möglichkeiten 
habe sich die Beanspruchung des Pfeilers D bewegt; 
dieselbe habe in der Kante a unter Berücksichtigung 
der obengenannten Ausführungsfehler betragen: im Fall 
I — 65 kg/qcm, im Fall II — 93 kg/qcm. Welchem der 
beiden Fälle I und II die beim Einsturz vorhandene 
Pressung näher gelegen sei, könne absolut nicht gesagt 
werden. Selbst bei Annahme der allergünstigsten Ver 
hältnisse aber könne nicht weniger als 50 kg/qcm heraus 
gerechnet werden. 
Dem Gutachten lag ein graphostatischer Nachweis 
der Resultante bei, der jedoch ohne ergänzende analytische 
Berechnung nicht kontrolliert werden konnte. Letztere 
aber fehlte und war auch trotz mehrmaliger Reklamation 
meinerseits nicht zu erhalten. Erst zwei Tage vor der 
Hauptverhandlung traf sie ein, allein, wie im Begleit 
schreiben gesagt war, nur im Auszug und nur in bedingt 
gültiger Form. 
Die letzten 28 Seiten des Gutachtens ' 200 waren den 
Entlastungsgründen für den Angeschuldigten Fohrmann 
gewidmet; sie sind charakterisiert durch ein etwas weit 
gehendes Vertrauen in die Glaubwürdigkeit seiner Aus 
sagen und die Triftigkeit seiner Entschuldigungsgründe. 
Auffallend ist, daß trotz der eingehenden Schilderung 
der damals schon bekannten groben Mängel des Mauer 
werks, der Trägerauflagerung und der Verschlauderung 
nirgends darauf hingewiesen wird, daß hierfür außer 
Pohrmann auch seine italienischen Unterakkordanten 
verantwortlich zu machen seien, die doch als selbst 
haftende Unternehmer den Akkord auf Grund der in 
Stuttgart allgemein üblichen gedruckten Bedingungen 
von Fohrmann übernommen hatten. Freilich hatte auch 
Fohrmann es unterlassen, auf seine ünterakkordanten 
hinzuweisen, da er auf eine Mitverantwortung derselben 
im Hinblick auf die Frage des Schadensersatzes wohl 
mit Recht keinen Wert legte, während ihm gerade in 
dieser Hinsicht die Mitbelastung der Bauleitung bzw. 
der planfertigenden Architektenfirma als höchst erstrebens 
wertes Ziel vor Augen stand. 
5. Die weitere Ausdehnung der Vorunter 
suchung auf mich und Hangleiter erscheint mir heute, 
nachdem ich den Inhalt des Gutachtens [ 200 kenne, nicht 
mehr verwunderlich. Am 1. Juli 1908 wurde mir vom 
Untersuchungsrichter der Wortlaut der „Anschuldigung“ 
mitgeteilt, der sich mit demjenigen der späteren Anklage 
(vgl. Nr. 28 dieses Blattes) vollständig deckt. Meine Er 
widerung darauf wurde von Oberbaurat Mörike zu Proto 
koll genommen. Sie war ebenfalls im wesentlichen 
gleichlautend mit meiner späteren Erwiderung auf die 
Anklageschrift (siehe unten). 
Diese Erwiderung ist in der Hauptvei’handlung als 
in allen Stücken zutreffend anerkannt worden, ein Aus 
gang, dessen ich von vornherein völlig sicher war. 
In diesem Gefühl der Vorwurfsfreiheit befand ich mich 
schon bei der ebengenannten Vernehmung und fühlte 
mich darin durch das Verhalten des Oberbaurats Mörike 
noch bestärkt. Ich unterließ es deshalb, mir durch Ver 
mittlung eines Rechtsanwalts Einsicht in die Akten zu 
verschaffen. 
Es hat sich nachher herausgestellt, daß dies ein 
großer Fehler war. Allein ich fühlte mich damals um so 
sicherer, als zur gleichen Zeit durch den Abbruch des 
Hauses höchst überraschende Ergebnisse zutage kamen, 
welche geeignet schienen, ein ganz neues Licht in die 
Sache zu bringen.
	        

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