Title:
Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen
Shelfmark:
XIX/1085.4-6,1909
PURL:
https://digibus.ub.uni-stuttgart.de/viewer/object/1499766280559_1909/296/
290 
BAUZEITUNG 
Nr. 37 
Abb. 2 
faches städtisches Gehöft, es hat Charakter und Wahr 
heit. Und das reißt man nieder, nicht weil es baufällig 
ist, sondern weil die Stadt „verschönert“ werden soll. 
Und diese „Verschönerung“ sehe man sich einmal in 
Abb. 2 an! 
Nicht besser steht es mit der erweiterten Umgebung 
des- Hauses, dem Garten. Wenn wir nicht noch hier 
und da an alten Bürgerhäusern und auf einsamen Gütern 
Reste guter Gartenanlagen fänden, wüßten wir überhaupt 
nicht mehr, was ein Garten zu sein vermag. Die öden 
Anlagen, die sich heute Gärten nennen, geben uns da 
von keinen Begriff. Schon wenn wir uns von außen 
einem solchen Garten nähern, überkommt uns ein Gefühl 
des Mißbehagens über die gestaltlose Anordnung. Werfen 
wir dagegen nur einen Blick auf den Eingang eines alten 
Gartens, so geht uns das Herz auf, weil wir sofort die 
verschwiegene Herrlichkeit ahnen, die dahinter liegt. 
Auf dem Bilde 3 sehen wir einen solchen alten Garten, 
in dem alles von ausgesucht feinem Geschmack und Ver 
stand angeordnet ist. Dicht vor das Haus ist noch eine 
zweite kleinere, aber hohe Terrasse gelagert, die den 
Uebergang zum Hause vermittelt und einen angenehmen 
Ort zum Sitzen bietet. Die untere Terrasse zeigt in der 
Mitte ein rundes Wasserbecken, das sein Wasser von 
der Figur, die seltsam ist, aber doch Stil hat, empfängt. 
Runde Bäume geben der Balustrade überschaubare Ver 
hältnisse und leiten zur Architektur über. Niedrige Vasen, 
aus denen Blumen hervor wachsen, sind regelmäßig ver 
teilt. Das Bild 4 weist noch das abscheuliche eiserne 
Gitter auf, das vorn den Garten abschließt. Auch hier 
führen Stufen herauf, auch hier stehen Vasen mit Pflanzen, 
auch hier erhebt sich die Villa unmittelbar hinter der 
Terrasse. Aber alles ist ausdruckslos, unnütz, nirgends 
empfindet man die Logik des Aufbaues, nirgends das 
notwendigerweise Gewordene. Die schreckliche Vase auf 
der Säule mit der dürftigen Palme darin ist so eine Art 
Gradmesser für das Ganze, das auch bloß wieder einmal 
recht angeschaut zu werden braucht, um in seiner ganzen 
Nichtigkeit erkannt zu werden. 
Zur weiteren anschaulichen Bestätigung mögen noch 
die Bilder 5 und 6 dienen, die auf der einen Seite die 
heute immer mehr verschwindende Poesie echter Gärten 
und auf der andern Seite die dafür eingetauschte Hilf 
losigkeit schildern. 
In den allerletzten Jahren hat sich hin und wieder 
Gegenbeispiel 
eine leise Besserung der ländlichen Baukunst bemerkbar 
gemacht, auf vielen Dörfern beharrt man aber noch auf 
der Nachäfferei städtischer Bauten. Auch hier kann 
wohl wieder eine Gegenüberstellung von Beispielen 
(Bild 7 und 8) den Unterschied am besten veranschau 
lichen. 
Die hier veröffentlichten Gegenbeispiele sind noch 
lange nicht die allerschlimmsten, es gibt noch viel tollere 
Erzeugnisse charakterloser Bauerei. Es ist ein nieder 
drückendes Gefühl, zu beobachten, wie alljährlich Un 
mengen guter alter Bauten unnötig geopfert werden, um 
protzenhaften und öden Bauwerken Platz zu machen, wie 
jeder Tag der dünne Faden, der uns noch mit der üeber- 
lieferung verbindet, sich mehr lockert. Um so mehr gilt 
es, die Erkenntnis von dem Werte des uns überkommenen 
Gutes in immer weitere Kreise zu tragen und die kost 
baren Reste alter Kultur vor Verunzierung und Zer 
störung zu bewahren. A. 
Verband Deutscher Architekten- und 
(Schluß, Ingenieurvereine 
Der zweite Verhandlungstag wurde eröffnet mit einer 
Erörterung über die Stellung der Architekten 
und Ingenieure, in der die Stellung der Privat 
architekten und Privatingenieure im Gegensätze zu den 
Verwaltungsarchitekten und Ingenieuren näher beleuchtet 
wurde. Verschiedene Anträge über die Ausbildung 
der technischen Studierten zu Verwaltungsbeamten wur 
den dem Danziger Ausschuß überwiesen. Darauf wurde 
noch die Mitwirkung der Vereine an den Aufgaben 
des Verbandes besprochen. Einen interessanten Vortrag 
hielt Landesbauinspektor Klöppel-Berlin über die 
Tätigkeit der Vereine im Verfolg der Verbandsdenk 
schriften von 1908 über künstlerische Ausgestaltung 
von Privatbauten und Ingenieurbauten, worin 
er besonders die Bestrebungen auf Erhaltung alter Kultur 
werte im Städte- und Wohnungsbau sowie die Schaffung 
eines eignen Heimes und eines Stückchens vaterländischen 
Bodens für die Massen erörterte. Im Verlauf des Vor 
trages ging der Redner des Längeren ein auf die Be 
deutung eines modernen Bauordnungswesens für die Ver 
wirklichung der gekennzeichneten Ideale. Er verlangt 
bodenreformerische Maßregeln, ein weitergehendes Ent-
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.