Full text: Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1909)

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BAUZEITUNG 
Nr. 4t* 
ßauliputz-Fassaden 
Die schönen baukünstlerischen Reize, die man durch 
das bescheidene Mittel des rauhen Verputzes zuwege 
bringen kann, sind je nach der dabei angewandten Putz 
technik äußerst mannigfaltig. Neben den Material 
eigenschaften des zu verwendenden Putzmörtels sind es 
namentlich die wechselnden Methoden des Auftragens 
und des Nachbearbeitens, durch welche die Verschieden 
heiten in der ästhetischen Wirkung des Rauhputzes her 
vorgerufen werden. Die hohe Wertschätzung, die gerade 
der rauhen Putzfassade heute entgegengebracht wird, 
namentlich für die Zwecke des ländlichen Wohnhausbaues, 
nur die in mehreren Lagen übereinander aufzutragende 
Verputzform gewählt werden. Die putzkünstlerischen 
Absichten, die auf Schönheitswirkung abzielenden letzten 
Putzarbeiten kommen da erst in der obersten, als Schluß 
schicht aufgebrachten Putzmörtellage zum Vortrag. 
Wenden wir uns zunächst den grobgekörnlen Arten 
des Rauhputzes zu, so ist unstreitig, daß diese eben darum 
auch in der Nachbearbeitung die weniger anspruchsvollen 
sein müssen. Das gilt vor allem von dem schon seit 
dem dreizehnten Jahrhundert verwendeten Rieselputz. 
Seine Materialverhältnisse lauten; 1 Kalk auf 3 Sand. 
Nur daß dieser Sand hier eine durchschnittliche Korn 
größe von 15 mm besitzen, also stark grobkörnige Form 
Healschulueubau Kirchheim u. T. 
gibt daher dringende Veranlassung zur Erörterung der 
technisch-künstlerischen Gesichtspunkte, die bei den be 
sonderen Einzelarten der rauhen Putzfassade material 
gerechte Schönheitswerte verbürgen. 
Für die äußere Erscheinung der rauhen Verputzarten 
kommt ein zweifaches technisches Unterscheidungsmerkmal 
in Betracht. Denn entsprechend der jeweiligen Korn 
größe des Verputzsandes ist auch das an der fertigen 
Rauhputzfassade wahrnehmbare Korn großem Wechsel 
unterworfen. Dadurch wird schon aus dem Putzmaterial 
ein verschiedenes Temperament der Rauhputzfassade 
entwickelt, was ja an den Wirkungen bald der grob 
körnigen, bald der feingekörnten Verputzfläche unmittel 
bar deutlich wird. 
Diese Materialunterschiede sind indessen für den 
Bildcharakter der Rauhputzfassade nur erst in zweiter 
Linie bedeutsam. Das wesentlichste Merkmal der Einzel 
formen des rauhen Verputzes wird erst durch die beim 
Anträgen des Putzmörtels und beim Nachbearbeiten des 
aufgetragenen Putzes beobachteten putztechnischen Sonder 
maßnahmen beigebracht. Für einen nicht lediglich bau 
technischen Zwecken dienenden Verputz kann natürlich 
Eingangshalle mit Gemälde von Kunstmaler Gref 
aufweisen muß. Für den Erfolg ist es wichtig, daß das 
Putzmaterial in der geeigneten bildsamen Beschaffenheit 
zur Verwendung kommt. Denn ist der Rieselputzmörtel 
zu steif, so bleibt er in Klumpen, ganz wie er angeworfen, 
auf der Fläche stehen. Dies ist denn um so mißlicher, 
als gerade bei dieser Art des Verputzes eine nachträg 
liche Verteilung und Ausgleichung des bereits angetragenen 
Putzmaterials nicht stattfinden darf. 
Unbedenklicher ist in dieser Beziehung der Besen- 
putz. Zu ihm verwendet man einen Sand von mittlerer 
Erbsengroße des Korns. Auch hier wird das Putzmaterial 
mit der Kelle angeworfen, darauf aber mit dem Reis 
besen befahren. Das ergibt dann eine ziemlich einheitlich 
verteilte und ebenmäßig wirkende Rauhputzfläche, die 
namentlich durch die nicht ganz zu unterdrückenden 
Spuren des verteilenden Reisbesens materialstilistisches 
Sonderleben gewinnt. Eine noch schönere Besenarbeit 
ist der rauhe Spritzputz. Hier wird das Aufträgen 
des Mörtelbreies von vornherein dadurch bewerkstelligt, 
daß man den mit dem Putzmaterial gesättigten Reiser 
besen gegen die zu verputzende Fläche durch Ruck 
bewegungen ausschleudert. Einfacher noch in der Art,
	        

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