Full text: Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1909)

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BAUZEITUNG 
Nr. 7 
Kennwort „Wer lange sitzt, muß rosten“ In engster Wahl 
Verfasser Holstein & Blakkolb-Feuerbach 
lung eingeladen. Da zurzeit sehr wichtige Fragen zu 
erledigen sind, wird um vollzählige Beteiligung gebeten. 
Der Ausschuß. 
Württ. Verein für Baukunde. In der 4. ordent 
lichen Versammlung am 6. Februar sprach in dem Vor 
tragsaal des Landesgewerbemuseums Regierungshaumeister 
Werner über seine Studienreise, die er vergangenen 
Herbst nach Belgien, England und Norddeutsch 
land ausgeführt hatte. An Hand vorzüglicher Licht 
bilder, mit einem besonderen Projektionsapparat, dem 
sog. „Epidiaskop“, das eine unmittelbare Wiedergabe der 
Bilder mittels auffallenden Lichtes gestattet, wurden die 
einzelnen Städte, welche die Reise berührte, vorgeführt 
und nach ihrer geschichtlichen Entwicklung, ihrer Grund 
rißgestaltung sowie ihrer Bebauung eingehend besprochen. 
Die Reise führte über Saarbrücken nach Trier mit 
seiner von wechselnden Schicksalen erzählenden Porta 
Nigra, seinem dreieckförmig gestalteten und von der 
ringsum eingebauten Gangolf-Kirche beherrschten Markt 
platz sowie seinen übrigen Erinnerungen an Römer 
zeit und Mittelalter. Luxemburg hat eine geradezu 
einzigartige Lage am Rand eines schroffen Talhangs und 
hat es verstanden, seine baulichen Altertümer in muster 
gültiger Weise zu wahren. Brüssel hat aus dem Tal 
der Senne nach und nach die Anhänge erklommen und 
besteht heute aus einer unteren und einer oberen Stadt. 
Den Stolz der Brüsseler bilden die Boulevards, die in 
äußere, den alten Wallanlagen folgende, und in innere, 
den Lauf der Senne überbrückende, eingeteilt werden. 
Die Hauptsehenswürdigkeit ist der Marktplatz mit dem 
herrlichen gotischen Rathaus und den Gildehäusern sowie 
seinen schaurigen Erinnerungen an Albas Zeit. Ant 
werpen, eine starke Festung und an der hier 350 m 
breiten Schelde gelegen, hat, namentlich an der Wasser 
seite, manche Aehnlichkeit mit Venedig. Die Stadt 
zeichnet sich aus durch verschiedene ringsum abge 
schlossene Plätze und eine ganze Reihe 
wohlerhaltener mittelalterlicher Bauten. 
Einen ganz einzigartigen Anblick ge 
währt die große Kathedrale mit dem 
davorliegenden stimmungsvollen Groen- 
plaat sowie der Marktplatz, an dem 
sich, wie in Brüssel, der beherrschende 
Rathausbau und eine Reihe hervor 
ragender Zunfthäuser befinden, Das 
Hauptziel der Reise bildete ein drei 
wöchiger Aufenthalt in London. Auch 
hier wurden weniger einzelne Museen, 
Sammlungen u. dgl. besichtigt, als viel 
mehr hauptsächlich die verschieden 
artigen Straßenbilder der Riesenstadt studiert. DerVerkehr 
auf den Straßen wird durch die überall aufgestellten Schutz 
leute, die in ihrer eigenartigen dunkelblauen Uniform mit 
Korkhelm, aber ohne jede sichtbar getragene Bewaffnung, 
die Zufluchtspunkte für den stadt- und sprachunkundigen 
Fremden bilden, musterhaft geregelt. Die Eisenbahn 
einrichtungen sind großzügig durchgeftihrt; nur vermißt man 
eine einheitliche Regelung des Ganzen, da alle Bahnen, 
ähnlich wie in Amerika, in der Hand von Gesellschaften sind, 
die gegenseitig nur wenig Rücksicht aufeinander nehmen. 
Eine geradezu ideale Einrichtung sind die Untergrund 
bahnen; diese werden seit einigen Jahren durchweg 
elektrisch betrieben und ermöglichen es, unberührt von 
dem aufregenden Gewoge und Getriebe des Tages, in 
kürzester Zeit nach stundenweit entfernten Punkten zu 
gelangen. Die Gebäude in den Verkehrs- und Geschäfts 
teilen der Stadt sind größtenteils reine Nutzbauten ohne 
großen künstlerischen Wert, doch sind auch hier einzelne 
architektonisch wertvolle Bauwerke zu finden, wie sie 
namentlich in dem reichen Westend häufiger auftreten. Im 
übrigen geht das Bestreben dahin, nach und nach die 
Straßenwände umzugestalten und die alten unschönen 
Bauten durch moderne zu ersetzen. Wie weit freilich 
dieses Streben befriedigend ausfällt, bleibt vorerst abzu 
warten, da die Engländer noch tief in der bei uns nun 
glücklicherweise überwundenen Stilnachahmung und Stil 
mischung stecken. Die Rückreise ging von Vlissingen 
über Wesel, Hannover, Hildesheim, Braunschweig, Magde 
burg nach Berlin. Von den genannten Städten hat 
modernisierende Großstadtsucht in Hannover wohl am 
meisten verdorben; nur in einem kleinen Teil der Altstadt 
sind hier noch sehenswerte Straßenzüge übriggelassen 
worden. Einzig dastehend bleibt jederzeit Hildesheim, 
wo man sich fast an jeder Stelle der Stadt heimisch fühlt 
und wo man beim Gang durch die Straßen aus der Be 
wunderung über das Feingefühl und Kunstverständnis der 
Bewohner nicht herauskommt. Schon etwas weniger 
ist in Braun schweig erhalten geblieben, obwohl man 
auch hier nunmehr zielbewußte Anstrengungen zur Er 
haltung der Kunstschätze macht. In Magdeburg 
machen sich die Nachwirkungen der einstigen Verbrennung 
durch Tilly in dem Mangel altertümlicher Bauten geltend, 
andrerseits hat der Stadt ihre nachherige Eigenschaft 
als preußische Festung manch bauliche Schwierigkeit 
bereitet. Geradezu unverständlich aber ist die bis in die 
letzten Jahre hinein fortgesetzte Freilegung des Doms, 
der nunmehr wie auf dem Präsentierteller sich darbietet. 
Berlin steht bezüglich seiner Grundrißanordnung hinter 
London entschieden zurück. Während hier das Straßen 
netz mehr oder weniger planlos geworden erscheint, ist 
der Grundriß Berlins geradezu planmäßig verdorben und 
weist einen wirklich Entsetzen erregenden Schematismus 
auf. Ueberall herrscht als oberster Grundgedanke die 
gerade Linie und der rechte Winkel; welche Nachteile 
für das Straßenbild wie für den Verkehr daraus erwachsen, 
braucht hier nicht weiter erörtert zu werden. Als Gegen 
gewicht gegen diese Fehler hat man alsdann durch 
protzenhafte schreiende Bebauung eine künstlerische
	        

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