Full text: Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1909)

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BAUZEITUNÖ 
Nr. 9 
Ländliche Bauten 
Abb. 3 
und Thüringen das bezügliche Material zur Verfügung 
gestellt hat, können wir einige charakteristische Ent 
würfe zeigen. 
Abb. 1 gibt von drei Seiten her die Ansicht eines 
Kornspeichers, wie er leider nun gebaut ist; Abb. 2 zeigt, 
wieviel hübscher er gebaut sein könnte und ohne wesentliche 
Mehrkosten. Der Saalanbau zum Gasthofe (Abb. 3 u. 4) 
weckt trübe Erinnerungen, denn so roh und meist roher 
noch, wie er ursprüglich von einer fühllosen Hand an 
das hübsche Eachwerk des alten Hauses geklebt wurde, 
steht er zu Tausenden auf unsern mitteldeutschen Dörfern. 
Der Vorschlag, der das Fachwerk weiterführt und die 
Baumasse durch Erker und Seitengiebel anmutig gliedert, 
spricht für sich selbst, ist aber leider für den Besitzer 
nicht „modern“ genug. Dagegen ist es dem Ausschüsse 
gelungen, an Stelle des entsetzlichen Schulgebäudes 
(Abb. 5) einen verbesserten Entwurf (Abb. 6) durchzu 
setzen, und auch das Familienwohnhaus (Abb. 7) konnte 
anstatt der formlosen Maurermeisterphantasie (Abb. 8) 
ausgeftihrt werden. 
Die Beispiele erweisen zum mindesten, daß wir auch 
hier langsam, Schritt für Schritt, vorwärtskommen 
können, wenn wir zäh und mutig bei der Sache sind. 
Die Einhaltung der festgesetzten Bausumme ist Voraus 
setzung für jeden derartigen Erfolg. 
Aber in manchen Fällen sind die Besitzer oder die 
Bauherren selbst dann nicht zur Annahme der verbesserten 
Entwürfe zu bewegen, wenn diese billiger veranschlagt 
sind als die unförmigen Gegenbeispiele. „Wenn das richtig 
wäre“ — rief gelegentlich der Beratung des Heimatschutz 
gesetzes ein Abgeordneter im preußischen Landtag aus —, 
„dann möchte ich den Schildbürger sehen, der das täte. 
Hier auf den Tisch des Hauses möchte ich ihn gelegt 
sehen!“ 
Wir könnten, meint der Gewährsmann des Kunst 
wart, mit solchen „Schildbürgern“ aufwarten, wenn sie 
sich nur gutwillig nach Berlin transportieren ließen. Die 
Erfahrungen des Ausschusses sowie der Aemter, die 
seine Bestrebungen zum Teil sehr einsichtig und wirksam 
unterstützen, bestätigen immer wieder, daß sie in einer 
Anzahl vorhanden sind, für deren Aufnahme man einen 
besonders geräumigen „Tisch des Hauses“ anschaffen 
müßte. Wer im Sommer auf dem Lande Gelegenheit 
findet, im Sinne der vorgelegten Beispiele aufklärend und 
unaufdringlich zu wirken, der sollte es tun. Wir müssen 
alle dazu helfen, daß es besser werde. 
Die Stellung der Architekten und Ingenieure in den öffentlichen und privaten 
Verwaltungen 
Ueber diesen Gegenstand, der bekanntlich auf der 
Abgeordneten- und WanderverSammlung des Verbands 
deutscher Architekten- und Ingenieurvereine in Danzig 
1908 eingehend behandelt worden ist, ist auf Grund der 
damals gefaßten Beschlüsse von dem hierfür gewählten 
Ausschuß eine Denkschrift ausgearbeitet worden, die nun 
mehr im Druck vorliegt und von dem Verbands Vorstand 
den Mitgliedern übersandt worden ist. Sie enthält die vor 
jährige Rede des Verbandsvorsitzenden Reverdy-München, 
die daran anknüpfende Besprechung in der Wanderver 
sammlung, sodann drei Hauptsätze mit Erläuterungen in 
der Fassung, welche der in Danzig eingesetzte Ausschuß 
festgestellt hat. 
Bei der großen und allgemeinen Bedeutung der hier 
berührten Frage darf auch an dieser Stelle ein näheres 
Eingehen auf den Gegenstand nicht unterbleiben. Zu 
nächst die Rede Reverdys. Diese Rede, im Aufbau und 
ihrer Entwicklung und Inhalt ein Meisterwerk, hat in 
Danzig einen tiefen Eindruck auf alle Zuhörer hinter 
lassen. Man kann nur jedem Techniker raten, sie nicht 
einmal, sondern mehrmals zu lesen und den Inhalt ganz 
in sich aufzunehmen. Hier mögen die Hauptsätze im 
Wortlaut folgen, da eine Wiedergabe im ganzen sich des 
Raummangels wegen verbietet. 
Nach einer Einleitung, die den Fortschritt und Werde 
gang der Technik in den letzten hundert Jahren, das Ringen 
der Techniker um Anerkennung, die dabei gemachten 
Fehler u. s. w. behandelt, heißt es: 
„Das Freudengefühl, wirkungsvoll am Webstuhl der 
der Zeit zu schaffen, ist den Architekten und Ingenieuren, 
ungeachtet der Einschränkungen, die sie persönlich er 
fahren haben, nicht verloren gegangen. Dieses Freuden 
gefühl wollen wir auch in unsern Nachfolgern entzünden, 
indem wir, bewußt dessen, was wir geleistet, wie dessen, 
was wir verfehlt haben, sie auf die alten und neuen 
Ziele hinweisen, die ihrer harren. Diese Ziele lassen 
sich kurz in zwei Sätzen ausdrücken: 
Die Technik als solche zu schaffen und zu 
entwickeln, ist die Arbeit der Architekten 
und Ingenieure des neunzehnten Jahrhunderts 
gewesen. 
Die Technik auch als Kulturfaktor, d. h. in
	        

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