Volltext : Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1913)

38

BAUZEITUNG

Nr.  5

Vertrages  im  bisherigen  Umfange  deckt  sich  mit  unserer
bereits  in  München  abgegebenen  Erklärung;  die  Weigerung, ­
  eine  allgemeine  Lohnerhöhung  im  ganzen  Reich  zu
befürworten,  beruht  auf  der  Ueberzeugung,  daß  das  nicht
zu  bestreitende  Darniederliegen  des  Baugewerbes,  verschärft ­
  durch  den  ungünstigen  Geld-  und  Hypothekenmarkt, ­
  solche  Maßregel  nicht  zuläßt,  ganz  abgesehen
davon,  daß  einzelne  Lohngebiete  durch  den  Dresdener
Schiedsspruch  vom  Jahre  1910  bereits  übermäßig  belastet
sind.  Ueberdies  ist  die  Festsetzung  des  Lohnes  eine
den  Bezirks-  und  Ortsverbänden  zustehende  Angelegenheit. ­
  Zur  Beseitigung  der  hieraus  sich  ergebenden  Streitigkeiten ­
  haben  wir  die  Bezirksschiedsgerichte  in  Vorschlag
gebracht.  Wir  sind  damit  einverstanden,  daß  nunmehr
in  die  Beratung  des  Vertrages,  und  zwar  in  der  von  den
Herren  Unparteiischen  zu  bestimmenden  Reihenfolge  eingetreten ­
  wird.  Das  deckt  sich  mit  unserer  Auffassung,
daß  die  endgiltige  Annahme  des  Vertrages  erst  nach  Erledigung ­
  der  bezirklichen  bezw.  örtlichen  Verhandlungen
erfolgt.
Auf  Grund  dieser  Erklärung  wurde  die  Arbeitszeit
verhandelt.  Nach  §  1  des  bisherigen  Hauptvertrages  soll
eine  weitere  Verkürzung  der  Arbeitszeit  unter  10  Stunden
in  allen  Vertragsgebieten  nicht  eintreten.  Es  darf  jedoch
für  einzelne  Orte  und  angrenzende  wirtschaftlich  zugehörige
oder  gleichartige  Gebiete,  in  denen  die  Arbeitszeit  zehn
Stunden  beträgt  und  besonders  schwierige  Verhältnisse
namentlich  in  Wohnungs-  und  Verkehrsangelegenheiten
vorliegen,  über  eine  mäßige  und  allmähliche  Herabsetzung
der  Arbeitszeit  örtlich  verhandelt  werden.  Die  Arbeitgebervertreter ­
  erklärten  sich  mit  der  Beibehaltung  des
bisherigen  Zustandes  einverstanden,  während  die  Arbeitervertreter ­
  sich  die  Freiheit  Vorbehalten,  auf  eine
Verkürzung  der  Arbeitszeit  in  weiterem  Umfange  hinzuwirken. ­

Ferner  wurde  über  die  Akkordarbeit  verhandelt.
Während  die  Arbeitgebervertreter  die  bisherige  Fassung
des  Hauptvertrages  beibehalten  wissen  wollen,  lehnten
die  Zimmerer  für  ihr  Gewerbe  jegliche  Zulassung  von
Akkordarbeit  ab.  Die  Bauarbeiterverbände  erklärten  jedoch, ­
  daß  für  ihr  Gewerbe  Akkordarbeit,  wie  sie  bisher
bestand,  zugelassen  werden  soll,  unter  der  Voraussetzung,
daß  zwischen  den  örtlichen  Organisationen  Akkordtarife
abgeschlossen  werden  und  außerdem  in  den  einzelnen
Akkorden  der  Stundenlohn  garantiert  wird.
Bezüglich  der  Frage  des  Arbeitsnachweises  lehnten
die  Arbeitgebervertreter  jegliche  Regelung  im  Tarifvertrag
ab,  während  die  Arbeitervertreter  im  Prinzip  eine  tarifliche
Festlegung  in  Form  eines  paritätischen  Arbeitsnachweises
verlangten.  Jedenfalls  könnten  einseitige  Arbeitsnachweise
niemals  unter  dem  Schutz  des  Tarifvertrages  stehen.
Schließlich  wiederholten  die  Arbeitgebervertreter  ihren
Antrag  auf  Einbeziehung  der  Betonarbeiter  in  den
Tarifvertrag.  Die  Arbeitervertreter  erklärten,  sich  hierzu
heute  nicht  äußern  zu  können.  Angesichts  der  vorgeschrittenen ­
  Zeit  und  der  Behinderung  einer  Reihe  von
Mitgliedern  mußten  abends  gegen  7*/ a  Uhr  die  Verhandungen
  abgebrochen  werden.
Die  Unparteiischen  machten  im  Interesse  der  weiteren
Fortführung  der  Verhandlungen  folgende  Vorschläge:
1.  Es  wird  der  24.  Februar  zur  weiteren  Verhandlung  in
Aussicht  genommen;  2.  die  Vertragsparteien  verpflichten
sich,  bis  15.  Februar  ihre  Anträge  zum  Hauptvertrage
und  zum  Vertragsmuster  jedem  Unparteiischen  ausschließlich ­
  zu  dessen  persönlicher  Kenntnisnahme  einzureichen;
3.  Am  24.  Februar  soll  in  Verfolg  der  eingereichten  Anträge ­
  über  den  Hauptvertrag  und  das  Vertragsmuster  beraten ­
  und  hierüber  tunlichst  eine  Einigung  erstrebt  werden.
Zugleich  soll  über  die  Zubilligung  einer  Lohnerhöhung
verhandelt  werden.  Zur  Schaffung  einer  geeigneten
Grundlage  für  diese  Verhandlung  wird  dem  Arbeitgeberbund ­
  nahegelegt,  nach  erneuter  Fühlungnahme  mit  seinen

Mitgliedern  inzwischen  in  eine  nochmalige  Prüfung  dieser
Frage  einzutreten;  4.  Nach  Erledigung  dieser  Fragen  haben
die  örtlichen  bezw.  Bezirksverbände  über  die  im  Vertragsmuster ­
  offen  gelassenen  Punkte  zu  verhandeln  und  ernstlich ­
  eine  Einigung  zu  erstreben.
Nach  kurzer  Beratung  erklärten  sich  beide  Parteien
mit  diesen  Vorschlägen  einverstanden.
Die  Bedeutung  der  Internationalen
Baufach-Ausstellung
Da  die  Bedeutung  der  Internationalen  Baufach-Ausstellung ­
  in  Leipzig  1913  von  Tag  zu  Tag  mehr  in  der
Oeffentlichkeit  erörtert  wird,  ist  es  erfreulich,  daß  sich  in
unserer  Stadt  der  Baugewerke-Verein  Stuttgart,  e.  V.,  veranlaßt ­
  gesehen  hat,  seinen  Mitgliedern  bereits  jetzt,  mehrere
Monate  vor  Eröffnung  der  Ausstellung,  einen  Begriff  von
dem  werdenden  Weltunternehmen  zu  geben.  Am  Montag
Abend  versammelten  sich  eine  stattliche  Anzahl  Mitglieder
obigen  Vereins  sowie  des  Vereins  „Bauhütte“,  um  über
die  Bedeutung  der  Internationalen  Baufach-Ausstellung
einen  etwa  1  V 2 -stündigen  Vortrag,  der  durch  zahlreiche
Lichtbilder  reich  illustriert  wurde,  entgegenzunehmen.  Der
Vortragende  ging  zunächst  auf  die  Momente  ein,  die
dazu  geführt  haben,  überhaupt  eine  Internationale  Baufach-Ausstellung
  zu  veranstalten  und  entwickelte  im  Anschluß
hieran  das  außerordentlich  reichhaltige  Programm,  das
sich  diese  erste  Weltausstellung  des  Bau-  und  Wohnwesens
  in  Leipzig  gesteckt  hat.  Man  kann  schon  heute
sagen,  daß  diese  Ausstellung  zu  einer  außerordentlichen,
bedeutenden  technischen  und  wissenschaftlichen  Repräsentation ­
  aller  Kulturländer  auf  dem  Gebiete  des  Bauens
und  Wohnens  führen  wird  und  daß  dieses  Gebiet  in
einer  Ausdehnung  behandelt  werden  wird,  wie  es  bisher
auf  keiner  Ausstellung  möglich  war.  ln  klaren  Ausführungen ­
  zeichnete  der  Redner  das  Bild,  das  sich  im  Sommer
dieses  Jahres  in  Leipzig  entrollen  wird;  er  führte  seine
zahlreichen  Zuhörer  in  die  Industriehallen,  in  denen  alle
dem  Baugewerbe  einschlägigen  Zweige  vertreten  sein
werden.  Man  wird  dort  außerordentlich  reichhaltiges
Material  vorfinden,  das  jedermann  interessieren  dürfte.
Wir  konnten  einen  Einblick  in  die  gewaltige  Maschinenhalle ­
  tun,  in  der  man  fast  sämtliche  Maschinen  in  Betrieb
vorführen  wird.  In  einem  wohlgelungenen  Bilde  stellte
man  das  „Monument  des  Eisens“,  den  Palast,  den  der
Stahlwerks-Verband  mit  dem  Verein  deutscher  Brückenund
  Eisenbaufabriken  zusammen  erbaut,  dar  und  viele
andere  wundervolle  Bauten,  von  denen  die  Eisenbetonhalle, ­
  die  die  Ausstellungen  der  wissenschaftlichen  Abteilung, ­
  der  deutschen  Bundesstaaten,  der  Städte  usw.  aufnehmen ­
  soll  und  dazu  ausersehen  ist,  später  als  ständige
Ausstellungshalle  der  Stadt  Leipzig  bestehen  zu  bleiben,
erwähnt  sei.  Besonderes  Interesse  beanspruchen  daher
die  Ausstellungen  des  Preußischen,  Bayrischen  und  Sächsischen ­
  Staates.  Das  Ausland  beteiligt  sich  zum  Teil  in
der  wissenschaftlichen  Abteilung,  zum  Teil  in  eigenen
Pavillons  und  zwar  werden  Oesterreich-Ungarn,  Rußland,
Italien,  Rumänien,  Schweden  und  Norwegen,  Holland,
Dänemark,  Amerika  usw.  die  Ausstellung  beschicken.
Die  landwirtschaftliche  Sonderausstellung  wird  zeigen,
von  welcher  Einwirkung  die  Bauweise  auf  die  Rentabilität
der  Landwirtschaft  ist,  die  Ausstellung  für  ßauliteratur
wird  zum  ersten  Male  einen  Ueberblick  über  die  gesamte
Literatur  des  Bauwesens  geben.  In  der  Gartenvorstadt
Leipzig-Marienbrunn  wird  die  Bedeutung  der  Gartenstadtbewegung ­
  in  der  Neuzeit  dargelegt.  Welche  Bedeutung
der  Ausstellung  in  den  weitesten  Fachkreisen  beigemessen
wird,  geht  daraus  hervor,  daß  über  200  Kongresse  im
Rahmen  der  Ausstellung  abgehalten  werden.
            
Waiting...

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.