Full text: Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1915/16)

STUTTGART 
16/30. April 1916 
BTOM 
FÜR WÜRTTEMBERG 
BHDEM*HESSEN*EL 
SHSS- LOTHRINGEN* 
Inhalt: Die Ausbildung kriegsbeschädigter Maurer und Zimmerleute. — Neue Klein 
wohnungs-Bauten in Saarbrücken. — Tarifverträge. — Wettbewerbe — Vereins 
mitteilungen. — Personalien. — Briefkasten. 
Alle Rechte Vorbehalten. 
Die Ausbildung Kriegsbeschädigter Maurer- und Zimmerleute. 
Von Dipl.-lng. E. Schlunck, Architekt. 
Auf den ersten Blick erscheint es ja als gegeben und 
sehr einleuchtend, daß man einen kriegsbeschädigten 
Maurer oder Zimmermann, der durch seine Verletzung 
behindert ist, seinem bisherigen Beruf nachzugehen, zum 
Bauzeichner und Bautechniker ausbildet; und auf die 
Invaliden selbst wirkt der Gedanke, in eine gehobenere 
Stellung zu kommen, anspornend, wie überhaupt man 
allzu häufig bei den Invaliden die Ansicht wieder findet, 
daß sie nun unbedingt in eine Staatsstellung oder ge 
hobenere Stellung kommen müssen. Ja, man findet sogar 
Leute, die ein geringes zeichnerisches Talent haben, das 
man im Lazarett angestaunt hat, weniger weil man selbst 
viel davon hielt, als um den Verwundeten einen Gefallen 
zu tun, die nun kommen und durchaus ein freier Künstler 
werden wollen und sich schmollend zurückziehen, wenn 
man ihnen erklärt, daß es für sie aussichtsreicher wäre, 
bei ihrem alten Beruf zu bleiben oder sich doch wenigstens 
in diesem weiter auszubilden. 
Man tut unseren braven Kriegern wahrlich keinen 
Gefallen damit, wenn man ihnen alles Mögliche schön 
ausmalt und sie dabei läßt, Luftschlösser zu bauen; der 
Kampf um die Existenz ist bitter und wird schlecht aus 
gebildete Kräfte ohne weiteres beiseite schieben, ich meine, 
solche bitteren Enttäuschungen sollte man ihnen er 
sparen. — 
Es gibt natürlich unter den Invaliden eine Reihe von 
Leuten, für die sich wirklich eine höhere Ausbildung lohnt 
und die, mit dem nötigen geistigen Rüstzeug versehen, in 
einem höheren Berufe schon ihren Mann stellen werden. 
— Es ist nun Sache der Invalidenschule, zunächst diese 
Leute herauszusuchen, um sie nach der nötigen Aus 
bildung einer Baugewerkschule zu überweisen, denn nur 
Sache dieser kann es sein, Bautechniker heranzubilden. 
Für eine Invalidenschule ist eine geordnete Ausbildung 
zum Bautechniker gar nicht möglich, weil der fort 
währende Wechsel der Leute auch den bestgeordnetsten 
Lehrplan zunichte macht. Infolgedessen kann sich die 
Invalidenschule nur auf ein ganz geringes Pensum be 
schränken, wenigstens in der theoretischen Ausbildung. 
In der zeichnerischen Ausbildung kann sie natürlich, un 
beirrt, ob fortwährend neue Leute hinzukommen, mit dem 
einzelnen immer weitergehen. Aber da eben — wie ge 
sagt — die theoretische Ausbildung mit der zeichnerischen 
nicht planmäßig Hand in Hand gehen kann, so ist es un 
bedingt ratsamer, Leute, für die sich eine weitergehende 
Ausbildung lohnt, einer Baugewerkschule zu überweisen, 
vorausgesetzt, daß sie noch jung sind und daß sie nicht 
die Sorge um eine Familie zwingt, so schnell wie möglich 
wieder Geld zu verdienen, ln den meisten Fällen wird es 
sich aber gerade darum handeln, die Leute sobald wie 
möglich, wenigstens sofort nach ihrer Entlassung vom 
Militär, wieder einer lohnenden Beschäftigung zuzu 
führen. 
Die Ausbildung zum Bautechniker kommt also für 
die Invalidenschule gar nicht in Frage, fast ebenso ist es 
mit der Ausbildung zum Bauzeichner, hierzu eignen sich 
nur jüngere Leute; einen älteren Maurer oder Zimmer 
mann, der bisher schwer geschafft hat, zum Bauzeichner 
wenigstens soweit auszubilden, daß er damit ebensoviel 
verdienen kann, wie früher in seinem alten Beruf, ist nach 
meinen Erfahrungen in den meisten Fällen so gut wie aus 
geschlossen. Es bleibt also für die Invalidenschule nur 
übrig, die Maurer und Zimmerleute auszubilden zu Polie 
ren, zu Platzaufsehern, Materialienverwaltern, Kolonie- 
aufsehern, Bauboten und für ähnliche Posten. Es ist nicht 
gesagt, daß es sich hierbei immer um Stellen im Baufach 
handeln muß, ein Zimmermann ist auch in einer Fabrik 
als Lagerhalter ganz gern gesehen, kann er doch leichtere 
Reparaturarbeiten mit übernehmen. Ebenso werden auch 
Maurer und Zimmerleute gern als Fabrikportier und Auf 
seher angestellt, gerade deswegen, weil sie gleichzeitig bei 
den Baulichkeiten mit nach dem rechten sehen können. 
Bei all diesen Berufen spielt das Abfassen von Schrift 
stücken, Rechnen, Buchführung, Materialienkunde eine 
ziemliche Rolle, so daß diese Fächer unbedingt in der 
Invalidenschule eingehend behandelt werden müssen und 
nicht allein die zeichnerische, technische Ausbildung den 
Vorrang haben darf. Ein Stundenplan würde also bei 
täglich 7 Schulstunden vormittags von *49 bis l / 2 \2 Uhr, 
nachmittags von 2 bis 6 Uhr, also 42 Wochenstunden, 
folgende Verteilung der Fächer enthalten: 3 Stunden 
Buchführung, 3 Std. gewerbliches Rechnen, 2 Std. Ge 
schäftsaufsatz, 2 Std. Gesetzeskunde, verbunden mit Ab 
fassung von Eingaben an Behörden, Verträgen usw., 
1 Std. Geometrie, 3 Std. Baukonstruktionslehre, 1 Std. 
Baumaterialienlehre, 2 Std. Kostenberechnen. Die übrigen 
25 Stunden würden durch Fachzeichnen ausgefüllt wer 
den, natürlich das Fachzeichnen so aufgefaßt, daß der 
theoretische Unterricht im einzelnen an der Hand des von 
jedem bearbeiteten Projektes weiter fortgesetzt würde. 
Schüler, die an den theoretischen Fächern nicht teilneh 
men, werden auch in der Zeit dieser Fächer, also in 
42 Wochenstunden, im Fachzeichnen ausgebildet. Der 
Fachzeichenunterricht wäre nach der Hinsicht zu hand 
haben, daß jeder einzelne nicht in der sonst üblichen 
Weise mit dem Aufzeichnen von Verbänden beginnt — ich
	        

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