Full text: Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1915/16)

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BAUZEITUNO 
Nr. 16/17 
habe die Erfahrung gemacht, daß hiergegen unter den 
teilweise doch schon recht alten Schülern eine Abneigung 
besteht —, sondern den vollständigen Plan eines kleinen 
Gebäudes, so gut es geht, aufzeichnet. Eine mustergültige 
Paradezeichnung wird natürlich dabei nicht herauskom- 
j men, aber die Hauptsache ist, der einzelne gewinnt Inter 
esse an der Sache und lernt ohne weiteres gleich einen 
ganzen Plan kennen und auf diese Weise am besten, was 
für einen Polier von großer Wichtigkeit ist, eine Zeich 
nung lesen. Nachdem dieser Plan im Maßstab 1 :100 
fertiggestellt ist, werden hierzu zunächst Werkpläne im 
Maßstab 1 : 50 hergestellt. Alsdann werden die einzelnen 
wichtigeren Sachen im größeren Maßstab ausgearbeitet. 
Der Zimmermann zeichnet die Balkenlage, die Sparren 
lage, trägt die Gratsparren, Kehlen und Schifter aus, fer 
tigt hierzu eine Holzliste und einen Kostenartschlag an, er 
zeichnet die gewundene Holztreppe im größeren Maßstab 
auf, trägt die Wangen und den Krümmling aus usw. Der 
Maurer zeichnet das Kellergeschoß im größeren Maßstab, 
die Kellertreppe, die Kellergewölbe, Fenster usw., und 
schließlich kann er auch den Steinverband für einzelne 
Ecken, Schornsteine, Pfeiler und Fensterbögen des Ge 
bäudes zeichnen. Der Weg ist eben umgekehrt, vom 
Ganzen zum Einzelnen und nicht vom Einzelnen zum 
Ganzen. Es kommt schließlich auf eins heraus, nur ist es 
so naturgemäßer, weil man in der Praxis auch so verfährt, 
daß man erst das Ganze ins Auge faßt und dann die 
Einzelheiten, und weil bei dieser Methode man von vorn 
herein auf größeres Interesse bei den Schülern hoffen kann. 
Nun werden natürlich viele sagen, halt, die Leute zeichnen 
vollständige Pläne, die werden nun samt und sonders jetzt 
den Architekten und Baumeistern Konkurrenz machen. 
Wenn es so wäre, da müßten wir ja alle sehr töricht ge 
wesen sein, daß wir solange Schule besucht haben, um 
Architekten zu werden, wenn man jetzt dadurch, daß man 
es unter vieler Mühe und mit der nötigen Hilfe des Lehrers 
so weit bringt, einen Plan zu zeichnen, die Konkurrenz 
mit den voll ausgebildeten Architekten und Baumeistern 
aufnehmen kann. Die ganze Zeichnerei bezweckt ja gar 
nicht, daß die Leute all dies, was sie einmal gezeichnet 
haben, nun zeichnerisch nutzbringend verwerten können; 
sie sollen dadurch nur eine Zeichnung verstehen und dar 
nach arbeiten und bis in die Einzelheiten ausführen 
lernen; und das ist ja das, was der Polier kennen muß. 
Wie häufig kommt es z. B. vor, daß ein Zimmerpolier die 
Ausführung eines ganzen Baues, nicht bloß der Zimmer 
arbeiten, übertragen bekommt; was nützt es ihm da, wenn 
er nur immer Zimmerkonstruktionen gezeichnet hat und 
niemals einen ganzen Bau, so daß er sich nun in die ande 
ren technischen Einzelheiten des Gesamtplanes nicht hin 
einfindet ?! 
Ich wiederhole es daher noch einmal, nicht um zeich 
nen zu lernen wird an der Invalidenschule gezeichnet, son 
dern um eine Zeichnung bis in ihre Einzelheiten verstehen 
zu lernen. Und das kann man nicht besser erlernen, als 
dadurch, daß man selbst einmal alle Pläne anfertigt. Wenn 
es wirklich der Fall sein sollte, daß einer oder der andere 
in den Invalidenkursen soviel zeichnerische Fertigkeit er 
wirbt, daß er in der Lage ist, auf dem Lande einmal den 
Eingabeplan zu einer Scheuer oder einem kleinen Wohn- 
oder Stallgebäude anzufertigen, nun, so macht er damit 
doch wohl höchstens einem anderen Bauunternehmer 
Konkurrenz, der auch nicht viel mehr kann, ln den Ulmer 
Invalidenkursen sind einzelne Maurer und Zimmerleute 
nach obigem System soweit ausgebildet worden, daß sie 
die Maurer- resp. die Zimmermeisterprüfung an der Hand 
werkskammer abgelegt haben, sie sind aber auch nicht zu 
Zeichnern, sondern zu tüchtigen Handwerkern aus 
gebildet. — 
Eins spielt noch immer eine große Rolle, wie lange 
die Ausbildung dauert; die Ausbildung in den theore 
tischen Fächern hat immer ihre Schwierigkeiten darin ge 
habt, daß immerfort wieder neue Leute hinzukamen, 
andere wieder auf Urlaub gingen usw., so daß man an die 
Durchführung eines festen Lehrplanes gar nicht denken 
konnte. Jede Stunde mußte ein abgeschlossenes Kapitel 
behandeln; das geht wohl in einzelnen Fächern, in den 
meisten Fächern setzt aber immer das eine das andere 
voraus. 
Ich bin daher zu der Ueberzeugung gekommen, daß 
es am besten ist, den theoretischen Kurs nicht zu lange 
auszudehnen, lieber als seine Fortsetzung die individuelle 
Ausbildung am Zeichenbrett des einzelnen zu setzen. 
Jeder neu Hinzukommende geht zunächst nur in den 
Zeichensaal, wo es nichts ausmacht, wann er anfängt, und 
aller Vierteljahre oder auch in kürzerer Frist, wenn sich 
genügend Leute hierzu gesammelt haben, beginnt ein 
neuer theoretischer Kurs. Wer mit diesem fertig ist, geht 
wieder ausschließlich in den Zeichensaal.
	        

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