Full text: Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1915/16)

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BAUZEITUNO 
Nr. 22, 23 
Dies wurde durch Anbau des Ecktreppenhäuschens archi 
tektonisch einwandfrei gelöst und zugleich erreicht, daß 
beide Bodenräume über den Ställen von dieser einen 
Treppe aus direkt von außen erreichbar sind. 
So sind in ganz Ostpreußen, das bisher besonders 
auf dem Lande nur sehr wenige architektonische Reize zu 
bieten vermochte, tüchtige Kräfte an der Arbeit, um neues 
Leben aus den Ruinen erblühen zu lassen. 
Kriegssteuern.*) 
Weite Kreise unseres Volkes sind erst durch die 
Kriegssteuerentwürfe zu ernsthaftem Nachdenken über die 
wirtschaftlichen Ansprüche eines modernen Krieges ge 
bracht worden. Sonst hätten sie nicht billigen können, 
daß man die Kosten der Kriegführung bisher allein durch 
tiges erkennen und anerkennen, um dann ernsthaft die 
Lösung des Steuerproblems darin zu suchen; zwischen 
unberechenbaren und berechenbaren Leistungen des Staa 
tes streng zu unterscheiden, damit er seinen Bürgern für 
die berechenbaren nicht mehr Steuern abverlange, als ihm 
zukommt, und sie nur denen auferlege, denen die ent 
sprechende Dienste zugute kommen. Es wird sich gewiß 
niemand vermessen wollen, das, was ein Heer im Kriege 
für das Volk, dessen Waffe es ist, leistet, errechnen und auf 
Heller und Pfennig in einer bestimmten Geldsumme aus- 
drücken zu wollen. Ist es siegreich, so unterliegt freilich 
keinem Zweifel, daß sich seine blutige Arbeit „gelohnt“ 
hat, sei es für die Volksgesamtheit, sei es nur für einzelne 
Gruppen. Die deutschen Siege haben alle Völker der Erde 
auf lange Zeit hinaus die Kraft des deutschen Volkstums 
höher schätzen gelehrt, als bisher. Der deutsche Kauf- 
Wiederaufbau des 
Gasthauses Lehnert 
in Kyschienen. 
Anleihen gedeckt hat. Erst jetzt geht man dazu über, 
neue Steuern einzuführen, wo der durch die Anleihen ver 
vielfältigte Zinsendienst des Reiches sie schlechtweg ge 
bieterisch verlangt. Die älteren Staatsrechtsforscher waren 
meist geneigt, Steuern nach der kaufmännischen Regel von 
der Gegenleistung einer Leistung zu beurteilen. Hobbes 
faßt die Steuer auf als „Preis erkaufter Sicherheit“, Hugo 
Grotius spricht von ihnen ganz kaufmännisch wie von 
(bestimmten) Gegenleistungen für (bestimmte) Leistungen 
des Staates. Eine etwas abweichende Art der Betrachtung 
suchte das „Recht“ des Staates auf Steuern nach der Größe 
des Vermögens zu bemessen, das der einzelne unter dem 
Schutze des Staats genießt. Heute ist man in wissen 
schaftlichen Kreisen vorweigend der Meinung, daß die 
Leistungen des Staates nach ihrer ganzen Natur unteilbar 
und unberechenbar seien und daher nicht als Grundlage 
für die Bemessung der auf die einzelnen entfallenden 
Steuerquoten dienen könnten. Mit der Zeit wird man ge 
wiß auch in den älteren Auffassungen wieder viel Rich- 
*) Aus dem 2 Aprilheft des Deutschen Willens (Kunstwart). 
mann wird sich dieses Wachstum der Macht und des An 
sehens seines Volkes in aller Welt in den Preisen seiner 
Waren bar bezahlen lassen können, und die Mehrwerte, 
die auf solche Weise dem deutschen Volksvermögen Zu 
wachsen, können den Krieg sehr rasch für das deutsche 
Volk oder einen Teil davon in buchstäblichem Sjnne „be 
zahlt“ machen. Nur übersteigt es das Vermögen des 
besten Rechenkünstlers, diesem Vorgang ziffermäßig bei 
zukommen. Noch viel weniger läßt sich der materielle 
Nutzen rechnungsmäßig bestimmen, der einem Volke aus 
seelischen Veränderungen entstehen mag, die aus dem 
Kriege stammen. Die erste Forderung an Kriegssteuern 
ist gewiß die: daß sie die produktiven Kräfte des Wirt 
schaftslebens so wenig wie möglich belasten. Der natio 
nale Wirtschaftsorganismus soll nach dem Kriege unter 
erschwerten Bedingungen das im Kriege Verlorene 
wiedergewinnen und dann den nationalen Wohlstand wo 
möglich über den Stand vor dem Kriege hinausheben. Das 
wird er um so besser vermögen, je freier er sich regen und 
bewegen kann. Schlechte Steuern sind unter diesen Um 
ständen vor allem Verkehrssteuern. Ein weitblickender
	        

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