Full text: Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1915/16)

1./15. Dezember 1916. 
BAUZEITUNG 
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Wir denken an ein stattliches Gebäude in schlichten, 
edlen Formen. Der Entwurf ist dem besten Baukünstler 
zu übertragen, der dafür gewonnen werden kann. In ge 
eigneten Fällen mag ein Wettbewerb veranstaltet und so 
auch den jüngeren, noch weniger bekannten Künstlern 
Gelegenheit geboten werden, ihr Können zu zeigen. Das 
Volkshaus liegt nicht in den Vierteln der Reichen, sondern 
an einer Stelle, die von der minderbemittelten Bevölkerung, 
der es vor allem dienen soll, leicht erreicht werden kann. 
Wenn dafür eine noch unbebaute Straße zur Verfügung 
steht, mögen die Nachbargrundstücke einer gemeinnützi 
gen Bauvereinigung zur Errichtung von guten Kleinwoh 
nungen übergeben und zugleich dafür gesorgt werden, daß 
die Straße oder der Platz ein künstlerisch einheitliches Ge 
präge erhält und die bauliche Wirkung des Volkshauses 
durch seine Umgebung gesteigert wird. 
Räumen liegt das Jugendheim. Im Untergeschoß können 
die Werkstätten untergebracht werden, in denen die Buben 
und Mädels sich unter guter Leitung als Schreiner und 
Schlosser, als Schnitzer und Buchbinder betätigen und 
spinnen und weben lernen. In der mit den Erfrischungs 
räumen verbundenen Küche und der zum Hausbetrieb 
gehörenden Waschanstalt können Haushaltungskurse für 
die Mädchen abgehalten werden. Außerdem würden zum 
Jugendheim noch einige andere Räume gehören, vor allem 
ein Lesezimmer mit einer Bibliothek und ein Spiel- und 
Unterhaltungszimmer. 
Die Ausstattung aller dieser Räume denken wir uns 
dem Zweck entsprechend würdig und einfach. Der Archi 
tekt sollte jedoch viel Fleiß und Nachdenken darauf ver 
wenden, sie so zu gestalten, daß im Laufe der Zeit bild 
licher und plastischer Schmuck an passender Stelle an- 
Von einem mehr oder minder großen Vorplatz oder 
Vorhof führen einige Stufen zur Eingangshalle. In ihr 
mag die Erinnerungstafel mit den Namen der Gefallenen 
angebracht werden. Aus der Halle gelangt man in den 
stattlichen Versammlungssaal. Hier werden Vorträge ge 
halten, wohl auch gelegentlich Konzerte, Theaterauffüh 
rungen und kleine Ausstellungen veranstaltet. Hier mag 
bei schlechtem Wetter die Jugend spielen, tanzen und tur 
nen. Allen politischen und anderen Vereinen steht der 
Saal für ihre Veranstaltungen offen. Dem Zauber edler 
Raumwirkung werden sich die Menschen, die an diesen 
Veranstaltungen teilnehmen, nicht entziehen können. Denn 
alles Tüchtige und Gute wird durch die edle Form, in der 
es zum Ausdruck gebracht wird, in seiner Wirkung gesteigert. 
An den Saal mögen sich einige Erfrischungsräume 
anschließen, vielleicht ein Kaffeehaus oder ein alkohol 
freies Speisehaus, wie es in vielen Städten noch fehlt. Für 
kleinere Versammlungen und Sitzungen der Vereine, die 
im Volkshaus ihr Heim finden, sind einige weitere Räume 
von verschiedenen Abmessungen vorzusehen. 
Abgetrennt von den für die Erwachsenen bestimmten 
gebracht werden kann. Denn hoffentlich wird das Ent 
stehen solcher Volkshäuser auch zur Reform unserer 
Kunstpflege beitragen. 
Dem Volkshaus in der Stadt entspricht das Gemeinde 
haus auf dem Dorf. Auch hier fehlt es zumeist an einem 
würdigen Versammlungssaal und an einigen kleineren 
Räumen, in denen die Dorfbibliothek, vielleicht ein kleines 
Dorfmuseum mit Erinnerungen an die Ortsgeschichte 
untergebracht werden und die Jugendfürsorge ihre Stätte 
finden könnte. Die Landwirtschaft hat während dieses 
Krieges soviel verdient, daß die Aufbringung der erforder 
lichen Mittel vielfach keine Schwierigkeiten bereiten würde. 
Das Kriegsdenkmal, das wir wünschen, ist mehr als 
lebloser Stein. Es ist ein Baum, der aus der Heimaterde 
emporwächst. Mit tausend Wurzeln umfaßt er liebevoll 
das Vergangene und zieht aus all dem Wertvollen, das 
deutsche Kultur geschaffen, und aus dem roten Blut, das 
zu ihrer Verteidigung geflossen, die Kräfte, um den Gipfel 
den Sonnenstrahlen und Stürmen der Zukunft entgegenzu 
strecken, und denen, die sich unter seinem Schatten sam 
meln, Blüten und Früchte zu schenken. (m.)
	        

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