Full text: Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1917/18)

2 
BAUZEITUNG 
Nr, 1/3 
eingefallenen Einfluglucken. Die strengen Forderungen 
des Krieges haben die ehemaligen Bewohner in irgend 
einen Brattopf verschwinden lassen und man kann sich 
nur noch im Geiste das gewiß anmutige Bild vergegen 
wärtigen, diese Hochsitze von Hunderten von Tauben 
umschwärmt zu sehen. 
Ein gleichfalls malerisches aber weniger erfreuliches 
Bild bieten die noch überall in Benützung stehenden 
Brunnenhäuschen; weniger erfreulich deshalb, weil sie 
beweisen, wie rückständig die dortige Gegend in punkto 
Hygiene geblieben ist. Während in unserem Schwaben 
lande auch auf dem Lande schon vielfach Wasserleitungen 
anzutreffen sind oder, wo dies nicht der Fall ist, wenig 
stens einwandsfreie Pumpbrunnen bestehen, ist die Was 
serversorgung der franz. Ortschaften noch wie in den 
biblischen Zeiten geregelt. Man gräbt dort einen mehr 
oder minder tiefen Schacht bis man auf Grundwasser 
stößt und zieht das Wasser in Kübeln an die Oberfläche. 
Da nun das Grundwasser bei der sehr durchlässigen 
Kreideformation der Champagne manchmal bis zu 40— 
45 m tief liegt, ist auch noch eine ganz beträchtliche Arbeits 
leistung damit verbunden, das Wasser von solchen Tiefen 
in Eimern heraufzukurbeln. Die Folge dieser erschwerten 
Wasserbeschaffung ist Schmutz in allen Variationen bei 
Mensch und Vieh. 
Bild 4 zeigt den Oberbau eines solchen Brunnen 
schachtes, der in seiner malerischen Baufälligkeit ein ganz 
hübsches Skizzier-Motiv abgibt, dessen Wasser jedoch 
nur mit Vorsicht, am besten mit einem starken Schuß 
Cognak gemischt, zu genießen ist. 
Bild 5 zeigt wie sorglos die Franzmänner sind. Trotz 
dem ein ca. 40 m tiefer Schacht ins Erdinnere führt, ist 
keine Türe am Brunnen angebracht. Dieser Brunnen- 
Oberbau bietet übrigens in seinem kräftigen einfachen 
Aufbau ein prächtiges Beispiel guter Dorfbaukunst. 
Bild 6 stellt eine neuere Anlage dar, die eine liebe 
volle Behandlung des Ortsbaukünstlers erfuhr, der neben 
der Zweckmäßigkeit der ganzen Anlage entschieden auch 
auf eine gute architektonische Wirkung derselben Bedacht 
genommen hat. 
Zum Schlüsse ist in Bild 7 noch eine typische franz. 
Dorfstraße wiedergegeben, die eigentlich aus dem Rah 
men dieses Aufsatzes herausfällt, deren Wiedergabe je 
doch ein gutes Bild des baulichen Zustandes der besetz 
ten franz. Dörfer gibt. Der Giebel des zweiten Hauses 
hat sich bereits vom Dache gelöst und wird über kurz 
oder lang einstürzen; das dritte Haus ist bereits einge 
stürzt und steht nur noch der halbe Dachstuhl. Nicht 
etwa eine Granate oder Fliegerbombe hat den Einsturz 
hervorgerufen, sondern echt französische Gleichgiltigkeit. 
Die alten Besitzer sind gestorben, direkte Erben sind 
nicht vorhanden, verkauft kann das Anwesen während 
des Krieges nicht werden, jetzt stürzt es eben ein, kein 
Mensch kümmert sich darum. 
Daucher, 
Leutnant und Kompagnieführer 
in einem württ. Armierungsbataillon. 
Stellungnahme der baugewerblichen Arbeit 
geberverbände. 
Die Arbeiterfragen in der Uebergangszeit. 
Der Reichsbund baugewerblicher Arbeitgeberverbän 
de, der die großen deutschen Arbeitgeberzentralverbande 
des Hochbau-, Tiefbau-, Holz-, Maler-, Stuckateur-, Dach 
decker-, Klempner-, Installateur- und Steinsetzergewerbes 
umfaßt, mit (vor dem Kriege) 60000 Mitgliedern und 
700 Mill. M. Jahreslohnsumme, hat in seiner Sitzung am 
13. November 1917 zu den Arbeiterfragen der Ueber 
gangszeit Stellung genommen und seine Wünsche und 
Bild 2. Hof-Einfahrt mit Taubenhaus in Boncourt. 
Anträge den gesetzgebenden Körperschaften des Reichs 
am 17. November mit der Bitte um Berücksichtigung un 
terbreitet. Die Eingabe an Bundesrat und Reichstag lautet: 
I. Entlassung der Kriegsteilnehmer. Die Not 
wendigkeit, die nach Friedensschluß im Heeresdienst frei 
werdenden Arbeiter in den ersten Monaten vor Arbeits 
und Erwerbslosigkeit zu schützen, erfordert eine weit 
gehende Berücksichtigung des voraussichtlich eintreten 
den Arbeiterbedarfs bei der Entlassung der Mannschaften. 
Die Gewerkschaften vertreten die Anschauung, daß 
die erforderlichen Notstandsarbeiten, Wiederherstellung 
der beschädigten Heeresausrüstung, Eisenbahn-, Schiffs 
und Kanalbauten, Ausbau des mitteleuropäischen Wasser 
straßensystems usw. genügen würden, um den größten 
Prozentsatz der entlassenen Kriegsteilnehmer, die nicht 
sofort ihre alte Beschäftigung wieder aufnehmen können, 
Arbeit zu verschaffen. Bezeichnend ist jedoch, daß diese 
Forderung in ihren Kreisen nicht durchweg beifällig auf 
genommen worden ist. So hat z. B. auf dem Würzbur 
ger sozialdemokratischen Parteitag ein Vorstandsmitglied 
des Deutschen Bauarbeiterverbandes die Ansicht vertre 
ten, daß eine nicht sofortige Entlassung der Arbeiter zwar 
nicht ihren Wünschen, wohl aber ihrem Interesse ent 
spräche. Wir können uns mit dieser Anschauung einver 
standen erklären. Solange es nicht feststeht, daß für die 
zu entlassenden Mannschaften (es sind schätzungsweise 
8 bis 10 Millionen) auch genügend Arbeit vorhanden ist, 
halten wir eine Ueberschwemmung des Arbeitsmarktes 
mit Arbeitsuchenden für zu gefährlich, um damit Experi 
mente zu machen. 
Im Baugewerbe und in den Baunebengewerben wür 
de zwar im Hinblick auf die seit 3 Jahren größtenteils im 
Rückstand gebliebenen Instandsetzungsarbeiten und die 
in einzelnen Gebieten drohende Wohnungsnot recht bald 
Beschäftigung für große Mengen von Arbeitern vorhanden 
I
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.