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BAUZEITUNG
Nr. 31/32
waschen, um den losen schwefelsauren Kalk, der sich an
der Oberfläche bildet, zu entfernen.
Ein anderes Mittel bildet eine Lösung von 10 Gramm
kohlensauren, an der Luft zerfallenden Ammoniakes auf
1 Liter Wasser. Die Kohlensäure verbindet sich mit dem
Aetzkalk des Zement- oder Betonkörpers zu kohlensaurem
Kalk. Vor dem Grundieren muß aber Abspiilen mit reinem
Wasser und Trocknung stattgefunden haben.
Ist es dann soweit, den Oelfarben-Anstrich aufzutragen,
so soll man als Farbkörper, die mit Oel zu vermischen
sind, nicht metallische Farben verwenden, die,
wie z. B. Bleiweiß, gegen Alkalien sehr empfindlich sind.
Insbesondere wird empfohlen, für helle Oelfarbenanstriche
anstelle des Bleiweiß Lithopone als Grundfarben unzuwenden.
Zu Mischfarben sind ferner wirklich permanente
Farbkörper, namentlich reine Frd- und Mineralfarben, besonders
geeignet.
Für Anstriche auf frischem Zementputz wird in der
„Baukunde des Architekten” (Berlin 1895, Bd, I, Teil 2)
das von Dr. Koch und Dr. Adamy erfundene Verfahren
empfohlen, den Zement für stereo-chromatische Bemalung
tauglich zu machen. „Nach diesem — patentierten — Verfahren
erhält der gewöhnliche Zementputz einen mit ihm
zu gleicher Zeit aufzutragenden, 2—3 mm starken Ueberzug,
der aus einer Mischung („Polychromzement”) von
30—50 % reinem Zement und 30—50 / fein gemahlenem
Bimssteinsand besteht. Nachdem dieser, am besten mit
einem Filzbrett geglättete Putz während eines Zeitraums
von 4 Wochen oft angefeuchtet und gegen die unmittelbare
Wirkung der Sonnenbestrahlung geschützt worden
ist, um die Bildung von Haarrissen zu verhüten, wäscht
man ihn mit Kiesel-Fluorwasserstoffsäure ab, überstreicht
ihn mit einer Wasserglas-Lösung, gibt ihm den aus haltbaren
Farben hergestellten Anstrich und fixiert diesen endlich
mit Fixier-Wasserglas mittels eines Zerstäubers. Vor
dem Anstrich mit Farbe ist der Putzgrund mit Wasser
anzufeuchten. Das Verfahren hat große Aehnlichkeit mit
der Keim’schen Mineralmalerei.”
Als haltbarer Anstrich auf frischem Zementputz wurden
in den letzten Jahren mannigfache neue Produkte, wie
z. B. „Preolit” und „Indurin” empfohlen. Preolitmörtel
und Preolitanstriche auf frischen Zement- und Betonkörpern
wurden in sehr wirkungsvoller Weise auf der Internationalen
Baufach-Ausstellung des Jahres 1913 in Leipzig
vorgeführt. Aus einem hochgelegenen Behälter floß
über eine außen unbekleidete Mauersteinwand unausgesetzt
Wasser, das unten von einem Bassin aufgefangen
wurd. Die auf einer Seite mit Wasser bespülte Wand war
aber auf der andern mit Preolitmörtel, d. h. mit Zement
und einem Zusatz von Preolit verputzt, dann mit einem
Preolitanstrich und schließlich mit einer Oelfarbendeckschicht
versehen. Es zeigte sich, daß der Putz trotz der
ständigen Bespülung der Mauer auf der einen Seite an der
Sichtfläche vollständig trocken und der Anstrich unverletzt
war. Auf derartige überraschende Schaustücke auf
Ausstellungen darf man allerdings nicht zu viel geben.
Immerhin zeigt das anschauliche Beispiel, daß man OeL
farbenanstriche auch auf frischem Zement und B eton auszuführen
vermag, aber immer in Verbindung mit einem
bewährten Dichtungsmittel. Außer Preolit wird für diesen
Zweck namentlich auch Zeresit empfohlen, ein butterweicher,
wässeriger Brei, der deih Wasser des Mörtels zugesetzt
wird und sowohl für Zementmörtel und Beton, wie
auch für hydraulischen Kalkmörtel Anwendung finden
kann. * *Ai|
Balthasar Neumann.
Über „die Tätigkeit des Großmeisters Balthasar
Neumann in Württemberg“ hielt am 17. Mai d. Js. im
württembergischen Verein für Baukunde Eisenbahnbauinspektor
Dr.-ing. Willy P. Fuchs einen durch zahlreiche
Lichtbilder erläuterten Vortrag. Nach einigen einleitenden
Bemerkungen über die universale Begabung und Bedeutung
des berühmten Erbauers der Würzburger Residenz
— namentlich auch im Hinblick auf die heutzutage häufig
anzutreffende einseitige Betonung der rein formalen Seite
architektonischen Könnens — und einer kurzen Schilderung
seines Lebenslaufs entwickelte der Redner ein anschauliches
Bild der umfassenden Tätigkeit Neumanns in
Württemberg, wobei es ihm offenbar weniger um eine
erschöpfende Aufzählung historischer bzw. bauhistorischer
Daten, als um das Herausschälen der stilkritischen und
ästhetischen Momente, sowie um die Feststellung des
Maßes von Neumanns Anteil an jedem einzelnen Bauwerk
zu tun war. Die Aufträge in Württemberg verdankt Neumann
in erster Linie der weitverzweigten, kunstliebenden
Fürstenfamilie der Schönborn und weiterhin dem Deutschmeister
und dem Benediktinerorden. Leider ist vieles von
dem, was der Meister für unser Land erdacht und entworfen,
nicht oder nur verstümmelt zur Ausführung gekommen.
Zum Bau der Schöntaler Abteikirche (ca. 1724), die
Leonhard Dientzenhofer entworfen und größtenteils auch
ausgeführt hat, wurde Neumann als technische Autorität
gerufen. Es war ein Glück für ihn, daß er in Schöntal
Gelegenheit fand, einmal „eine schwäbische Halle durchzudenken,“
ohne sie wären alle seine späteren Kirchenbauten
nicht zu denken.
Sein kirchliches Meisterwerk, nicht nur in Württemberg,
sondern überhaupt, ist die Neresheimer Abteikirche
(1743 — 53). Er verband dort das System der schwäbischen
Barockhalle mit dem fränkischen, der malerischen
Gruppierung von Ovalräumen zu einem neuen, höchst
eigenartigen Organismus. Im Innern wie am Äußern
haben die Nachfolger Neumanns als Vollender des Baus
viel verdorben. Für seine Raumwirkung bleibt aber trotz
allem bestehen, was Dohme darüber sagt: „Die Barockarchitektur
nicht nur Deutschlands, sondern Europas hat
weniges, was sich mit ihm messen kann." Die künstlerische
Mitwirkung Neumanns an der Deutschmeisterschlosskirche
zu Mergentheim (ca. 1736) war wohl grundlegend
und ausschlaggebend, beschränkte sich jedoch bezüglich
der Westfassade auf die allgemeine Disposition, während
ihre Detailbehandlung und die innere Ausgestaltung der
Kirche bestimmt auf andere Baumeister (CuvillKs und
Franz Roth aus Ellingen) stammen. Das Priesterseminar
auf dem Schönenberg bei Eliwangen (1747 — 50) ist von
ihm entworfen und auch ausgeführt, einige bedauerliche
Mängel dürften anf den eigenmächtigen Bauleiter A. Prahl
zurückzuführen sein. In der Neuen Abtei zu Schönlai
(ca. 1738) ist die Gangtreppe zweifellos von Neumann
und sie ist ein echter Rokoko-Raum (also nicht nur
Rokoko - Details!). Nicht sicher, aber wahrscheinlich ist
auch sein Anteil an der Treppe des Wurzacher Schlosses.
Für das Ellwanger Rathaus hat der Meister eine ganze
Reihe von Projekten aufgestellt. Das endlich ausgeführtc
läßt leider wenig mehr von seinen Gedanken erkennen;
nur einige Details, wie die Gitter und Konsolen des Eckbalkons
scheinen nach seinen Entwürfen ausgeführt zu
sein.
* Der Einfluß Neumanns auf den sogenannten Oberen
Palmschen Bau in Eßlingen (1746) war nach Ansicht des
Vortragenden — im Gegensatz zu derjenigen anderer
Neumannforscher — nur indirekter Natur. Der Name
des Architekten konnte bis heute urkundlich nicht festgestellt
werden, in erster Linie dürfte der Oesterreicher
Gumß (Erbauer des Innsbrucker Landeshauses) in Be