Full text: Süd- und Mitteldeutsche Bauzeitung (1919/20)

birge der Achen und damit dem Chiemsee zu. Hier war 
den Flußgeschieben vorerst ein Halt geboten. Der zum 
Fluß gewordene Gletscherbach wurde aber hierdurch 
nicht gehemmt; immer wieder schleppte er neue Schutt 
massen herbei, die über die schon abgelagerten hinweg 
geschoben oder seitlich derselben ausgebreitet wurden. 
So wurde der See ständig verkleinert, während er sich 
gleichzeitig einen Abfluß suchte. Er bemühte sich, den 
60 Kilometer langen Moränenrücken im Norden zu durch 
brechen, und stürzte sich schließlich in Form der Alz mit 
starkem Gefälle hinab zum Inn. Der Abflußgraben formte 
und vertiefte sich immer mehr zum Alztal, senkte den 
Wasserspiegel und half so der auffüllenden Achen, den 
See zu verkleinern. So lange nun die Alz ihre Erosions- 
tätigkeit fortsetzte und den Wasserspiegel tiefer senkte, 
hatte die Ache trotz der ständigen Verlängerung ihres 
Laufes durch das angeschwemmte Land immer das gleiche 
Gefälle, und schon frühzeitig entstanden viele Siedelungen 
auf dem fruchtbaren Alluvialboden. Als aber die Alz, 
wie alle aus einem See kommenden, keine Geschiebe füh 
renden Gewässer, ihren Lauf in vielen Windungen ausge 
bildet und verlängert hatte und damit ihre Kraft zu weite 
ren Vertiefungen gebrochen war, blieb der Seespiegel auf 
einer gewissen Höhe stehen, und die Ache hatte bei ihren 
ständig herangeführten Verlandungen am See kein Gefälle 
mehr. Es geschah also, was bei allen geschiebeführenden 
Llüssen der Lall ist, daß sich das Llußbett von der See 
mündung nach rückwärts aufhöhte, es entstand die soge 
nannte Aufsattelung. Jedes Jahr legte die Achen 
0,4 Hektar Land vor und verlängerte ihren Lauf um 36 
Meter. Die Aufhöhung des Flußbettes betrug jährlich 
5 Zentimeter. Ein geologischer Vorgang von unheim 
licher Schnelligkeit. Seine Schlußfolgerungen wollen wir 
später zu Ende führen. 
Seit Beginn der Aufsattelung des Flußbettes trat lang 
sam, aber stetig, die Versumpfung des Südufers auf. Denn 
mit der Erhöhung der Achensohle hob sich auch ringsum 
das Grundwasser und versetzte allmählich das geschaffene 
Kulturland wieder in den Zustand von Flußauen. 
Und was war das für Kulturland, das die Achen im 
Laufe von Jahrtausenden herbeigeschleppt hatte! Die 
Achen bringt von ihrem Oberlauf in Tirol die Verwitte 
rungsprodukte von Urtonschiefer, Buntsandstein und Mu 
schelkalk und vermischt sie im Unterlauf mit Kalkproduk 
ten zu äußerst fruchtbarem Alluvialboden. Diese Frucht 
barkeit des Bodens macht es erklärlich, daß sich zu einer 
besseren Zeit eine starke Bevölkerung hier angesiedelt und 
ernährt hatte. Noch im Anfang des vorigen Jahrhunderts 
wurde der Boden in gartenbaumäßiger Weise, namentlich 
zur Zwiebelzucht, bebaut. Aber schon in den vierziger 
Jahren waren die Kulturen stark zurückgegangen und im 
Jahre 1864 berichtete der Kreiskulturingenieur Statzner, 
daß von 10 500 Tagwerk besten Alluvialbodens nur mehr 
1500 Tagwerk warm und trocken, Jas übrige mehr oder 
weniger versumpft sei. 
Was war zu tun. Man korrigierte die Achen, führte 
ihre Schlangenwindungen gerade, um ihren Lauf zu ver 
kürzen und dadurch das Gefälle zu vergrößern, aber die 
Mündungshöhe blieb unverändert, nämlich der Seespiegel. 
Dazu erhielt sich hartnäckig ein Gerücht, daß in frühe 
ren Zeiten der See an seinem Auslauf künstlich aufgestaut 
worden sei, wodurch das Grundwasser im ganzen süd 
lichen Seegebiet höher gestiegen wäre und viel weitere 
Flächen wie früher bei Hochwasser überflutet seien. Man 
ging der Sache nach und fand in alten Urkunden einige 
Anhaltspunkte. In einer Reiseregistratur eines höheren 
Regierungsbeamten vom Jahre 1765 wird dem Hoffischer 
meister die Ausbesserung des „Wuhrs“ in Seebruck mit 
Fichtenreisig angeordnet, „um den See in seiner Ordnung 
zu erhalten und ein zu starkes Ablaufen desselben zu ver 
hüten“. Und in einem Protokoll vom Jahre 1815 wird 
den Achenanwohnern von Feldwies die unentgeltliche Ab 
gabe alles Holzes zur Achenverwertung zugesagt, den 
selben dagegen die Zerstörung der Fischerzäune bei See-
	        

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