Full text: Süd- und Mitteldeutsche Bauzeitung (1919/20)

16./31. Jan. 1920. 
BAUZEITUNG 
„Getrennt“. 
Architekt L. Rest, Stuttgart. 
Ankauf. 
brück auferlegt. In der Tat wurden dann bei der Aus 
führung der Seetieferlegung über 1000 Fichtenpfähle aus 
gebaggert, sowie ein dichte, oberhalb der Brücke über die 
ganze Alz reichende Verpfählung aus Eichenholz zutage 
gefördert die bis über den Kopf eingekiest war. In den 
Fichtenpfählen hatte man die Fischerzäune, in den Eichen 
pfählen das „Wuhr“ gefunden, deren Existenz im Laufe 
von einem Jahrhundert in Vergessenheit geraten war. 
Der Zweck dieses „Wuhres“ war, die mit Schilf und 
Streu überwachsenen Ufer zu überstauen, um die Laich 
plätze zu verbessern und den Lischen Nahrung zu ver 
schaffen. Außerdem war die Alz durch die bei allen 
Seeausflüssen zu beobachtende Tuffbildung und die Vege 
tation selbst in ihrem Ablaufvermögen behindert. Kurz 
die Südbewohner des Sees hatten recht. Der Seespiegel 
hatte sich im Lauf der Zeit gehoben und den größten Teil 
ihrer Wiesen versauert und bei Hochwasser der Ueber- 
flutung preisgegeben. 
Nun wäre ja der einfachste Weg gewesen, man e r - 
weitert tüchtig den Seeablauf, die A1 z, dann zieht das 
Wasser schon ab, je mehr, desto heilsamer ist die Wir 
kung am Südufer. Aber da kamen die Bewohner des Alz- 
tales bis hinab zum Inn und protestierten heftig, denn ihre 
Wünsche sind denen des Südufers entgegengesetzt. 
Wenn nämlich die Achen starkes Hochwasser dem 
Chiemsee zutreibt, läuft es nicht sofort durch die Alz 
am Seeausgang ab, sondern der'See hält es durch An 
schwellen längere Zeit zurück. Erst viele Stunden später 
beginnt die Alz in langsamem Ansteigen das Hochwasser 
abzuführen. Was hat das für eine Bedeutung für das Alz- 
tal? Bei Altenmarkt mündet die Traun in die Alz. Sie 
bringt fast zu gleicher Zeit ihr Hochwasser daher wie die 
Achen in den Chiemsee. Dadurch, daß nun das Achen 
hochwasser durch den See zurückgehalten wird, gelangt 
es in seinem Flöchststand durch die Alz erst nach Alten 
markt, wenn bereits der Höchststand des Traunhoch 
wassers 56 Stunden vorüber ist, d. h. bedeutend abgeflaut 
hat. Auf diese Weise erhält Altenmarkt und von da das 
Alztal hinab zum Inn nur 600 Kubikmeter sekundliches 
Hochwasser, während beim Zusammentreffen der höch 
sten Hochwasser, d. h. wenn kein gütig zurückhaltender 
See vorhanden wäre, 1700 Kubikmeter sekundliches Hoch 
wasser in Altenmarkt Zusammenkommen und das Alztal 
hinabfluten würden. Man sieht hieraus die segensreiche 
Wirkung des aufspeichernden Sees. Je größer seine 
Fläche, desto länger hält er das Hochwasser zurück und 
läßt der Traun Zeit, ihr Hochwasser erst abfluten zu 
lassen. 
Da nun aber jede Seesenkung naturgemäß mit einer 
Seesoiegelverkleinerung verbunden ist, kann man die Sor 
ten der Alztalbewohner begreifen. Es galt also eine 
Lösung zu finden auf der Grundlage, daß am südlichen 
See-Einflußgebiet durch Absenkung des Seespiegels das 
Grundwasser vertieft, der Achen wenigstens auf Jahre 
hinaus wieder Vorflut geschaffen und das Ueberflutungs- 
gebiet des Seehochwassers verringert wird, während im 
Norden der Abfluß der Alz derart erhalten werden muß, 
daß auch in Zukunft nicht mehr sekundliches Hochwasser 
und sein Höchststand nicht wesentlich früher zur Traun 
mündung gelangt wie bisher. 
Nach diesen Gesichtspunkten wurde das Projekt von 
Mayr und Nenning seinerzeit zum Nutzen und zur Zu 
friedenheit des weiten See-Einflüßgebietes ausgeführt, und 
sie werden ihre Gültigkeit auch in Zukunft behalten für 
alle Eingriffe in das Seegebiet, gleichviel in welcher Form 
sie gedacht sind. Sonst dürfte ein Zukunftsbild beschleu 
nigt werden, das wohl niemand gefallen wird, das aber 
durch die Entwicklung der Dinge gegeben ist. 
Das wollen wir noch zum Schluß betrachten. Wenn 
die Achen unermüdlich ihre Schuttmassen in den See 
führt, die jährlich beinahe ein halbes Hektar Land an der 
tiefsten Stelle anlegen, so ist leicht auszurechnen, daß der 
See in der geologisch kurzen Zeit von 7000 Jahren aus 
gefüllt wäre. Wird es dazu kommen? Wir haben ge 
sehen, daß, je kleiner der See wird, desto rascher das 
Hochwasser durch die Alz abläuft, die Hochwassermassen 
sich im unteren Alztal bedeutend erhöhen und schließlich 
beim Verschwinden des Sees sich nahezu verdreifacht 
haben. Die Folge wird sein, daß bei Zunahme des Hoch 
wassers im Alztal die Alz ihre Erosionstätigkeit wieder 
aufnehmen und zu einem mächtigen, geschiebeführenden 
Flusse an wachsen wird. Die weichen Nagelflußbänke, 
welche ihre heutige Sohle fixieren, werden durchgeschlif 
fen und das Tal der Alz, welches heute bis Altenmarkt 
ein flaches und von da zum Inn ein sehr starkes Gefälle 
hat, wird sich zu einem mächtigen Rinnsal mit gleichem 
iiin .
	        

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