Full text: Süd- und Mitteldeutsche Bauzeitung (1919/20)

Süd- und mitteldeutsche 
1 ./IS. Febr. 1920 
V \ 
Heue folge der Bauzeitung für Württemberg, Baden, 
Elsaß-Lothringen. 
Gegründet als Würtlembergisdie Bauzeitung im lahre 1904. 
Inhalt; Die Lage des Baumarktes in Deutsch-Oesterreich in der Gegenwart und voraus 
sichtlichen näheren Zukunft. — Rundschau. — Vereinsmitteilungen. 
Alle Rechte Vorbehalten. 
Die Lage des Baumarktes in Deutsch-Oester- 
reich in der Gegenwart und voraussichtlichen 
näheren Zukunft.*) 
Der unglückliche Krieg und seine so traurigen Folgen 
haben das einst so gesunde widerstandsfähige deutsche 
Wirtschaftsleben ins innerste Mark getroSen und völlig zu 
Boden geworfen, lieber die Art und Weise des Wieder 
aufbaues und die hierfür nötige Zeitspanne vermag heute 
wohl noch niemand ein einigermaßen sicheres Urteil ab 
zugeben. 
Am schwersten aber von allen den mannigfaltigen 
Wirtschaftszweigen ist wohl die Bauindustrie betroffen 
worden. 
Dieser Umstand hat naturgemäß zur Folge, daß heute 
in Deutschland eine große Zahl von Technikern aller 
Grade und ein großes Heer ehemaliger bauindustrieller 
Beamter teils völlig erwerbslos, teils vorübergehend in 
Notstellen aller Art kümmerlich untergebracht ist. 
Es ist daher ganz selbstverständlich, daß alle diese 
unglücklichen Kriegsopfer bestrebt sind, voll und ganz zu 
ihrer früheren Betätigungsart, auf ihr früheres Arbeitsfeld 
zurückzukehren um aus der jetzigen bedauernswerten 
Lage herauszukomraen und der drückendsten Zukunfts 
sorgen ledig zu werden. Leider läßt sich dies für viele von 
ihnen auf geraume Zeit hinaus nicht ermöglichen; ihre 
Zahl ist zu groß; denn der schon vor dem Kriege vor 
handene Ueberschuß solcher Kräfte hat sich aus den oben 
genannten Gründen vervielfacht. 
Notgedrungen wirft daher so mancher seine suchen 
den Blicke über die Grenzen des deutschen Vaterlandes 
hinaus in der Hoffnung, da oder dort ein ehrliches Fort 
kommen finden zu können. 
Unglücklicherweise sind aber auch hierfür gegen 
wärtig die Aussichten recht wenig erfreulich, da ein 
großer Teil der uns bisher im Kriege feindlich gegenüber 
gestandenen Staaten noch auf längere Zeit in den sog. 
Frieden hinein feindselig, oder doch zum wenigsten un 
freundlich gesinnt bleiben wird. 
Unter diesen Umständen richten manche nun, wie mir 
von berufener Seite mitgeteilt wird, ihr Augenmerk sogar 
auf Deutsch-Oesterreich, um, so unglaublich es klingen 
mag, hier ihr Glück zu versuchen. 
Um nun solche Suchende vor schweren Ent 
täuschungen zu bewahren und sie aufzuklären, komme 
,1 Eine Begegnung, die wir mit dem Verfasser anlässlich seines 
Besuches in der Heimat hatten, veranlasste uns, ihm anheimzugeben, 
sich über die Lage in Oesterreich einmal auszusprechen. Die Aus 
führungen sind ein wertvolles Material, das namentlich auch für 
die Frage eines Zusammenschlusses mit Deutschland viel Nach 
denkliches enthält. Die Schriftleitung. 
ich dem an mich gerichteten Wunsche gerne nach und 
möchte nachstehend versuchen, die hiesigen Verhältnisse 
in der Gegenwart und die Aussichten für die Zukunft kurz 
zu schildern. 
Zur richtigeren Beurteilung der jetzigen hiesigen 
Lage ist es wohl geboten, die Landkarte zur Hand zu 
nehmen und die Grenzen der ehemaligen österr.-ungar. 
Monarchie mit denjenigen des heutigen Deutsch-Oester 
reich zu vergleichen. Man findet da, daß von dem früheren 
mächtigen Gebiete nur ein kleiner Bruchteil übrig ge 
blieben ist. Das einstige so reiche, vielversprechende Zoll- 
und Wirtschaftsgebiet ist auseinander gefallen. Teils wur 
den aus den einzelnen Gebieten neue Staaten gebildet, teils 
bestehende Staaten vergrößert. Der wirtschaftliche Schwer 
punkt aber lag, soweit die Agrarprodukte und die natür 
lichen Reichtümer wie Kohle und Eisen in Frage kommen, 
hauptsächlich in diesen bisherigen, jetzt abgetrennten 
Landesteilen. 
Die Kornkammern Ungarns sind für Deutsch-Oester 
reich nur noch als Weg ins Ausland zugänglich; die ge 
waltigen Kohlen- und Eisenlager Böhmens und Schlesiens 
gehören fast völlig dem neuen tschecho-slowakischen 
Staatswesen an; um einen kleineren Teil Schlesiens streiten 
sich die letztgenannten mit den Polen. Der Oel-, Holz- 
und Salzreichtum Galiziens kommt in Zukunft dem neuen 
Polenreiche zu Oute. 
Weite Gaue Tirols mit seiner blähenden Fremden 
industrie sind an Italien gefallen; dieses teilt sich auch mit 
dem bisherigen Serben- und nunmehrigen Südslavenstaat 
in die Küsten und Häfen der Adria. Oesterreich ist ein 
Binnenland geworden, ein armseliger Krüppel, unfähig 
zu leben und schon auf der Landkarte nur mit Widerwillen 
ansehbar. 
Infolge der prozentual zum Oesamtgrundflächen 
inhalt des Landes sehr großen räumlichen Abmessungen 
der an Agrarprodukten so armen Alpenlande beträgt die 
Selbsterzeugung des heutigen Oesterreich an Lebensmit 
teln kaum ein Viertel des Jahresbedarfs. Natürliche Reich 
tümer uad Rohprodukte zur industriellen Verwertung 
finden sich nur in ganz geringem, kaum in Frage kom 
menden Umfange vor. Die Industrieniederlassungen der 
alten Monarchie aber befanden sich vorwiegend in Böh 
men ; Wien war nur die eigentliche Zentrale im kauf 
männischen Sinne; aber auch damit dürfte es nun zu Ende 
sein, da Prag, Warschau und Belgrad an die Stelle Wiens 
treten werden. Könnten daher nach Oesterreich Roh 
materialien in größerem Umfange eingeführt werden, so 
müßten hierfür in den meisten Fällen zuerst die nötgien 
Industriewerke errichtet werden. 
Das ist aber gleichfalls auf lange Zeit hinaus unmög 
lich. Der einzige Naturreichtum, der hierfür verwertbar
	        

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