Full text: Süd- und Mitteldeutsche Bauzeitung (1919/20)

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BAUZEITUNG 
Nr. 3/4 
Wohnungsfrage und privates Baugewerbe. 
Die Bereitstellung von Wohnungen ist einer der 
wichtigsten Faktoren für den Wiederaufbau der deutschen 
Volkswirtschaft. Daraus erhellt die Wichtigkeit der dem 
neuen Reichs- und Staatskommissär für das Wohnungs 
wesen, Geheimrat Scheidt, obliegenden Aufgaben. Wie 
dieser in einer am 15. Januar 1919 im Landeshaus zu 
Berlin mit den beteiligten Kreisen abgehaltenen Bespre 
chung erklärte, will er sich in der Hauptsache auf die 
gemeinnützigen Baugesellschaften und ähnliche Interessen 
vertretungen zur Lösung seiner Aufgaben stützen. Wenn 
gleich gewiß den gemeinnützigen Baugesellschaftcn ein 
großer Anteil an der notwendigen Neubau und Umbau 
tätigkeit zur Schaffung von Wohnungen zugestanden wer 
den soll, so muß andererseits doch darauf aufmerksam 
gemacht werden, daß mit ihrer Hilfe allein eine völlige 
Lösung dieser Aufgaben nicht möglich sein wird. Es 
bedarf der Hinzuziehung aller für die Schaffung von 
Wohnungen geeigneten Faktoren, und unter diesen nimmt 
das private Baugewerbe einen hervorragenden Platz ein. 
Es kann nicht anerkannt werden, daß, wie Herr Geh. Rat 
Scheidt in der bezeichneten Sitzung ausführte, das private 
Baugewerbe infolge der Unsicherheit der politischen und 
wirtschaftlichen Lage außerstande sei, sich an der Lösung 
der dem Staatskommissar zugewiesenen Aufgaben zu 
beteiligen. Wie der Deutsche Wirtschaftsbund für das 
Baugewerbe mit Recht demgegenüber betont, ist das 
private Baugewerbe nicht nur bereit, hierbei mitzuwirken^ 
und mit den gemeinnützigen Gesellschaften Hand in Hand* 
zu arbeiten, sondern verlangt auf das Entschiedenste in 
weitestem Umfange seine Hinzuziehung zu dieser für das 
deutsche Volk so wichtigen Arbeit. Es soll ganz 
davon abgesehen werden, daß das private Baugewerbe 
wie kaum ein anderes Gewerbe während des Krieges 
infolge Rühens aller Bautätigkeit die größten Opfer zu 
tragen hatte, aber das Interesse des Volkes erfordert, 
daß Reichs- und Staatsbehörden diesem wichtigen Faktor 
ihre Aufmerksamkeit zuwenden und sich nicht einseitig 
auf die gemeinnützigen Baugesellschaften stützen. Wo 
finanzielle Rücksichten dem privaten Baugewerbe eine 
Bautätigkeit erschweren oder unmöglich machen, ist den 
Reichs- und Staatsbehörden durch die Baukostenzu 
schüsse die Möglichkeit gegeben, auch das private Bau 
gewerbe zu beteiligen. Es geht nicht an, daß diese 
öffentlichen Mittel nur einseitigen Interessengruppen, als 
deren Vertreter die Baugenossenschaften, Siedlungsgesell 
schaften usw, schließlich doch angesehen sind, zugute 
kommen. Man muß diese Wünsche des Baugewerbes 
für berechtigt ansehen, umsomehr, wenn man berücksich 
tigt, daß jeder 7. Mensch im deutschen Reich mit 
seinem eigenen Wohl und Wehe interessiert ist, daß in 
ihm wohl ein fünftel des gesamten Volksvermögens direkt 
oder indirekt investiert ist, daß endlich 2 Millionen Ar 
beiter im Frieden vom Baugewerbe beschäftigt wurden, 
für die es eine andere Unterbringungsmöglichkeit jetzt 
gar nicht gibt. 
Vereinsmitteüungen. 
Württb. Baubeamlen-Verein. Am Sonntag den 2. 
März d. J. vormittags 10 Uhr findet eine Ausschußsitzung 
zur Vorbereitung für die nächste Mitgliederversammlung 
im Vereinszimmer Gesellschaftshaus Bauhütte in Stuttgart 
statt, wozu die verehrlichen Ausschußmitglieder ebenso 
herzlich als dringend eingeladen werden. Auch sonstige 
Vereinsmitglieder können dieser Sitzung beiwohnen und 
werden hiermit freundlich eingeladen. 
Württb. Baubeamten-Vereln. Einladung an unsere 
Mitglieder. Am Sonntag den 2. Feb. vormittags 9 V* Uhr 
findet in Stuttgart im großen Saal des Stadtgartens durch 
den Verband Tech. Vereine Württembergs eine allgemeine 
Aussprache über die Sozialisierung von Betrieben statt. 
Referent Dr. Fr. Elsas. Der Vorstand. 
Bauwerkmelster-Vereln Württembergs E. V. Wir 
beabsichtigen in den nächsten Monaten ein neues Milglied- 
Verzeichnis herauszugeben. Wir bitten alle unsre Mit 
glieder insbesondere die vom Heere entlassenen uns ihre 
genaue Adresse mitzuteilen, falls dieselbe nicht mehr mit 
dem vor Kriegsausbruch erschienenen Verzeichnis über 
einstimmt. Für Briefsendungen usw. ist bis auf weiteres 
folgende Adresse zu benützen: An den Bauwerkmeister- 
Verein Württembergs E. V. Stuttgart, Seyfferstr. 22. Ein 
zahlungen sollten auf unser Postscheckkonto Nr. 6598 in 
Stuttgart geleistet werden. Der Geschäftsausschuß. 
Verschiedenes. 
Einschneidende Verordnungen zur Wohnungs 
frage. Der Staatskommissar für die wirtschaftliche Ab 
rüstung in Lübeck hat zwei einschneidende Verordnungen 
erlassen, ln der einen wird die Vermietung von Wohn- 
räumen an Auswärtige ohne Genehmigung des Einigungs 
amtes verboten. Sollten Wohnungen vor Erlaß dieser 
Verordnung an Auswärtige vermietet sein, die aber erst 
nach dem 1. März 1919 bezogen werden sollen, so ist 
auch für die Ueberlassung dieserWohnungen die Genehmi 
gung des Einigungsamtes erforderlich. Die zweite Ver 
ordnung weist darauf hin, daß eine hinreichende Aus 
nutzung der vorhandenen Wohnungen unbedingt erforder 
lich ist. In der gegenwärtigen Zeit sei es nicht mehr 
angängig, daß zwei oder drei Familien in eine Wohnung 
zusammengedrängt seien, während an anderer Stelle eine 
einzelne Person für sich allein ein ganzes Haus oder eine 
größere Wohnung inne habe. Es wird deshalb angeordnet, 
daß alle bewohnbaren Räume anzumelden sind, soweit 
für jedes Haushaltungsmitglied mehr als zwei Wohnräume 
und für jedes Kind unter 16 Jahren mehr als ein Wohn- 
raum vorhanden sind. Sollten diese Anordnungen nicht 
genügenden Erfolg haben, dann sollen Zwangsmaßregeln 
angewendet werden. Beide Verordnungen bedeuten sehr 
scharfe und einschneidende Eingriffe, die aber bei der 
Lage des Wohnungsmarktes in Lübeck unbedingt erforder 
lich sind. 
Maßnahmen gegen die Wohnungsnot. Im Stadt 
parlament in Konstanz wurde über die Wohnungsnot ver 
handelt. Es wurde dabei mitgeteilt, daß in letzter Zeit 
in Konstanz eine Anzahl Häuser von Auswärts wohnen 
den Personen gekauft worden sind. Den Mietern dieser 
Häuser sind die Wohnungen gekündigt worden. Man 
war sich darüber klar, daß man einen Zuzug nicht voll 
ständig verbieten könne, wie es beispielsweise in München 
der Fall sei, da Konstanz als kleinere Fremdenstadt sich 
dies nicht leisten könne. Es wurde beschlossen, eine 
Eingabe an die Regierung zu machen, daß bei Abschließ 
ung des Kaufvertrages die Grundbuchbeamten und Notare 
die Verpflichtung haben, dem Käufer zu erklären, daß ihm 
der Einzug verwehrt werden könne. Wenn der betreffende 
Käufer das Haus nicht beziehen könne, so soll ihm gestattet 
sein, den Vertrag rückgängig zu machen. Es wurde dann 
in dieser Eingabe noch wejjer verlangt, daß in diesem 
Falle dem Käufer die Kosten des Urkundenverlrags und 
die Reichsstempelabgabe ersetzt werden können. Dadurch 
soll der grosse Mißstand gegenseitiger Prozesse vermie 
den werden. 
Sprechsaal. 
Es sind in letzter Zeit einige annonyme Schreiben, 
darunter auch solche für den Briefkasten eingelaufen. 
Wir müssen daher daran erinnern, daß solche Einsend 
ungen aus rechtlichen und prinzipiellen Gründen unberück 
sichtigt bleiben müssen. Die Schriftleitung. 
Verantwortlich: Karl Schaler, Stattgart. 
Dreck GaataT Störeer in Waibhagan.
	        

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