Full text: Süd- und Mitteldeutsche Bauzeitung (1919/20)

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BAUZEITUNO 
Nr. 24'26 
ihre Beiratsmitglieder, sofern sie hiezu überhaupt beige 
zogen wurden, auch nur im entferntesten den guten Willen 
gehabt haben, dem Techniker das zu geben, was ihm ge 
bührt. Dieser gute Wille ist zweifellos nicht bestimmend 
gewesen, und es scheint auch hier, wie man das ja ge 
wöhnt ist, rein nach Vorgang gearbeitet worden zu sein. 
In dem kürzlich erschienenen Bericht über die Tätig 
keit des württ. Finanzministeriums ist ausgeführt, daß die 
württ. Besoldungsordnung in keinem Punkte hinter die 
Reichsbesoldungsordnung zurückgehe, sondern daß sie 
weiter geht, wo es ohne zu große Abweichungen von der 
Reichsbesoldungsordnung möglich war, demnach seien 
„die Anfangsstellen des mittleren Dienstes in Gruppe VII 
verlegt, während sie das Reich in Gruppe VI anfangen 
lassen will“. Diese Feststellung ist in diesem Zusammen 
hang irreführend, denn es hätte dabei mindestens gesagt 
werden müssen, daß das Reich einen mittleren Dienst, ins 
besondere in der technischen Verwaltung, gar nicht ge 
habt hat, bevor württembergische Beamte Reichsbeamte 
geworden sind. Die mittleren Beamten des technischen 
Dienstes im Reich sind in der Hauptsache aus dem Militär 
anwärterstand hervorgegangen. Württemberg besitzt zur 
Ausbildung seiner Bauwerkmeister und Wasserbautech 
niker-eine achtklassige Bauschule, während das Reich nur 
vierklassige Bauschulen kennt. Demnach kann der mitt 
lere technische Beamte in Württemberg auch nicht entfernt 
mit dem technischen Dienst des Reichs in Parallele gestellt 
werden. 
Aus dieser Gleichstellung heraus ist auch die Amts 
bezeichnungsfrage in einer unseren berechtigten Wünschen 
nicht Rechnung tragenden Weise erledigt worden, wieder 
um lediglich nach Vorgang. Wir mittlere Techniker käm 
pfen schon jahre- und jahrzehntelang um die Amtsbezeich 
nung, die wir auf Grund unserer Fachbildung bean 
spruchen müssen und die bei Städten und Korporationen 
seit urdenklichen Zeiten besteht; wie dort die Bezeichnung 
Orts-, Stadt-, Bezirks- und Oberamts baumeister be 
steht, so verlangten wir für den mittleren technischen 
Staatsdienst die Bezeichnung Bezirksbaumeister, Straßen 
baumeister, Flußbaumeister usw., nachdem diese uns über 
dies auf Grund von Eingaben und Besprechungen bereits 
in Aussicht gestellt waren, anstelle des seither üblichen 
fast unaussprechbaren Titels Bauamtswerkmeister. Nach 
der neuen Besoldung^ordnung aber sollen wir die Amts 
bezeichnung Sekretär erhalten, eine Bezeichnung, die für 
jeden anderen Dienst noch angehen mag, nur nicht für 
den technischen. Es liegt doch gerade im Interesse des 
Dienstes, daß Amtsbezeichnungen geschaffen werden, die 
die breite Masse des Volkes versteht, denn dazu sind sie 
ja da, und es ist unverständlich, daß nun Amtsbezeich 
nung gewählt bezw. übernommen worden sind, mit denen 
der Fernstehende, zu dessen Orientierung sie dienen 
sollen, absolut nichts anzufangen weiß. Wenn jemand 
eine Meisterprüfung beispielsweise als Maler abgelegt hat, 
so pflegt man ihn als Malermeister zu bezeichnen, und so 
ist es durchweg in allen gewerblichen Berufen, also ver 
langen wir Techniker konsequenter Weise die Bezeichnung 
Baumeister, weil nur diese sich mit unserer Tätigkeit deckt 
und im Volksmund verankert ist, und das Volk hat es mit 
seinen Bezeichnungen auch auf anderen Gebieten immer 
sehr genau genommen und hat immer das Richtige ge 
troffen. 
Der verflossene Landtag hat gleichzeitig mit der Ver 
abschiedung der Besoldungsordnung eine Entschließung 
angenommen, wonach auf spätestens 31. Oktober 1920 
eine Nachprüfung der württembergischen Besoldungsord 
nung vorgenommen werden soll, und es wird nunmehr 
Sache der technischen Vereinigungen und Arbeitsgemein 
schaften sein, einmütigen Protest einzulegen gegen diese 
Art der Behandlungen von technischen Beamten. Es hat 
noch nie zu den Gepflogenheiten der Techniker gehört, 
utopistische Forderungen aufzustellen — vielleicht zu sei 
nem Nachteil — und wenn wir heute Anspruch erheben 
auf Einreihung in Gruppe VIII der Besoldungsordnung 
und auf die Amtsbezeichnung Baumeister, so muß auch 
diese Forderung von jedem billig und gerecht Denkenden 
als berechtigt anerkannt werden. 
Es ist nunmehr Sache der beteiligten Techniker, ein 
mütig und geschlossen sich hinter diese Forderungen zu 
stellen und deren Erfüllung zu erstreben, nur dann wird 
das Wort von der Wertschätzung des Technikers in Wirt 
schaft und Gesellschaft aufgehört haben, nur ein Schlag 
wort zu sein. 
m 
Die Gründung des württ. Staatstechniker 
verbandes. 
Von A. Kühler. 
Mehr denn je ist man wirklich in allen Berufsständen 
eifrig bemüht, die Kräfte zu sammeln, um als große Masse 
mit der nötigen Stoßkraft dem Ansehen des Standes die 
erforderliche Geltung zu verschaffen und den Zielen zur 
Verwirklichung zu verhelfen. Dieser neue Geist hat auch 
über uns Staatstechniker seine Schwingen ausgebreitet und 
uns erkennen lassen, daß es nicht genügt, wenn die einzel 
nen Kategorien sich zusammenschließen, sondern daß es 
ein Gebot der Stunde ist, daß sich sämtliche beamteten 
Techniker in einer Arbej|sgemeinschaft sammeln. Spät, 
aber nicht zu spät ist uns die Erkenntnis gekommen, daß 
es wichtiger ist, einen Stand zu bilden, als nur einen Beruf. 
Nach mehreren Vorbesprechungen zwischen Vertretern 
verschiedener Beamtengruppen konnte am 27. Mai d. Js. 
der württ. Staatstechnikerverband gegründet werden. Dem 
Verbände sind folgende Organisationen beigetreten: Der 
Verein höher geprüfter technischer Staatsbeamter, der 
Verein der mittleren technischen Eisenbahnbeamten, die 
Landesfachgruppe'der Geometer der staatlichen Finanz 
verwaltung, die Landesfachgruppe der Geometer der staat 
lichen Verwaltung des Innern, die Landesfachgruppe der 
Geometer der staatlichen Eisenbahnverwaltung, der Ver 
ein der Bauamtswerkmeister und Bauwerkmeister der 
Finanzverwaltung, die Vereinigung der mittleren techn. 
Beamten im Ministerium des Innern, die Vereinigung der 
techn. Assistenten im Staatsdienst, die Vereinigung der 
staatlichen Eichbeamten Württembergs, der Verein der 
Kulturmeister und Kulturbauführer Württembergs und der 
Verein der Lithographen im württ. Staatsdienst. Der neu 
gegründete Verband wird der vor kurzem in Halle ge 
gründeten Reichsarbeitsgemeinschaft technischer Beamten 
verbände beitreten. Zum Vorsitzenden wurde Herr Ma 
schineningenieur Fuchsloch gewählt. Die Geschäftsstelle 
befindet sich; Stuttgart, Königstraße 31 B. 
Mit der Gründung dieses Verbandes haben wir Staats 
techniker uns ein Eigenheim gebaut, welches nun so aus 
zugestalten und auszuschmücken ist, daß das Arbeiten in 
demselben uns viel Freude macht und zu guten Erfolgen 
führt. In diesem Heim wollen wir uns künftighin zu 
sammenfinden, um gemeinschaftlich alle uns berührenden 
Fragen zu erledigen. Von hier aus wollen wir alle unsere 
Forderungen an Volksvertretungen, Regierungen und Ver 
waltungen gemeinschaftlich stellen, um so in geschlossener 
Einigkeit der richtigen Bewertung unserer technischen 
Leistungen, der Achtung unseres Standes und der Aner 
kennung unserer Mehrleistungen infolge der Ausbildung 
im Handwerk, auf den Fachschulen und in der Praxis 
endlich zum Siege zu verhelfen. Unser Arbeiten wollen 
wir in eifersuchtsfreier Weise vornehmen, aller Egoismus 
muß schwinden und jeder muß dem andern das Recht zu 
gestehen, seine berechtigten Wünsche, so weit möglich, 
zur Verwirklichung zu bringen. Ein solches Zusammen 
arbeiten läßt alle Klassenkämpfe verschwinden und sam-
	        

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