Bau, Bildung und Nutzbarmachung der ober- 
schwäbischen Torfriede, 
besonders des Wurzacher Rieds.*) 
Von Baurat D i 11 u s. 
Die Kohle und der Kohlenmangel beschäftigt jetzt fast 
den ganzen europäischen Kontinent. Wenn man sich mit 
der Behebung d'eses Mangels beschäftigen will, so kommt 
man von selbst auf den Torf, den Kindheitszustand der 
Kohle, denn Torf mußte vorhanden sein für die Bildung 
der Braunkohle und Steinkohle (nach Potonie); er war 
die Vorbedingung für die Entstehung dieser Brennstoffe, 
die uns leider nach dem Ergebnis der bisherigen Bohrun 
gen im Lande versagt sind und auf die wir auch in Zu 
kunft wenigstens nicht in größerer Menge hoffen dürfen. 
Die tertiäre Braunkohle im württembergischen Allgäu ist 
wegen ihrer geringen Mächtigkeit ohne Bedeutung für die 
Brennstoffversorgung. 
Der Torf zählt zu den auf organischem Wege entstan 
denen Mineralien; er enthält durchschnittlich 60 % Koh 
lenstoff (C). 6 % Wasserstoff (H), und 34 % Sauerstoff 
(O), neben 2 % Stickstoff (N), 0,5 % Schwefel (S), neben 
9—25 % hygroskopisch verbundenem Wasser, das spe 
zifische Gewicht 0,4—0,7—1,0. Er ist als jüngstes Glied 
der Kohlenreihc zu betrachten. Zu seiner Entstehung sind 
als Hauptfaktoren nötig: Pflanzen, Wasser und undurch 
lässiger Untergrund. Seine Entstehung verdankt er der 
Anhäufung pflanzlicher Reste, die infolge Luftabschlusses 
durch Wasser oder eine wasserhaltige Pflanzendecke in 
Vermoderung oder Fäulnis übergehen, also eine unvoll 
ständige Oxidierung oder Verkohlung durchmachen, wo 
durch aus C, H, O zusammengesetzte Verbindungen ent 
stehen. Hiebei wird der Humussäure ein starker Einfluß 
zugeschrieben. In neuerer Zeit hat aber die Colloid- 
Chemie wesentlich andere Gesichtspunkte für die Ver 
wesung der Pflanzen und den damit verbundenen chemi 
schen Prozeß aufgestellt; namentlich wurde der Begriff 
der Humussäure, die bei der Torfbildung eine große Rolle 
spielt, fast gänzlich umgestaltet. Die Torfbildung kann 
auch auf geneigten Flächen, Berggehängen mit wasser 
undurchlässigem Untergrund und Vorhandensein von 
Nässe vor sich gehen. 
Der auf diese Weise entstandene Torf wird nach den 
württ. Verhältnissen in Faser-, in eigentlichen Brenntorf 
und ; n Specktorf eingeteilt, deren Brennwerte sehr ver 
schieden sind. Der meist oben liegende, aber auch in 
*) Vortrag, gehalten im Württ. Verein für vaterländische Natur 
kunde in Stuttgart. 
Alle Recht© Vorbehalten. 
unteren Zwischenschichten vorkommende braune Faser- 
t o r f 11 at den gerigsten Brennwert; er ist aus wenig oder 
gar nicht zersetzten Moosen und Heidekräutern gebildet, 
wird aber mit Vorteil zur Erzeugung von Torfstreue und 
Torfmull verwendet. Der unter dem Fasertorf befindliche 
eigentliche Brenntorf von dunklerer bis schwarzer 
Farbe ist aus denselben, aber schon mehr in Vermoderung 
übergegangenen Pflanzen entstanden; deutlich erkennbar 
sind oft noch Wurzeln einzelner Pflanzen, wie Schilf 
(Phragmites) usw. Beim untersten, dem Specktorf, 
ist die Fäulnis am weitesten vorgeschritten, so daß jede 
Spur eines Pflanzenorganismus fehlt. Unten folgen Faul 
schlammschichten mit lettigem Uebergang in die Unter 
grundschichte; sie werden von Potonie Sapropel-Schich- 
ten benannt. 
Nach diesen allgemeinen Betrachtungen über Torf kön 
nen wir uns zu dessen Vorkommen in den großen Rie 
den in Ober Schwaben wenden, die der Ausbeutung 
im großen harren, die aber bisher wegen der schwierigen 
Entwässerung noch nicht in Angriff genommen worden 
ist. Nur an den Rändern ist bisher Torf gestochen wor 
den. Es handelt sich in erster Linie um das Wurzacher 
Ried. Nördlich von Wurzach gelegen, erstreckt es sich 
von Südwesten nach Nordosten in einer Länge von 5—6 
Kilometern mit einer durchschnittlichen Breite von 3,5 
bis 5,5 Kilometern. Wenn man die angrenzenden an 
moorigen Wiesflächen dazu rechnet, wird sein Umfang 
noch ziemlich größer. Die Fläche beträgt 1700 Hektar 
gleich 5300—5400 Morgen; die Meereshöhe ist 651 m. 
Es gehört zu den Niederungs- oder Flachmooren. Das 
Ried wird von zwei offenen Bächen durchströmt; auf der 
Südseite von der Haidgauer Ach, auf der Ostseite von der 
Dietmannser Ach, die sich oberhalb Wurzach zum Haupt- 
abfluß des Rieds, der Wurzacher Aach, vereinigen. Ufer 
und Sohle sind rein torfig. Die Haidgauer Ach tritt mit 
ziemlicher Stärke in der Südwestecke des Rieds zutage; 
sie ist ohne Zweifel der unterirdische Abfluß des 4 Kilo 
meter entfernt und 10 Meter höher gelegenen Rohrsees, 
bei dem ein Abfluß nicht sichtbar ist. Der Rohrsee ist 
bekannt als einzige Möhrenkolonie (Larus ridibundus) in 
Württemberg, auf seinen Inseln werden oft bis 1000 Ge 
lege dieser geselligen, wegen ihrer Nützlichkeit für die 
Landwirtschaft gern gesehenen Vögel angetroffen. Auf 
der entgegengesetzten Seite in der Nordostecke beim Dorf 
Dietmanns entspringt mit ebenfalls ziemlich beträchtlicher 
Wassermenge die Dietmannser Ach, diese schlängelt sich 
in vielen Windungen längs der Ostseite des Rieds; wegen 
dieses unregelmäßigen Laufs findet derzeit eine Gerad- 
legung, zugleich Notstandsarbeit statt. Die Wassermenge
        

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