Volltext: Süd- und Mitteldeutsche Bauzeitung (1919/20)

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BAUZEITUNQ 
Nr. 44/45 
läge. Das einzige Resultat, welches hierbei erreicht wurde, 
ist die bereits längst jedem Menschen in Fleisch und Blut 
übergegangene Feststellung, daß wir uns nur retten kön 
nen, wenn den ungeheuren, ungedeckten Anleihen greif 
bare feste Werte gegenüber gestellt werden. Alle freiwilli 
gen und erzwungenen Anleihen sind nicht im Stande, an 
dieser Tatsache etwas zu ändern. Sie bedeuten nichts an 
deres, als daß man ein Loch zuschüttet, indem man ein 
anderes wieder aufreißt. Hier aber zeigt sich ein Weg, 
durch den Ausbau des Heimstättengesetzes und die Ein 
führung der Heimstättenversicherung nicht nur der immer 
noch wachsenden Inflation Einhalt zu gebieten, sondern 
auch den umlaufenden ungedeckten Riesensummen reale 
Werte gegenüberzustellen. 
So eröffnet letzten Endes die Heimstättenversicherung, 
ohne , daß irgend jemand ein Opfer bringt, ein Ziel, das 
zu erreichen bis jetzt allen Finanzgenies noch in keiner 
Weise gelungen ist und das sogar berufen ist. auf die das 
Volk niederdrückende Valuta einen günstigen Einfluß aus- 
zuüben. 
Aber handeln, nicht reden ist uns notwendig! 
Die wesentlichen Bestimmungen über die äußere Gestal 
tung der Gebäude in der Stuttgarter neuen Ortsbausatzung 
vom Jahre 1919 und Einiges über ihren Vollzug. 
Aus zwei Gründen vor allem bedurfte das alte Orts 
baustatut vom Jahre 1897 und die allgemeinen, nicht we 
niger auch die besonderen, im Lauf der fahre zu einem 
dicken Bande angeschwollenen besonderen Anbauvor 
schriften einer vollständigen Neubearbeitung. 
Ein Mal war im fahr 1910 eine neue württembergische 
Bauordnung in Kraft getreten, mit welcher die städtischen 
baupolizeilichen Vorschriften in Einklang zu bringen wa 
ren, dann aber hatte sich seit der Wende des Jahrhunderts 
immer mehr die Erkenntnis Bahn gebrochen, daß wir von 
den 70er Jahren des vorigen Säkulums ab in eine, unse-. 
rem Städtebau schädliche, künstlerische Unkultur verfallen 
waren, an welcher auch die bislang verordneten baugesetz 
lichen Bestimmungen nicht ganz unschuldig waren, aus 
der es aber galt, herauszukommen. Führende Künstler, 
wie Schulze-Naumburg, Th. Fischer und H. Henrici. auf 
dem Gebiet des Städtebaus aber besonders Camillo Sitte, 
zeigten allen jenen, die Ohren hatten zu hören, und Augen 
zu sehen, mit erschreckender Dreutlichkeit, welche Fühl 
losigkeit und welche trostlose geistige Armut Baumeister 
und Städtebauer in einer Zeit befallen hatte, während wel 
cher die Technik eine Höhe erklomm, die uns beinahe 
Vollkommenheit dünkt. 
Diese Erkenntnis ist heute so sehr verbreitet, daß ich 
über ihr tieferes Wesen und Wollen mich hier nicht zu 
ergehen brauche, und die Denkmale aus jenen Zeiten 
künstlerischen Tiefstandes, an denen auch Stuttgart ver 
hältnismäßig reich ist, sind so wohlbekannt, daß ich nicht 
nötig habe, sie an dieser Stelle anzuführen. Ich vermesse 
mich jedoch nicht, zu behaupten, daß wir jetzt schon ein 
im künstlerischen Empfinden selbständiges und abge 
schlossenes Zeitalter wären, daß die Baukunst heute die 
vollendete Ausdrucksform für die in der Gegenwart ihr ge 
stellte Aufgabe gefunden hätte. Noch ringen auch wir 
um dieses Ziel, noch ist künstlerischer Sinn nicht Gemein 
gut des Volkes, ja, diese Wandlungen des Geschmacks der 
letzten zwanzig Jahre haben noch nicht ein Mal Eingang 
in die Ideenwelt aller Baumeister gefunden. Eine gute 
Strecke aber auf dem Weg zu einer neuen, höheren Kultur 
ist schon zurückgelegt, haben doch viele, vielleicht die 
meisten, dank der Pionierarbeit jener Männer, erkannt, 
welcher Wert in der Schönheit der Straßen und Plätze 
liegt und wie notwendig an Stelle des bisher geübten, 
prahlerischen, gegenseitig Sich-Uebertrumpfens, die Ein 
ordnung des Einzelbauwesens in das erstrebte Stadtbild 
und seine Wirkung ist, um vollendete künstlerische Ein 
heit zu erreichen. 
Die Erkenntnis, welchen Einfluß die Baugesetze auf 
Gestaltung des Hauses und damit der Straßen und Plätze 
auszuüben im Stande sind, und daß vor allem sie die 
Schönheiten einer Städteschöpfung vor Störungen wirk 
sam zu bewahren vermögen, gaben den zweiten Anlaß 
zu einer grundsätzlichen Umgestaltung des Örtsbausta- 
tuts vom Jahre 1897. — In welcher Weise die neue Orts 
bausatzung dieser Aufgabe gerecht zu werden versucht, 
sei im folgenden kurz zusammengefaßt, in der Hoffnung, 
damit der Architektenschaft Stuttgarts, sollte das Bauen 
wieder einmal möglich sein, für den Bauentwurf wertvolle 
Hinweise zu geben, und sie und die Behörden vor unnöti 
gen Mühen und für beide Teile gleich schädlichem Aerger 
zu bewahren. Die Bauherren aber sollen die seitherigen 
Ausführungen zur Mäßigung in ihren Ansprüchen mahnen 
— der Wolkenkratzer mag das Ideal der Hausbesitzer sein, 
nicht aber das der Behörden, denen der Schutz des Bau 
wesens und des Stadtbildes anvertraut ist. 
Eine bedeutsame Neuerung in der neuen Ortsbau 
satzung ist die Unterscheidung zwischen Verkehrs- bezw. 
Geschäftsviertel (Industrieviertel und Bauzone I), gemisch 
tem Stadtgebiet (Zone II) und dem eigentlichen Wohn 
viertel (Zone III, Kleinhaus- und Landhaüsviertel), im 
richtigen Empfinden, daß für diese verschiedenen Bau 
gebiete, je nach ihrem Zweck, verschiedene Anbauvor 
schriften zu treffen sind, die sich im wesentlichen auf die 
Beschränkung der Stockwerkszahl und damit der Ge 
bäudehöhe, auf die Art der Konstruktion — Massiv- oder 
Fachwerksbau —, sowie das Maß der Baudichtigkeit be 
ziehen; sie im einzelnen anzuführen, ist hier nicht Raum, 
die Auswahl der Bauzonen aber, Sache des Städtebauers, 
ist in Stuttgart von der Natur so deutlich vorgezeichnet, 
daß sie sich unschwer denken läßt. 
Als Form der Bebäuung ist in der Regel die geschlos 
sene Bauweise verlangt, nicht so sehr aus wirtschaftlichen, 
als vielmehr aus ästhetischen Gründen. Die bisher bevor 
zugte, offene Bauweise, der sogenannte 3 Meter-Wich, 
schuf jene schematischen Baukörper und regelmäßigen 
Lücken, deren langweilige Einförmigkeit gleich häßlich 
und formlos zerklüftet im Straßen- wie im Stadtbild an 
muten. Die geschlossene Bauweise will ruhige, körper 
hafte Wände schaffen, außerdem aber dem Hof seine Jahr 
hunderte alte Bedeutung (Laubenhof des Mittelalters, Pery- 
stil des antiken Wohnhauses) zurückgeben: statt Licht 
schacht für Treppenhaus- und Abortfenster zu sein, oder 
gerade noch den Raum für die bekannten eisernen Veran 
den abzugehen, wie sie, mit Wäsche und Putzkübeln ge 
ziert, von der Landhaus- und Alexanderstraße, oder bei 
der Einfahrt vom Ncrdbahnhof her sich dem Auge dar 
bieten, soll der, hinter dem geschlossenen Block an der 
Straße frei zu lassende Hofraum, losgetrennt von Staub 
und Lärm derselben, Gelegenheit zur Anlage größerer, 
zusammenhängender Hof- und Gartenflächen bieten. Dies 
ist freilich nur gewährleistet bei Festsetzung einer ver 
nünftigen Baublocktiefe im Stadtbauolan und verständnis 
voller, nicht nur auf größtmögliche Rente abzielender Ge 
sinnung von Bauherr und Baumeister. 
Die Höhe der Vordergebäude erfährt eine neue Be 
grenzung. Während sie durch das Ortsbaustatut vom 
Jahr 1897 noch Straßenbreite olus 2 m betragen konnte, 
darf sie, mit bestimmten Ausnahmen im Gebiet der 1. und 
II. Zone, das Maß der Straßenbreite nicht mehr über 
schreiten. höchstens aber 20 m betragen. — Auf eine 
bessere Gestaltung der Gebäudeform will auch dadurch 
hingewirkt werden, daß die Zahl der an der Vorderseite 
zulässigen Stockwerke an der Rückseite nur ausnahms 
weise und dann höchstens um ein Stockwerk überschritten 
werden darf. — Ueber die Dachhöhe, bestehen Vorschrif 
ten nicht mehr, die Form des Daches unterliegt nur be 
züglich der Neigung und der Zahl und Größe der Auf 
bauten einschränkenden Bestimmungen. — Eine Neuerung,
	        

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