Volltext: Süd- und Mitteldeutsche Bauzeitung (1919/20)

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BAUZE1TUNO 
Nr. 46/47 
Ich habe im Laufe dieses Jahres Gelegenheit gehabt, 
die Schiefervevwertung in allen Teilen kennen zu lernen, 
daß ich mir erlauben darf, ein fachgemäßes Urteil in dieser 
Frage abzugeben. Prinzipiell kann der Schiefer auf dreier 
lei Arten verwertet werden. 
Erstens: Der Bitumengehalt des Schiefers wird in Re 
torten entgast, gerade so wie die Steinkohlen in der Gas 
fabrik. In diesem Fall werden nur etwa die Hälfte der im 
Oelschiefer enthaltenen Kohlenwasserstoffe ausgenützt. 
Zum Beheizen der Retorten braucht man gewöhnliches 
Brennmaterial. Die aus den Retorten gezogenen Schlacken 
sind fast durchweg schwarz und enthalten noch Kohlen 
stoff, jedoch in so geringer Menge, daß die erkaltete 
Schieferschlacke kaum mehr in Selbstbrand versetzt wer 
den kann. Die Schieferschlacken sind nicht nur dem Stoff 
nach wertlos, sondern auch eh 'ästiger Anfall, welcher 
nur zu Auffüllzwecken dienen Kann. 
Die zweite Art der Schieferverwertung ist die 
folgende: der Bitumengehalt des Oelschiefers wird ver 
gast, wobei der gesamte KoMenwasserstoffgehalt aus 
genützt wird. Die technischen Einrichtungen sind bedeu 
tend umfangreicher als bei der Entgasung. Der Schiefer 
stehenden Vergasung?.- und Entgasungsprodukte verbren 
nen fast restlos zu Kohlensäure und Wasserdampf. Durcli 
entsprechend angeordnete Luftzuführungskanäle kann die 
eigentliche Verbrennung der Gase ziemlich weit außer 
halb des Feuerschachtes unterhalten werden. Es ist mir 
bekannt, daß im Laufe dieses Sommers Zivilingenieur Jo 
hannes Wörner in Messingen bei Tübingen für die Bau 
stein- und Zementwerk-A.-G. Mössingen zwei Feuerungs 
anlagen dieser Art nach eigenem System gebaut hat. Die 
eine Feuerungsanlage ist ein Kalkofen zum Brennen von 
Zementkalken. Dieser Ofen arbeitet vollständig ohne 
jeden Kohlenzuschuß, wird nur mit Schiefer beheizt, und 
liefert bei richtiger Bedienung vollständig gar gebrannten 
Zementkalk, E)er Ofen arbeitet nahezu rauchlos. Ueber 
der Schachtmündung ist nur ein leichtes Flimmern der ab 
ziehenden Oase zu beobachten. Es kann von einer Be 
lästigung der Umgegend durch abziehende Schwelgase, 
wie sie allgemein bei Schieferöfen zu beobachten ist, nicht 
gesprochen werden. 
Die andere Feuerungsanlage dient zur Beheizung eines 
größeren Dampfkessels, der nur mit Schiefer beheizt wer 
den soll. Es handelt sich um einen Batteriekessel von 
schlackenanfall ist dem Volumen nach gleich. Diese 
Schlacke ist jedoch eine vollständig gar gebrannte, und 
kann, wie wir später sehen werden, nützlich verwendet 
werden. Das bei der Vergasung gewonnene Gas kann 
wie das gewöhnliche Gas verwendet werden. Die allge 
meine Verwendung von Schiefergas zu Leucht- und Nutz 
gas ist jedoch nur in den Orten möglich, welche direkt 
im Schiefergebiet liegen Eine weitere Art der Schiefer 
verwertung ist die der Abschwelung des Schiefers. Es 
handelt sich hier ebenfalls um eine Vergasung des Schie 
fers. Der Unterschied ist nur der, daß ein Teil des Gases 
sich bei der Abkühlung zu einer öligen Flüssigkeit ver 
dichtet. Ich vermeide den Ausdruck ,,Schieferöl“ deshalb, 
weil ich die allgemeine Vorstellung zerstreuen möchte, es 
handle sich bei dem gewonnenen Kondensat um ein ge 
brauchsfertiges Och Es ist kein Oel, sondern ein dünn 
flüssiger Teer, welcher verschiedene Mineralöle enthält 
und einen erheblichen Teil Erdpech mit Rückständen aus 
verbranntem Oel, welches von überhitzter Schwelung ner- 
nihrt. Das Problem der Oelgewinnung aus Schiefer auf 
eine rentable Art und Weise ist bis heute noch ungelöst. 
Die dritte Art der Oelschieferverwertung ist die 
der direkten Verbrennung unter Nutzbarmachung der Ver 
brennungswärme Hiebei wird nicht nur der Kohlenstoff 
des Schiefers vollständig vergast, sondern sämtliche ent- 
etwa 10Ü qm Heizfläche und einer stündlichen Wasser 
verdampfung von etwa 1500 Liter. Diese Anlage kommt 
demnächst in Betrieb und ist nach dem gleichen Prinzip 
gebaut wie der oben beschriebene Kalkofen, ln Bezug 
auf feuerungstechnische Vollkommenheit dürften diese bei 
den Anlagen die ersten sein, die je gebaut wurden. Daß 
die Schieferheizung für Dampfkessel sich schon in nor 
malen Zeiten rentiert hätte, zeigt die Vergleichung der 
Kosten für je 1000 WE. (Wärmeeinheiten) bei Schiefer 
und bei Steinkohlenheizung. Zur Erzeugung von 1000 
WE. sind 0,143 kg Steinkohlen mittlerer Güte erforderlich. 
Vor dem Krieg kosteten 100 kg Steinkohlen etwa 2,50 Mk., 
also würden 1000 WE. 0,35 Pfennig kosten. Bei Vei- 
wendung von Schiefer mit 1000 WE./kg, welcher vor dem 
Krieg zu gewinnen und zu zerkleinern pro cbm 3.— Mk. 
gekostet hätte, würde sich der Preis für 1000 WE. auf 
etwa 0,20 Pfennig stellen. Die Mehrbedienung, welche 
bei einer Schieferfeuerungsanlage erforderlich wird, 
gleicht sich bei einer richtigen Verwertung der anfallen 
den Schieferschlacken aus. 
Wenn sich nun in Bezug auf die Kohlenpreise die 
Schieferheizung schon in normalen Zeiten rentiert hätte, 
so trifft das heute umso mehr zu. Wenn wir uns ent 
schließen könnten, in den Gebenden des Schiefervorkom 
mens mit Dampf betriebene Elektrizitätszentralen zu er
	        

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