Full text: Süd- und Mitteldeutsche Bauzeitung (1919/20)

1./1B. Juni 1919. 
BAUZEITUNG 
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Stimmungen der Vollziehungsverfügung zur Bauordnung 
beziehen als dem Ministerium zuständig, während eine 
Revision der Bauordnung selbst nur durch die Württemb. 
Landesversammlung möglich wäre, was aber wohl zur Zt. 
nicht zu erreichen sein dürfte. Andernfalls greifen die fol 
genden Milderungen der V.V. zur B.O. auch auf die Be 
stimmungen der jeweiligen Ortsbausatzungen besonders 
der für Stuttgart über. 
In erster Linie sind in Anbetracht des außerordent 
lichen Baustoffmaneels Erleichterungen gegenüber den 
Bestimmungen über Stärke und Material der U m- 
fassungswände im allgemeinen, wie der Brand 
mauern im besonderen ins Auge zu fassen, sowohl für 
Klein- und Mittelhausbauten, als aber auch für sonstige 
Wohnhausbauten. (88 47. 58 und 59 der V.V. zur B.O.) 
So wird zunächst die Abstufung der Mauerstärken für 
Brandmauern von 25 auf 38 bezw. 51 cm usw. nicht mehr 
von nur massiven 25 cm starken und 2 cm tiefen 
Seitenstützen abhängig gemacht, vielmehr sollen 
künftig als solche auch bloße sogen, feuersichere 
Stützen ("Eisenbeton- und dergl.. Eisen- oder Holzfach 
werkwände) genügen und wird zudem das Brandmauer 
längenmaß von Seitenstütze zu Stütze von 8 auf 10 m er= 
höht, sodaß dem einfachen Wohnhausbau eine ganz erheb 
liche Ersnaruno - an Mauerstärke eingeräumt wird. Außer 
dem wird die 25 cm betragende Brandmauerstärke bei ein 
stöckigen Gebäuden von 8 auf 9 m Firsthöhe und zugleich 
auch für einstöckige Anbauten an höheren Gebäuden aus= 
gedehnt. — Für Stuttgart selbst verschwinden die bisher 
raum- und materialaufsaugenden Brandscheidemauern für 
die bei offener Bauweise unter einem Dach zu erstellenden 
Donnelgebäude usw.. da 8 75 des alten Stuttgarter Orts 
baustatuts von 1897 in der neuen Ortsbausatzung Stutt 
garts keinerlei Aufnahme mehr fand und die Brandscheide 
mauer-Forderungen Art. 69 Abs. 3 der B.O, bekanntlich 
sich nur auf selbständige Gebäude verschiedener Grund 
stücke bei geschlossener Bauweise bezw. dem Reihenbau 
beziehen. —• Für nur zweistöckige Gebäude (Kleinhaus 
bauten) schafft nach wie vor schon Art. 70 der B.O. mit 
den sogenannten Brandmauerzonen ganz erhebliche Er 
leichterungen. Weiter sollen künftig rheinische 
Schwemmsteine für zweistöckige Gebäude und 
bei mehrstöckigen, für den Dachstock und die zwei weiter 
abwärts folgenden Stockwerke zurVerwenduiw für Brand 
mauer Zulassung finden. Hinsichtlich der Beanspruch 
ungen einzelner Baustoffe und den Annahmen für Einzeln- 
und Gesamtbelastungen bei Hochbauten bleiben die er= 
strebten Milderungen der ministeriellen Richtlinien (88 48 
und 55 der V.V. zur B.O.) den einzelnen Baupo1izeibehör= 
den in eigener Verantwortung überlassen und wird die 
Baunolizeibehörde Stuttgarts nach den Vorschlägen des 
Statischen Büros des Bauoolizeiamts daselbst nächstdem 
entsprechend gemilderte Grundlagen veröffentlichen. Ge= 
genüber der bisher engherzigen und schwer verständ 
lichen Bestimmung 8 41 Abs. 1 der V.V. zur B.O. für nach 
Höhe oder Grundfläche abgestufte Anbauten 
auf Neben= und Rückseiten hinsichtlich der Hoffreifläche 
und Hauotfensterabstände treten gleichfalls wesentliche 
Vereinfachungen und damit für die Bauenden verschiedene 
Begünstigungen ein. Außerdem werden einstöckige 
Anbauten im Gebäudeabstand nicht mehr wie bisher 
nur auf Hauseingänge beschränkt, sondern für beliebige 
Bauteile ausgedehnt, wenn deren Gesamtlängen nicht 
mehr als ein Drittel der betreffenden Gebäudelänge ein 
nehmen, 8§ 41 und 42 der V.V. zur B.O. — Begünstig 
ungen, die sich auch auf die ortsbaustatutarischen Ge 
bäudeabstände in Stuttgart ausdehnen. — Eine besonders 
zu begrüßende Aenderung erfährt ferner § 28 Abs. 2 
Nr. 2 c der V.V. zur B.O., welche Bestimmung schon in 
Eriedenszeiten zu großen Härten und vielfachen Um 
gehungsmanövern führte. Die Beschränkung der D a c h- 
stockflächenausnützung dort soll nur noch 
für selbständige Wohnungen bestehen bleiben, 
sodaß die andere Hälfte künftig wieder für Schlaf- 
k a m m e r n ausgebaut werden darf. Auch bezüglich des 
Verhältnisses der lichtgebenden Fensterflä 
chen zur Raumfußbodenfläche für Räume mit besonders 
günstigem Lichteinfall (45 °, namentlich in Dachstock 
werken) ist eine erhebliche Reduzierung der Fenster- 
flächen-Mindestgröße zugesichert. § 51 der V.V. zur B.O. 
Für gewöhnliche Fenster wird statt mindestens V 1 * nun 
Vj 5 , und für liegende Dachfenster statt x /, 5 nun l /*o 
verlangt werden und erfährt außerdem die fragliche Be 
Stimmung für Oberlichter eine entsprechend erleichternde 
Regelung. 
Zum Schlüsse sei noch auf die in Bälde in Kraft tre 
tende, vor Kriegsausbruch besprochene künftige 
Ortsbausatzung Stuttgarts hingewiesen, die 
endlich mit den weit verzweigten, zum Teil unverhältnis= 
mäßig harten und starren Bestimmungen der heute noch 
gültigen Ortsbaustatuten von 1897 usw. mit den unzäh 
ligen Sonderanbauvorschriften gründlich aufräumt und 
wenn auch mit einzelnen Verschärfungen, auf alle Fälle ein 
klares, übersichtliches und andererseits auch vielfach er 
leichterndes, den Bedürfnissen der einzelnen Zonen und 
Vierteln derStadt angepaßtes Ortsbaurecht schaffen. 
Unter anderem gibt sie dem Holzfachwerksbau wieder 
freiere Bahn, erleichtert die Bestimmungen über die Kon 
struktion, so der massiven Außenwände, der Treppenkon 
struktionen, der balkentragenden Scheidewände u. a. m. 
Weiter ist mit dieser neuen Satzung den nach Art. 37, 46 
und 48 der B.O. für bereits hergestellte bezw. eng bebaute 
Ortsteile bezügl. der Höhe, der Hoffreiflächen und Haupt= 
fensterabständen der Gebäude, den den Ortsbausatzungen 
überlassenen Ermäßigungen Rechnung getragen usw. 
Auf diese Satzung näher einzugehen, dürfte einem 
späteren besonderen Artikel Vorbehalten bleiben. 
Stuttgart, den 6. Juni 1919. 
Bauinspektor Lohr 
2. Vors, des Verbands Techn. Vereine Württembergs. 
Die Elektrizit&tswirtschaft in Baden. 
In gleicher Weise wie der Oberrheinische Elektro 
technische Verein in Karlsruhe, so hat auch der Elektro 
technische Verein Mannheim-Ludwigshafen als Vereini 
gung von Fachmännern auf allen Gebieten der Elektro 
technik sich mit dem Ausbau der Elektrizitätswirtschaft in 
Baden befaßt und seine Vorschläge dem badischen Land 
tag, sowie dem badischen Arbeitsministerium vorgelegt. 
In diesen Vorschlägen wird der bisherigen Tätigkeit der 
badischen Regierung auf dem Gebiet der Elektrizitäts 
wirtschaft, die zum Ausbau des Murgwerks und der 
Landeshochspannungsleitungen geführt hat, volle Aner 
kennung gezollt, und es wird weiter der Meinung Aus 
druck gegeben, daß jetzt der Zeitpunkt sei, die weitere 
Entwicklung der gesamten badischen Elektrizitätswirt 
schaft nach einheitlichen und großzügigen Gesichtspunk 
ten zu regeln. Hierbei sollen vor allem die Fragen des 
weiteren Ausbaues der Wasserkräfte, der Verkuppelung 
aller großen Kraftwerke, der Energieversorgung von 
Stadt und Land und der Elektrisierung der Staatsbahnen 
ins Auge gefaßt werden- Die Lösung dieser für ganz 
Baden lebenswichtigen Fragen sollte aber erst nach An 
hören der technischen und wirtschaftlichen Sachverstän 
digen auf diesem Gebiet in Angriff genommen werden, 
und deshalb sollte umgehend ein Ausschuß solcher Sach 
verständigen aus ganz Baden gebildet und befragt werden.
	        

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