Full text: Süd- und Mitteldeutsche Bauzeitung (1919/20)

Süd- und mitteldeutsche 
BTO&3 
neue Folge der Bauzeitung für Württemberg, Baden, f|essen, 
eisaß-üothringen. 
Gegründet als Würtlembergische Bauzeitung im lahre 1904. 
1./16. Aug. 1919 
Inhalt: Die Entstehungsgeschichte der Stuttgarter Hauptkläranlage. — Anstreichen ypn 
Zement- und Betonkörpern — Balthasar Neumann. — Herbst-Baumesse in LeipV"~ 
— Die Beeinflussung von Verträgen durch die Revolution. — Vereinsmitteilungi 
— Rundschau. ■ 
Alle Rechte Vorbehalten. 
Die Entstehungs-Geschichte der Stuttgarter 
Hauptkläranlage. 
Von Stadtbauinspektor Haller. 
I. Vorprojekte. 
Man kann der Stadt Stuttgart jedenfalls nicht den Vor 
wurf machen, sie sei zu spät an die Frage der Einführung 
des Schwemmsystems, d. h. der Abführung der Fäkalien 
durch die städtischen Kanäle in den Neckar, herangetreten. 
Hat doch schon eine im Jahre 1862 eingesetzte Kommis 
sion für Straßen- und Latrinen-Reinigung auch diese Frage 
studiert und das Ergebnis ihrer Untersuchungen dahin zu 
sammengefaßt, daß das Schwemmsystem für Stuttgart 
nicht empfohlen werden könne. Für die damaligen Ver 
hältnisse war diese Anschauung zweifellos richtig. 
Als aber die Stadt im Jahre 1874 durch den Zivil 
ingenieur Gordon einen generellen Dohlenplan ausarbei 
ten und in der Folge die Straßenkanäle nach diesem Plan 
bauen ließ, da war die Grundlage für die Einführung des 
Schwemmsystems geschaffen, worüber ein im Jahre 1876 
veröffentlichtes Gutachten des Vereins für Baukunde kei 
nen Zweifel ließ. Gordon hatte damit gerechnet, daß das 
Kanalwasser nach Aufnahme der Fäkalstoffe gereinigt wer 
den müßte, und zu diesem Zweck vorgeschlagen, den 
Stuttgarter Hauptkanal durch den Höhenrücken bei der 
Metzstraße tunnelartig (1130 m lang) bis zur Ausmün 
dung im Neckartal bei Oaisburg zu führen und zwischen 
Cannstatt und Wangen auf beiden Seiten des Neckars 
Rieselfelder anzulegen. Durch die Ausführung dieses Pro 
jekts wäre die Entwicklung Stuttgarts empfindlich aufge 
halten worden, denn die Rieselfelder Oordons würden jetzt 
fast in der Mitte Groß-Stuttgarts liegen. Es ist deshalb als 
ein großes Glück anzusehen, daß es zunächst gelungen 
ist, das Stuttgarter Fäkalien-Abführsystem in so muster- 
gütiger Weise zu verbessern und auszudehnen, daß es in 
der im Jahre 1880 erschienenen Abhandlung von Dobel 
und Sautter sogar anderen Städten warm empfohlen wer 
den konnte. 
Wie Gordon vorausgesehen hatte, wurden nach 
Durchführung der systematischen Kanalisation bald Be 
schwerden über die Verunreingung des Neckars erhoben, 
obwohl keine Fäkalien durch die Kanäle abgeschwemmt 
wurden. Zuerst hatte sich das Leuze’sche Mineralbad 
über Oeruchsbelästigung beklagt und dann hat Dr. Blez- 
inger in Cannstatt im Juli 1884 die Mißstände beim Cann- 
statter Wehr scharf kritisiert und geschrieben: 
„ Ich möchte als Oberamtsarzt die Verantwortung nicht 
tragen, nicht zur Zeit auf die möglichen Gefahren aufmerk 
sam gemacht zu haben, welche die Einmündung des Ne- 
senbachs unmittelbar oberhalb der Stadt Cannstatt mit sich 
bringt. Abhilfe tut dringend not und diese kann nur da 
durch geschehen, daß die Mündung des Nesenbachs 
neckarabwärts verlegt wird. “ 
Gestützt auf ein Gutachten des K. Medizinalkollegiums 
stellte Cannstatt im November 1884 an Stuttgart das An 
sinnen, daß die derzeit in den Nesenbach fließenden Ab 
wässer aller Art in geschlossenem Kanal neben dem Neckar 
her talabwärts bis zum neuen Schlachthaus in Cannstatt 
geführt werden. Das war die Einleitung zu langen Streitig 
keiten zwischen Cannstatt und Stuttgart, bei denen Cann 
statt keine unbilligen Forderungen stellte, Stuttgart da 
gegen durch übertriebene Vorsicht und ängstliches Zau 
dern das Wohlwollen der Regierung in der Lösung der 
ganzen Abwasserfrage allmählich verlor. 
Der städtische Chemiker Dr. Klinger sprach sich auf 
Grund eingehender Neckarwasser-Untersuchungen, die 
allerdings von gegnerischer Seite als nicht einwandfrei be 
zeichnet wurden, dahin aus, daß das Neckarwasser durch 
den Nesenbach nicht in erheblicher Weise verunreinigt 
werde. 
Die K. Kreisregierung ordnete im Januap 1886 an, 
daß Stuttgart für die geplante Einführung des Haupt 
sammelkanals in den Mühlkanal um flußpolizeiliche (also 
nicht nur um baupolizeiliche) Genehmigung nachzusuchen 
habe. Die beiden Städte verständigten sich nun dahin, 
zwecks gütlicher Beilegung der Streitfrage von den Bau 
beamten der beiden Städte gemeinsam ein Projekt über die 
Verlängerung des Hauptkanals anfertigen zu lassen. 
Regierungsbaumeister Kölle legte im Juni 1887 ein 
Projekt vor, das er im Benehmen mit Inspektor Wenger in 
Cannstatt ausgearbeitet hatte. Der neue Kanal sollte mit 
einem Kostenaufwand von 130,000 M. von Berg bis zur 
Markungsgrenze Cannstatt-Münster geführt werden und 
zugleich zur Entwässerung der Cannstatter Neckarvor 
stadt dienen. Nachdem das K. Medizinalkollegium die 
auch heute noch maßgebende fünffache Verdünnung des 
Stuttgarter Schmutzwassers für vollständig genügend er 
klärt hatte, um jede Gefährdung von Cannstatt durch Not 
auslässe als ausgeschlossen zu betrachten, stellte Professor 
Lueger als technischer Berater der Stadt. Cannstatt ein 
neues Kanalprojekt auf, dessen Ausführung rund 250,000 
Mark gekostet hätte. Auf Grund eines Gutachtens des Pro 
fessors Laissle lehnte jedoch Stuttgart das Lueger’sche 
Projekt volständig ab. Die Stuttgarter Sachverständigen 
hielten eine dreifache Verdünnung für genügend und 
gaben in erster Linie der unzweckmäßigen und mangel 
haften Beschaffenheit des Cannstatter Wehrs die Schuld an 
der Bildung von Schlammbänken im gestauten Neckar. 
Im Jahre 1891 war Stuttgart zur Fortführung des Haupt
	        

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