Full text: Süd- und Mitteldeutsche Bauzeitung (1919/20)

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BAUZEITUNG 
Nr. 31/32 
kanals bis unterhalb des Cannstatter Schlachthauses bereit, 
aber unter Bedingungen, deren Annahme für Cannstatt 
verhängnisvoll hätte werden können. Cannstatt sollte z. B. 
den Stuttgarter Kanal durch die Cannstatter Markung un 
entgeltlich einlegen lassen, selbst aber keinerlei Abwasser 
in diesen Kanal einleiten dürfen. Auch sollte Cannstatt auf 
eine Einsprache gegen die Einführung des Stuttgarter 
Schmutzwassers — ohne Rücksicht auf dessen Beschaffen 
heit — in den Neckar an der vorgesehenen Stelle auf alle 
Zeiten verzichten. Trotzdem gab Lueger, der schon im 
November 1890 geschrieben hatte: „mir scheint, daß alle 
Städte mit der Zeit das Abführsystem verlassen werden, 
sogar Stuttgart”, der Stadt Cannstatt den Rat, auf die For 
derungen Stuttgarts einzugehen und in Kleinigkeiten nach 
zugeben. 
Bei den weiteren Verhandlungen spielte die Ent 
wässerung des Prag- und Störzbach-Oebiets mit herein, 
Stuttgart war schließlich zu weitgehendem Entgegenkom 
men bereit und suchte im März 1895 um flußpolizeiliche 
Genehmigung nach, den Schmutzwasserkanal unterhalb 
des Cannstatter Schlachthauses in den Neckar einleiten 
zu dürfen. Cannstatt erhob Einsprache und verlangte eine 
für die Entwässerung Cannstatts günstigere Kanalführung. 
Die Gemeinden Münster, Hofen und Zuffenhausen da 
gegen, von Baurat Ehmann und Dr. H. Jäger beraten, for 
derten die Errichtung einer einfachen Kläranlage. 
Das K. Medizinalkollegium stellte jetzt die gleiche 
Forderung und machte darauf aufmerksam, daß nach Er 
richtung einer Kläranlage die Möglichkeit gegeben sei, der 
Einführung des Schwemmsystems näher zu treten. 
Die Anschauungen über die Vortrefflichkeit des Fä- 
kalien-Abführsystems hatten sich nämlich seit 1892 geän 
dert, als der Ausbruch der Cholera in Hamburg ein vor 
übergehendes Verbot der Düngung mit Stuttgarter Fäka 
lien herbeiführte. Schon frühe machte sich namentlich bei 
den größeren Hotels das Bedürfnis nach Verbesserung der 
Abortverhältnisse bemerkbar, und so war es zuerst das 
Hotel Marquardt, welches schon im Jahre 1887 eine Haus 
kläranlage baute, um Wasserklosets einrichten und die ver 
dünnten Fäkalien in geklärtem Zustand durch die städti 
schen Kanäle in den Neckar einleiten zu dürfen. Allein bald 
wurden nicht nur in Hotels und öffentlichen Gebäuden, 
sondern auch in besseren Privathäusern Wasserklosets ein 
gerichtet. Man erkannte, daß Wasserspülaborte zum un 
entbehrlichen modernen Komfort gehören und fm eine 
Großstadt ein absolutes Bedürfnis sind. Obermedizinalrat 
v. Landenberger bezeichnete im Jahre 1896 ein gut aus 
geführtes System der Schwemmkanalisation als das weitaus 
beste Verfahren zur Beseitigung der Fäkalien, glaubte je 
doch wegen der ungünstigen örtlichen Verhältnisse, es 
werde wohl in absehbarer Zeit zur Errichtung einer all 
gemeinen Schwemmkanalisation nicht kommen können. 
Im Jahre 1892 tauchte das Projekt einer Poudrette- 
Fabrik auf, und Stuttgart erwarb zu diesem Zweck unter 
halb Münster ein Areal von etwa 8 Morgen. Die Preise 
für Poudrette wurden aber bald so niedrig, daß schon im 
Jahre 1898 an die Ausführung dieses Projekts nicht mehr 
zu denken war. 
Besondere Schwierigkeiten erwuchsen der Stadtver 
waltung dadurch, daß allmählich auch solche Hauseigen 
tümer, denen die Einrichtung von Hauskläranlagen nicht 
gestattet werden konnte, Wasserklosets einrichteten. .Die 
Latrineninspektion war genötigt, mit den verwässerten 
und deshalb unverkäuflichen Fäkalien aus Wasserspül 
aborten städtische Grundstücke zu düngen, es liefen wie 
derholt Klagen darüber ein, und als die Latrineninspektion 
in ihrer Not im Jahre 1897 auf dem städtischen Latrinen 
hof die verwässerten Fäkalien nach ungenügender Klärung 
in den städtischen Kanal, d. h. in den Neckar einleitete, war 
es wieder die Stadt Cannstatt, die sich mit Recht über diese 
nicht ganz einwandfreie Art der Fäkalienbeseitigung be 
schwerte. Diese Schwierigkeiten, sowie der Wunsch der 
Stadt Stuttgart sovyohl als der Regierung, in der Ab 
wasserfrage Klarheit zu schaffen, führten im Jahre 1902 
zur Errichtung einer biologischen Vesuchskläranlage auf 
der Prag, die vom Tiefbauamt unter Mitwirkung des städt. 
Chemikers Dr. Bujard bis zum Jahre 1910 betrieben 
wurde und dann infolge des Bahnhofumbaus in das Areal 
der Gasfabrik bei Gaisburg verlegt werden mußte. Die 
wertvollen Ergebnisse der ersten Betriebsjahre wurden 
von Regierungsbaumeister Schury veröffentlicht. 
Zu Beginn dieses Jahrhunderts war Stuttgart in das 
Stadium der Eingemeindungen eingetreten, welche auch 
auf die Entwicklung der Abwasserfrage einen fördernden 
Einfluß ausübten. Da der am 1. April 1901 eingemeindete 
Ort Gaisburg einer Kanalisation dringend bedurfte und 
auch schon mit der Eingemeindung von Wangen zu rech 
nen war, hat das Tiefbauamt unter Leitung von Baurat 
Zobel im Jahre 1901 ein einheitliches Projekt für einen 
Hauptsammelkanal von Wangen biis zur Markungsgrenze 
Cannstatt-Münster ausgearbeitet, und im folgenden Jahre 
erwarb Stuttgart von dem Cannstatter Unternehmer 
Schauffele ein auf Markung Münster gelegenes Areal von 
etwa 14 Morgen zum Preise von 105,000 M. in der Ab 
sicht, dort eventuell später eine Kläranlage zu errichten. 
Um den fortwährenden Klagen des Leuze’schen Mi 
neralbads über Belästigung durch die üblen Ausdünst 
ungen aus dem Nesenbach abzuhelfen, hatte die Stadt im 
Jahre 1901 um flußpolizeiliche Genehmigung nachgesucht, 
dem bisher beim Schwanen in Berg in den Nesenbach ein 
mündenden Schmutzwasserkanal bis zur König Karls 
brücke verlängern und das Schmutzwasser durch eine pro 
visorische Röhrendohle von 60 cm Lichtweite direkt in den 
Mühlkanal unterhalb der Brücke noch auf Stuttgarter Mar 
kung einleiten zu dürfen. Die K. Kreisregierung geneh 
migte dieses Gesuch im November 1902 unter Abweisung 
der Einsprache der Stadt Cannstatt mit dem Vorbehalt, daß 
das von der Regierung eingeleitete, auf Reinigung des 
Stuttgarter Abwassers abzielende Verfahren durch diese Er 
laubnis nicht berührt werde. Die von Cannstatt gegen den 
Bescheid der Kreisregierung erhobene Beschwerde wurde 
im April 1903 abgewiesen, und das betreffende Bauwerk 
konnte im Sommer desselben Jahres fertiggestellt werden. 
Nachdem nun an eine Ausmündung des Hauptsammel 
kanals in den Neckar ohne Kläranlage nicht mehr zu den 
ken war, stellte das Tiefbauamt im Jahre 1903 und 1904 
neue Projekte für den Hauptkanal vonWangen bis Münster 
auf. Der Kanal mußte mit möglichst geringem Gefälle tal 
abwärts geführt werden, um möglichst viel Gefälle für die 
Klärung des Abwassers zu erübrigen. Die Kosten für den 
Kanal von Berg nach Münster waren jetzt auf 535,600 M. 
gestiegen. Die Entwässerung von Cannstatt war unab 
hängig von dem hochliegenden Stuttgarter Hauptsammel 
kanal unter Benützung und weiterer Ausbildung der zu 
beiden Seiten des Neckars bestehenden Kanalsysteme ge 
dacht. 
Die K. Kreisregierung forderte in Uebereinstimmung 
mit dem K. Medizinalkollegium im Jahre 1904 wenigstens 
die mechanische Reinigung des Stuttgarter Abwassers. 
Der Gegensatz zwischen Stuttgart und Cannstatt hörte mit 
der Eingemeindung von Cannstatt, Untertürkheim und 
Wangen am 1. April 1905 auf, und so konnte das Tiefbau 
amt verschiedene Projekte für die Reinigung der Abwässer 
von Groß-Stuttgart ausarbeiten und im Mai 1905 den An 
trag stellen, auf dem städtischen Areal oberhalb Münster 
eine mechanische Kläranlage zu errichten. Der Gemeinde 
rat faßte aber im Dezember 1905 den großzügigen Be 
schluß, die Kläranlage weiter flußabwärts oberhalb Hofen 
zu errichten, trotz der Mehrkosten von 600,000 M. für die 
Verlängerung des Kanals von Münster bis Hofen. Bei 
dieser Beschlußfassung spielte neben dem Gedanken, auf 
dem Platz bei Hofen auf die Dauer bei der mechanischen 
Klärung bleiben zu können, auch die Rücksicht auf die neu- 
eingemeindete Stadt Cannstatt insofern eine Rolle, als die
	        

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