Full text: Die Cisterzienser-Abtei Maulbronn

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Glieder löst und belebk; ordnungslos eine Zeit lang, dann aber ruht in sich selbst, 
in siegstolzer Kraft, die blühende Golhik. Wir sehen sie malt und derb werden 
und wieder die luftigen spätgothischen Hallen, über deren harkrippige Gewölb- 
maschen eine schon in die Renaissance hineinspielende Malerei sich fröhlich mildernd 
ergießt — und nimmer, auch bis zun: letzten Bauwerke nicht, verlätzl sie der 
malerische Neig der geheimnisvolle Zauber gedrängt einfallenden Lichts und ein 
fach-schöner Verhältnisse. 
Man lern! hier mühelos im Anschauen das Entstehen und Vergehen der 
Formen; nehmen wir nur das Fenstermatzwerk und die Säule. Jenes urlhüm- 
lichst am Lairnrefektvrium (nur 1201): zwei tiefeingefchrägte Kundbogenfenster dicht 
neben einander, darüber rin ebenso tiefes Kundfenster; urthümlich auch noch, genial 
bewegt und befangen zugleich, erscheinen, mit eingezwängtem Kund, die Kleeblatt- 
fenster des Paradieses, schon ein Bogen (noch rin halbrunder) darüber; immernoch 
etwa« schwer» aber voll edelster: Lebens, die prächtigen Fenster des westlichen Kreuz 
gangsflügels: zwei leicht gefüllte Bögerr urrd eine große Fünfblattroselte, von einem 
Spitzbogen überspamrl und rrvch durch die Steinwand geschieden, während an den 
Arkadenfensterrr des Kapitelsaals Alles in Maßwerk sich löst, streng noch, aber 
voll Anmuth. Bis hicher keine Pfosten, nur Aohrfäulen oder Säulen mit ange 
setzter: Dreivierlelssäulchen; mit dem Eindringen der Pfosten (mit vorgesetzter: 
Kund- oder Birnstäben) wird das Maßwerk noch reicher und freier, aber feiten 
mehr so rein; dies zeigen die Fenster des Nord- und Oststügels des Kreuzgangs 
ur:d die riesigen Prachtfenster des Chors; dann fallen die Aundstäbe ab, nackte 
Pfosten verzweigen sich großlöchrrig und breit in den Fenstern der um 1424 an 
die Kirche angesetzten Kapellen, oder reizender rvieder in den Fischblasenrnustern 
der spätesten Bauten zu Ende des 15. Jahrhunderts. 
Die Säule, erst als Halb- oder Viertelssäule gebunden an den rechtwink 
ligen Pfeiler, am Hauplxorlal sogar in dessen Kämpferwulstung hineingezwungen, 
wird in der Kirche schon freier als Halbsäule und als Ecksäule in den Vurrschifs- 
Kaprllen mit eigenem Kgpiläl (Würfelknauf). Von 1200 an bricht auch sie alle 
Fesseln, prangt edel und fest als Doppelsäule in: Laienrrfektorium > als hohe ge- 
wirtelte Kundsäule die Mitte des Herrenrefektoriums entlang und führt nun 
sofort in diesem und den: Südflügrl des Kreuzgangs an den Wänden ein Leben 
auf eigene Faust. Kohrsäule wird an Kohrsäule gehäuft, an die Mauern geklebt, 
ja sogar bis in die Gewölbe hinausgeschoben — dagegen erscheint in: freudigsten 
Gleichgewicht diese schönste Gestalt der Baukunst (die Säule nämlich) in dem gleich 
zeitigen Paradies und weiter in dem erst um 1300 erbauten Kapitelfaal und den 
übrigen Kreuzgsngsflügrln, allein oder als Bündelsäule die Stern- oder Kipprn- 
kreuzgrwölbe tragend. Dann verschwindet sie ganz in: Pfostenwerk der Sxätgothik, 
um beim Erlöschen derselben, zu Beginn des 16. Jahrhunderts, zurückgehend auf den 
romanischen Stil, im Entenfußsaal als hohe, mit gothischem Stab- und Vtuinrn- 
iverk umflochtene, eigenthümlich schöne Würselknanfsäule noch einmal aufzutauchen. 
Wechselvoller noch als die Säule und ihre Verwendung ist dir Form ihres
	        

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