Volltext : Jahreshefte des Wirtenbergischen Alterthums-Vereins (1844/69)

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Umstand  kann  gleichgültig  und  als  blosse  Künltlerlaune  zu  betrachten  seyn.
Doch  liesse  lieh  auch  denken,  der  vornehme  Römer,  welcher  den  Mosaikboden
legen  liess,  habe  einen  Nebenbegrilt  damit  verbunden.  Dafür  gäbe  der  Rabe
und  die  Krähe  einen  Fingerzeig.  Nach  Ovid  Met.  II.  542  und  Apollodor  IH.
10.  3.  wurde  die  Nymphe  Koronis  dem  Apollo  untreu,  aber  vom  Naben,  Apollos
weissagendem  Nogel,  verrathen  und  in  eine  Krähe  verwandelt.  Koronis  hatte
dem  Apollo  den  Aeskulap  geboren,  dieter  wurde  von  den  Blitzen  des  Jupiter
getödtct  und  Apollo  rächte  leinen  Sohn  durch  Ermordung  der  blitzetchmiedenden
  Kyklopen.  Zur  Strafe  dakür  verbannte  ihn  Jupiter  aus  dem  Himmel  und
er  musste  eine  zeitlang  im  Dienste  des  König  Admet  die  Schake  hüten.  Euripidcs
Alkette  8.  Apollodors  Bibl.  III.  10.  4.  Tibullus  II.  3.  Unter  Bild  zeigt  nun
den  Naben  und  die  Krähe  in  Verbindung  mit  einem  durch  die  phrvgitche
Mütze  und  den  Hund  als  Hirten  bezeichneten  Sänger.  Obgleich  nun  keine
Bilder  der  Alten  bekannt  tind,  aut'  denen  Apollo  in  ähnlicher  ttkise  als  Hirt
erschiene,  to  könnte  doch  in  untern  Orpheus  eine  apollinische  Beziehung
hineingelegt  worden  tevn,  tot'crn  Orpheus  als  Apollos  Sohn  überhaupt  nur
eine  Emanation  desselben  ist  und  beide  Begriffe  in  den  orphitchcn  Mysterien
zutammcntallen.  Der  verbannte  Apollo  bedeutet  wie  der  in  die  Unterwelt

hinabsteigende  Orpheus  die  linkende  Jahrestonne,  den  Naturtod  im  Winter,
womit  zugleich  die  Hoffnung  der  Wiedergeburt  gegeben  ilt.  Vergl.  Creuzer's
Symbolik,  dritte  Auslage  IV.  35.  Wahrscheinlich  verdankten  die  vielen  Orpheusbilder ­
  der  spätern  Kaiterzeit  ihre  Entstehung  dielen  schon  dem  Christenthum
sich  nähernden  Mysterien  der  Untterblichkeitslehre;  to  wie  auch  bekanntlich
aut  entschieden  christlichen  Bildwerken  der  ersten  Jahrhunderte  lieh  die  Darstellung ­
  desselben  Orpheus,  als  eines  Sinnbilds  Christi,  öfter  wiederholt.  —
Andels  kann  der  Gründer  unserer  Mosaikbilder  auch  vielleicht  von  dem  profanen ­
  Nebengedanken  ausgegangen  seyn,  zu  dem  ihn,  wenn  er  als  vornehmer
Römer  an  den  nordischen  Grenzen  leben  musste,  der  Gegensatz  des  schönen
Italien  mit  den  germanischen  Wäldern  und  Barbaren  veranlassen  musste  und
dann  würde  auch  der  trotzige  Blick  des  Sängers  und  der  Storch,  als  Sinnbild
und  Verheilsung  glücklicher  Heimkehr,  leine  Erklärung  linden.  Eine  Beziehung  aul
Apollo  würde  übrigens  auch  in  den  Circuslpielen  liegen,  deren  VorÜeher  er  war.
Der  ganze  Molaikboden  aul  Lalel  12  itt  von  Herrn  Eberlein  gezeichnet
und  von  Herrn  Malte  aul  Stein  übertragen;  das  Bruttbild  aut  Tatet  13  von
Herrn  Seyer  in  Rottweil  durchgezeichnet  und  von  Herrn  Malte  in  Farben
gedruckt.

14.  Das  heilige  Grab  in  der  Frauenkirche  zu  Reutlingen.

Ein  Werk  von  lettener  Schönheit  in  Sandltein  gearbeitet  aus  dem  Ende
des  fünfzehnten  Jahrhunderts.  Leider  hat  in  den  städtischen  Archiven  nichts
über  den  Meitter  ermittelt  werden  können.  Die  Iahrzahl  1499  findet  lieh  aul
dem  Taulüein,  der  aus  dem  nämlichen  leinen  hellgrauen  Stein  und  von  deslclbcn
  Meisters  Hand  verfertigt  wahrlcheinlich  ursprünglich  einen  symmetrischen
Gegensatz  zu  dem  h.  Grabe  bildete.  Denn  ohne  Zweifel  fand  das  h.  Grab
früher  an  der  linken  Seite  des  Chors  an  der  Sakristei.  Indem  man  es  an
den  Eingang  im  Seitenschiff  links  verletzte,  wo  es  lieh  jezt  befindet,  brach  man
eine  Hälfte  feines  prachtvollen  Kranzes  ab,  um  darüber  hinweg  eine  Treppe
aul  die  Emporkirche  zu  führen,  und  auch  andere  Stücke  am  oberen  Theile  des
Werkes,  belonders  an  den  Thürmchen  sind  abgebrochen,  doch  noch  grolsentheils
erhalten,  lo  dass  Herr  Eberlein  darnach  die  schöne  Zeichnung  ergänzen  konnte.
Die  vier  oberen  Figuren  (Daniel,  Abakuk,  Elias  und  Jakob)  lind  nur  aufgesetzt, ­
  ohne  architektonischen  Verband,  und  ihre  ursprüngliche  Reihenfolge  iÜ
ungewiss.  Von  dem  wunderschönen  Kranze  werden  wir  ein  Detailblatt  nachliefern. ­
  Am  mittleren  Thürmchen  tteht  der  aulerüandene  Chriüus  mit  der
Siegesfahne  über  dem  Chriüuskopf  aul  dem  Schweilstuch  (als  Sieger  über

Leiden  und  Tod).  Der  ganze  untere  Theil  des  Werkes  iü  gut  erhalten.  Hinter
dem  heiligen  Grabe  selbst  steht  der  Evangelist  Johannes  mit  den  drei  Marien,
ausgezeichnet  schöne  Figuren  von  unbeschreiblicher  Anmuth.  Unten  am  Sarkophage ­
  die  Brustbilder  der  Apostel  Bartholomäus,  Andreas  und  Mathäus.
Vor  demselben  an  jeder  Seite  ein  aus  dem  Schlaf  aufwachender  Wächter.  An
den  Seitenpfeilern  scheinen  über  den  Conlolen  kleine  Figuren  zu  fehlen,  wenn
nicht  vielmehr  angenommen  werden  muls,  dass  hier  am  Ottermorgen  Lichter
angebracht  wurden.  —  Möchte  dieses  herrliche  Werk,  eines  der  werthvolltten
im  Vaterlande,  reüaurirt  werden  unter  einem  Magistrate,  der  bereits  durch  den
verdienten  Herrn  Bauinspektor  Rupp  lo  viel  für  Herttcllung  der  Kirche  selbst
hat  thun  lassenI  —  Die  hier  vorliegende  Eberlein'tche  Zeichnung  ilt  von  Herrn
Gnauth  auf  Stein  übertragen  worden.  —  Ein  Sakramentshäuschen  aus  dem
Klolter  Offenhaufen,  jetzt  aul  Schlots  LichtenÜein  im  Besitz  Sr.  Erlaucht  des
Herrn  Graten  Wilhelm  von  Württemberg  ilt  feinem  ganzen  Style  nach  wahrscheinlich ­
  vom  Meitter  dieses  h.  Grabes.  Die  Ornamente,  die  kleinen  Figürchen
  stimmen  ganz  überein.

15.  Standbilder  der  Wirtenbergilchen  Graten  in  der  Stiftskirche  zu  Stuttgardt.

Die  beiden  stattlichen  Gefallen  find  nach  den  Urbertchrilten  1)  Gral
Ulrich  der  Stiller,  zubcnannt  mit  dem  Daumen,  welcher  nach  dem  Untergang
der  Hohenttaut'en  im  dreizehnten  Jahrhundert,  als  das  Herzogthum  Schwaben
auseinandersrel,  einen  neuen  Vereinigungspunkt  in  feiner  Dynastie  begründete;

und  2)  dessen  Enkel  Ulrich  der  Aeltere,  der  nicht  zur  Regierung  kam,  sondern
noch  vor  seinem  Vater,  Grat  Eberhard  dem  Erlauchten,  ltarb.  Sie  gehören
vor  die  bereits  in  den  frühern  Helten  abgebildeten  Graten  und  eröffnen  die
Reihe.  Zeichner  und  Lithograph  die  bisherigen.
            
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