Full text : Jahreshefte des Wirtenbergischen Alterthums-Vereins (1844/69)

28.  Der  Abtsstuhl  in  der  Klosterkirche  zu  Maulbronn.

ie  Kirche  -es  ehemaligen  Citterzienterklosters
Maulbronn  bewahrt,  neben  vielen  Sehenswürdigkeiten, ­
  den  sogenannten  Abtsttuhl,
rin  prachtwerk  mittelalterlicher  Sculptur,
von  dem  unter  diesjähriges  Hekt  eine  von
Architekt  C.  Beisbarth  gezeichnete  und  von
Maler  H.  Herdtle  lithographirte  Abbildung
bringt.
Vor  dem  beinahe  in  der  Mitte  des
Schitts  der  Kirche  angebrachten  Lettner
befindet  tich  der  aus  Eichenholz  gefertigte
Abtsttuhl,  welcher  dem  fünfzehnten  Jahrhundert  anzugehören  tcheint.
Aut  die  Zeichnung  verweisend,  enthalten  wir  uns  einer  näheren  Betchreibung
  desselben,  und  führen  nur  noch  die  innerhalb  der  Baldachinen  angebrachten ­
  Intchritten  an;  tie  find  folgende:  1.  tzuis  isle  est  rex  glorie?  2.  Ego

sum,  qui  sum.  3.  Vere  Deus  absconditus.  An  der  reich  verzierten  Brüstung
des  Abtsttuhls  steht:  Yinea  Domini  Sabaoth.  Flores  virtutum  carpite  o  sacra
concio!
Das  Kloster  wurde  im  Jahr  1138  zu  Eckenweiher  von  Vlalter  von  Lomersheim ­
  gestiftet,  bald  aber  an  feine  gegenwärtige  Stelle  versetzt.  Die  ursprüngliche, ­
  im  romanischen  Styl  erbaute  Klosterkirche,  welche  jedoch  im  Laut  der
Zeit  mehrfache  Veränderungen  erlitt,  ist  im  Jahr  1178  vollendet  worden;  der
an  der  Vlettfeite  angebrachte,  im  Uebergangsttyl  schön  gehaltene  Vorbau  (Paradies) ­
  wurde  von  1215—1220  erbaut.  Im  Jahr  1424  itt  die  südliche  Seite
des  Langhauses  in  den  fpätgermanitchen  Styl  geändert  worden;  in  demselben
Jahr  wurden  auch  die  ursprünglich  flachen  Decken  des  Mittelschiffs  und  der
beiden  Seitenschiffe  gewölbt.  Die  Erneuerung  des  Chors  tällt  in  das  Jahr
1510  (f.  auch  Klunzinger,  artistische  Beschreibung  der  vormaligen  Citterzienser-Abtei
  Maulbronn).

29.  Glasgemälde  in  der  Stiftskirche  zu  Tübingen.

n  der  Stiftskirche  zu  Tübingen  befinden  sich  vortrefflich  ausgeführte ­
  Glasgemälde,  deren  Verbleiung  und  mosaikartige  Zusammenstellung ­
  aus  kleinen,  meitt  einfarbigen  Theilen  beweist,  dass  tie
einer  sehr  frühen  und  guten  Periode  angehören.  Merkwürdiger
V)eite  sind  die  einzelnen  Theile  der  Gemälde  in  grosser  Verwirrung
eingesetzt  und  die  Bilder  dermatsen  zerritten,  dass  man  Mühe  hat,  tich  dieselben ­
  aus  den  verschiedenen  Fenstern  zusammen  zu  denken.  Vermuthlich  waren
die  Fenster  bei  dem  Umbau  der  Kirche  in  Unordnung  gerathen,  oder  von  dem
Stifte  zu  Sindelkingen  nach  Tübingen  verlegt  worden,  und  bei  dieser  Veranlassung ­
  in  Verwirrung  gekommen.
In  neuester  Zeit  war  Glasmaler  und  Zeichnungslehrer  F.  H.  ptort  von
Reutlingen  bemüht,  diese  zerstreuten  Kunstwerke  theilweite  in  die  ursprüngliche
Ordnung  zu  bringen  und  das  Zusammengehörige,  gleich  einem  Geduldspiel,
wieder  an  einander  zu  fügen,  wodurch  wir  in  den  Stand  gesetzt  wurden,  hier
einige  Glasgemälde  (gezeichnet  von  F.  fj.  ptort,  und  lithographirt  wie  in
Farbendruck  ausgeführt  von  V).  G.  Baitch)  wieder  zu  geben.
Die  Gemälde  stellen  in  der  Richtung  von  der  Linken  zur  Rechten  folgende
Bilder  dar:  1.  Grat  Eberhard  im  Bart;  2.  der  Ritter  St.  Georg;  3.  Grat
Eberhard's  Gemahlin  Barbara  geb.  Markgräkin  v.  Mantua;  4.  vermuthlich

ein  ptalzgrat  von  Tübingen,  der  in  Grat  Eberhard's  v.  Vl.  Diensten  stand;
hietür  spricht  einerseits  das  in  der  Linken  gehaltene  Rlappen  von  Tübingen,
anderseits  das  aut  der  Fahne  angebrachte  Ivürttembergitche  Vlappen.
Zu  der  unterer  lieben  Frauen  und  dem  Ritter  St.  Georg  geweihten,  im
germanischen  Styl  erbauten  Kirche  zu  Tübingen,  welche  nach  einer  an  derselben
angebrachten  Intchritt  die  dritte  Kirche  aut  dieser  Stelle  itt,  wurde  im  I.  1470
den  28.  März  der  erste  Stein  am  Chor  gelegt.  Der  Bau  schritt  anfangs,
ohne  Zweitel  aus  Mangel  an  Mitteln,  langsam  vorwärts;  nachdem  aber  unter
Eberhard  im  Bart  im  Jahr  1475,  als  Vorbereitung  für  die  künftige  Universität,
ein  Theil  des  St.  Martinsttifts  von  Sindeltingen  nach  Tübingen  verlegt  und
die  Kirche  zur  Stiftskirche  erhoben  worden  war,  sich  die  Baumittel  durch  die
Sindeltinger  Stiftungen  vermehrten,  wurde  unter  der  Leitung  des  Hans  Auguttein
Dreuer,  Steinmetzen  von  Rtietentteig,  im  Jahr  1478  den  29.  April  die  südliche,
im  Jahr  1483  die  nördliche  Seite  des  Langhauses  vollendet,  und  in  demselben
Jahr  an  St.  Urbanstag  der  Grundstein  an  der  Thurmseite  gelegt  (siehe  Dr.
K.  Klüpt'el,  Geschichte  und  Beschreibung  der  Stadt  und  Universität  Tübingen
S.  79  ff.).  Die  Kirche  enthält  die  fürstliche  Familiengruft,  in  der,  mit  Ausnahme ­
  des  im  Eril  gestorbenen  Eberhard  II.,  sämmtliche  Herzoge  von  R>ürttemberg
  von  Eberhard  im  Bart  bis  aut  Friedrich  1.  beigesetzt  wurden.
            
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