Full text: Deutsches Baugewerks-Blatt : Wochenschr. für d. Interessen d. prakt. Baugewerks (Jg. 44, Bd. 3, 1884)

Die englischen Trade-Anions. — Die Gemeindehehörde von Amsterdam über das Liernur-System. 
Die englischen Trade Unions. 
(Gewerbe⸗ oder Handwerker⸗Vereine.) 
Im Herbst vorigen Jahres tagte in Paris ein Arbeiter— 
Kongreß, in welchem die Gegensätze, die über die Lösung der 
sozialen Frage bestehen, auf einander platzten und es sogar zu 
Raufereien kam. Das sind Erscheinungen, welche sich leider so 
oft wiederholt haben, daß man sie nicht als bloßen Zufall be— 
trachten kann. Es spricht sich in ihnen das unberechtigte Bewußt— 
— DD 
niemals zu einem Erfolge führen kann. Wenn Kongresse überhaupf 
eine Bedeutung haben sollen, dann müssen alle in denselben ver— 
tretenen Ansichten ausgesprochen und diskutirt werden. Das 
Uebergewicht der einen oder anderen Meinung darf nicht mit der 
Faust, sondern kann nur durch Anerkennung der von der Mehrheit 
vertretenen Ansichten entschieden werden. 
In dem Krongresse führte den Vorsitz der Engländer Burnett, 
ein Mitglied der Trade-Unions. Er führte aus, daß bei den 
englischen Arbeitern ein Haß gegen Bourgeoisie und Regierung 
nicht existire. Es sei ihnen gelungen, einen Theil des öffentlichen 
Reichthums an sich zu ziehen und sich sogar Muße für eine Häus— 
lichkeit zu verschaffen. Ob dieser Ausspruch etwas zu optimistisch 
formulirt war, lassen wir dahingestellt sein; in demselben spiegelt 
sich jedenfalls ein Selbstbewußtsein, von welchem in anderen Reden 
wenig oder nichts sichtbar war; es müßte denn Ueberhebung als 
Selbstbewußtsein anerkannt werden. Herrn Burnett's Ausspruch 
kennzeichnet sich dadurch, daß er nicht den Kampf mit dem Kapital 
vertrat, sondern dafür plaidirte, mit dem Kapital, d. h. den Arbeit— 
gebern auf friedlichem Wege zu verkehren, um dem Arbeiter die 
ihm im Gesellschaftsorganismus zukommende Stellung zu erringen 
Das ist nur möglich, wenn dem Arbeiter ebenfalls eine Macht 
zur Seite steht, wie die Trade-Unions, deren Mitalied, wie schon 
demerkt, Herr Burnett ist. 
Wir schalten hier, mit Benutzung eines von Herrn Frei in 
Wien gehaltenen Vortrages, eine kurz skizzirte Geschichte dieser 
Vereinigung ein. Die Trade-Unions haben eine mehr als fünf— 
hundertsjährige Geschichte. Die ersten Anfänge entstammen einer 
Zeit, in welcher das Vorurtheil herrschend war, der Arbeiter habe 
kein Recht gegenüber dem Arbeitgeber. Dem Arbeiter wurden 
thatsächlich Rechte entzogen, welche die berühmte Magna Charta 
von König Johann, das eigentliche Staatsgrundgesetz Englands 
jedem Engländer zugestand. Die Freizügigkeit wurde nicht aner— 
kannt; die Annahme angebotener Löhne gesetzlich zur Pflicht ge— 
macht u. s. w. Es war ein Nothstand in des Wortes vollster 
Bedeutung, der die Arbeiter zum Widerstande und zur Bildung 
von Vereinigungen trieb, welche die Erhöhung der Löhne und die 
Erlangung von Menschen- und Standesrechten zum Zwecke hatten. 
Diese Vereinigungen datiren aus dem dreizehnten Jahrhundert. 
Der Kampf dauerte ununterbrochen bis in das neunzehnte 
Jahrhundert fort, bis endlich eine Umwälzung der bestehenden 
Verhältnisse durch das Maschinenwesen und das aufgekommene 
Prinzip der Arbeitstheilung eintrat. Das Fabrikleben verstärkte 
einerseits die Macht des Arbeitgebers, vereinigte aber auch eine 
größere Zahl der Arbeiter an einem Orte. Dadurch wurde auch 
ihre Macht erweitert und den Strikes eine Wirksamkeit verliehen, 
welche sie vorher nicht hatten. Von 1800-1824 kämpften die 
Trade-Unions gegen die Verbote, von denen sie vorher betroffen 
worden waren, und sie setzten endlich die offene Organisirung als 
„Vereine“ durch. Die Entwickelung fand nun auf gesetzlicher 
Basis statt; die Unious verzehnfachten sich und ihr Wirkungskreis 
erstreckte sich bald auf alle englischen Kolonien und Amerika— 
Die Trade-Unions wurden nächst Staat und Kirche die 
mächtigste Institution im Lande, wenngleich sich damals die voll— 
stündige Anerkennung noch nicht vollzogen hatte, weil sie des ge— 
setzlichen Schutzes ihres Bermögens entbehrte. Es konnte beispiels— 
weise der Beamte einer Union, welcher das Vermögen derselben 
veruntreut hatte, nicht verfolgt werden. Den Schlußstein der 
staatlichen Anerkennung bildeten die Gesetze von 1875 und 1876, 
deren Freisinnigkeit, mit Bezug auf das Recht des Arbeiters gegen: 
dem Arbeitgeber von allen Seiten rühmend bhervorgeboben 
wurde. 
Die Trade-Unions in England verfolgen zwei von einander 
zu unterscheidende Zwecke. Sie sind erstens Vereinigungen, um 
die höchsten Löhne, die geringste Arbeitszeit und die leichteste Arbeits 
form durchzusetzen. Zweitens sind die Unions Arbeiterbildungs— 
und Unterstützungs-Vereine. Ihre Leistungen in dieser Beziehung 
sind so großartig, wie in keinem anderen Lande. Ungeachtet diese 
Bestrebungen und der Stellung, welche die Trade-Unlons in Eng⸗ 
land einnehmen, gehört die Majorität der Arbeiter denselben nicht 
an. Was die Unions mit großen Opfern errungen haben und 
erringen, ist Gemeinqut aller Arbeiter; dagegen haben die Nicht- 
Unionisten wiederholt durch ihre Strikes das Streben der Unionisten 
durchkreuzt. 
Das Eintrittsgeld und die wöchentlichen Beiträge sind gering, 
im Verhältnisse zu den großen Vortheilen, welche den Mitgliedern 
und nach ihrem Tode den Hinterbliebenen gewährt werden. Die 
Union ist zunächst ein Klub mit Zeitungen, öffentlichen Diskussionen 
und geselligen Unterhaltungen, an denen auch die Frauen und 
Kinder theilnehmen dürfen. Die Unions haben Kranken-, Ver— 
orgungs- nund Unterstützungskassen, fast jede besitzt Vermögen, keine 
inzige hat Schulden. Die Größe des gesammelten Vermögens 
ifferirt sehr bedeutend. So besaßen im Jahre 1877 die ver— 
einigten Steinmetze und Maurer nur 6107 Pfund Sterling, die 
Maschinenarbeiter 275 270 Pfund Sterling, d. h. 122 140 M. 
cesp. 5 505 400 Mk. Die Union der vereinigten Steinmetzen und 
Manrer, welche ein Alter von mehr als 500 Jahren hat, zahlte von 
1840, dem Jahre ihrer Neuorganisation bis 1877, dem Jahre großer 
Strikes, 172 000 Pf. Sterl. gleich 3440 000 Mk. zur Regelung der 
Lohnverhältnisse und 188 000 Pfund Sterling gleich 3 760 000 Mk. 
in Unterstützungsgeldern für Mitglieder. Die Unions der einzelnen 
Distrikte bilden nur Zweiganstalten des gesammten Handwerks, 
und manche Trade-Union hat einige Hundert solcher Zweigpereine. 
diernach ist es leicht, die große uͤnd umfassende Wirksamkeit der 
sanzen Union zu beurtheilen. Und das Alles ist ein Produkt der 
Selbsthülfe, welche das eigentliche Fundament der Machtstellung 
der ganzen Union im Lande ist. 
(Schluß folgt.) 
Die Gemeindebehörde von Amsterdam über 
das Liernur-System. 
Wie in diesen Blättern mitgetheilt wurde, hat die Central— 
kommission der Berliner Hausbesitzer-Vereine den Beschluß gefaßt, 
an den hiesigen Magistrat das Ersuchen zu richten, endlich einen 
umfassenden und gruͤndlichen Versuch mit der Anwendbarkeit des 
Liernur-Systems für die Städtereinigung zu machen, da die 
früheren oberflächlichen Begutachtungen dieses Systems ein genügen— 
des Urtheil unmöglich gestatteten, wogegen die Gefahren und 
Nachtheile der englischen Schwemmkanalisation durch deren beharr— 
liche Fortsetzung keineswegs an beängstigendem Gewicht verloren 
hätten. Um indeß dem dieserhalb an den Magistrat zu richten— 
den Gesuch eine möglichst solide Begründung zu verschaffen, be— 
schloß die Kommission, zuvor von denjenigen holländischen Städten, 
in welchen das Liernur-System bereits zur Anwendung gekommen 
ist, eine Auskunft über die erzielten Resultate zu erbitten. Hierauf 
ist nun soeben von „Bürgermeister und Schöffen von Amsterdam“ 
in freundlicher und dankenswerther Bereitwilligkeit eine so aus— 
führliche, für das ganze System so wichtige und zugleich für alle 
betheiligten Grundbesitzer so interessante Auskunft ertheilt, daß wir uns 
richt versagen dürfen, das amtliche Antwortschreiben seinem Wort— 
laut nach mitzutheilen. Jedenfalls muß dasselbe wesentlich zur 
Berstärkung des berechtigten Verlangens beitragen, daß man endlich 
einer Sache praktisch näher trete, die bereits, wie wir unlängst 
nittheilten, unsere höchsten maßgebenden Kreise zu interessiren be— 
ninnt, gleichwohl aber bis jetzt nur mit unbewiesenen Einwen— 
dungen von voreingenommenen Seiten bekämpft worden ist. Das 
Amsterdamer Schreiben lautet nach dem „Grundeigenthum“ 
7279 
RNp. 27 W 
Nue 2969 W. W Amsterdam, den 10. Juni 1884. 
Auf die gefällige Anfrage vom 3. Main d. J. beehren wir 
uns ergebenst mitzutheilen, daß die befriedigenden technischen Re— 
sultate einer im Jahre 1870 hierselbst erbauten Versuchs-Anlage 
des Liernur-Systems zu der Anwendung desselben auf mehrere 
indere Stadtbezirke Veranlassung gegeben haben. Wir erhielten 
hierdurch Gelegenheit, das System, Seitens dessen Benutzung von 
jen verschiedensten Gesellschaftsklassen, zu prüfen und sind die 
anitären und technischen Ergebnisse derart, daß wir darüber nur 
Günstiges berichten können, indem stets verwirklicht wurde. was 
der Erfinder verspochen. 
Der Betrieb ist auf keinerlei Weise belästigend für die Ein— 
wohnerschaft, die Klosets sind, wenn richtig nach den Plänen des 
Erfinders ausgeführt, geruchlos und Betriebsstörungen beschränken 
ich mit unwesentlichen Ausnahmen, auf Verstopfungen der Klosets 
ufolge Mißbrauchs, der jedoch die Klosets eines jeden anderen 
Systems ebenfalls auf gleiche Weise verstopfen würde. Auch hat 
ein solcher Mißbrauch keinen Einfluß auf den regelmäßigen Betrieb 
der Röhrennetze, während die Kosten der Aufräumung der Ver— 
stopfungen selbstverständlich blos die betreffenden Haushaltungen 
treffen und für sich sehr gering sind. So betrugen sie 1883 etwo 
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