Full text: Deutsches Baugewerks-Blatt : Wochenschr. für d. Interessen d. prakt. Baugewerks (Jg. 44, Bd. 3, 1884)

Ueber die Verwendung flüssiger Kohlensäure in den Gewerben. 
11 
Man kann wegen ihrer Schwere die gasförmige Kohlensäure 
förmlich umgießen, wie man eine Flüssigkeit aus einem Gefäße 
in das andere gießt. Die Kohlensäure hat ferner die Eigenschaft, 
hrennende Körper auszulöschen und Menschen und Thiere beim 
Einathmen zu tödten. 
Die Kohlensäure gehört zu denjenigen Gasen, welche sich 
durch Druck oder durch Temperatur-Erniedrigung verdichten lassen. 
Wenn man sie einem anhaltenden Druck aussetzt, oder bei gewöhn— 
lichem Druck bis auf — 320 C. abkühlt, so geht sie aus dem gas⸗ 
förmigen in den flüssigen Aggregatzustand über. 
Die Kohlensäure verlangt nun bei gewöhnlicher Temperatur 
zu ihrer Verflüssigung einen Druck von 75 Atmosphären, bei 00 
bagegen nur 38 Atmosphären und bei Abkühlung unter O je nach 
dem Grade derselben entsprechend weniger. Die flüssige Kohlen— 
äure selbst ist eine ölartige, auf Wasser schwimmende und nicht 
nit demselben mischbare Flüssigkeit. Läßt man die Flüssigkeit aus 
hrem Behälter ausströmen, so verdunstet sie so rasch, daß ein Theil 
der Flüssigkeit fest wird; man erhält, dann einen Körper von 
garter, krystallinischer, schneeähnlicher Beschaffenheit. In Anbetracht 
zes großen Druckes, der innerhalb eines Behälters mit flüssiger 
Kohlensäure herrscht, muß dieses Auffangen mit Hülfe eigener 
Apparate geschehen. 
Die Vorrichtung vom Professor A. W. Hofmann besteht in 
einem einfachen Tuchbeutel, dessen Boden aus einer runden, in der 
Mitte durchbohrten Holzscheibe besteht und dessen obere Oeffnung 
einfach zugeschnürt und fest zusammengebunden wird. In die 
Deffnung der Holzscheibe kommt das Ausflußrohr des Kohlensäure— 
Behälters. Beim Oeffnen des Ventils schießt die flüssige Kohlen— 
äure mit stark zischendem Geräusch in den Beutel, die ersten An— 
heile dringen durch die Poren des Tuches und vergasen sofort, 
vährend die späteren Antheile nur theilweise vergasen, da ein 
Theil durch die sehr erhebliche Temperatur-Erniedrigung fest wird. 
Beim Oeffnen des Beutels können wir den schneeähnlichen festen 
dörper herauskratzen. 
Die feste Kohlensäure verdunstet verhältnißmäßig langsam. 
Es hat das darin seinen Grund, daß sich der feste Körper zunächst 
mit einer dichten Schicht gasförmiger Kohlensäure umgiebt, welche 
der weiteren Verdunstung hinderlich ist. Man kann aus diesem 
Brunde auch die feste Kohlensäure längere Zeit ohne Gefahr in 
ser Hand halten, nur darf man sie nicht zwischen den Fingern 
est zusammendrücken; es erzeugt dies den Brandwunden ähnliche 
Blasen, welche schwer heilen. Durch das Zusammendrücken wird 
nämlich die den festen Körper umgebende Gasschicht verdrängt, und 
es gelangt die feste Kohlensäure zur Wirkung. Wenn man aber 
die Verdunstung der festen Kohlensäure durch Uebergießen mit etwas 
Aether beschleunigt, so gelingt es, Wasser in sehr kurzer Zeit in 
Eis zu verwandeln. Gießt man auf einen Teller ein wenig Wasser, 
setzt darauf ein Glas mit möglichst dünnem Boden, thut in das 
Glas etwas feste Kohlensäure und einige Tropfen Aether, so ist 
niach kurzer Zeit das Glas an den Teller festgefroren. Auch Queck— 
ilber läßt sich auf diese Weise leicht zum Gefrieren bringen. 
Feste Kohlensäure bildet sich ferner, wenn man die flüssige 
Säure auf — 700 C. abkühlt. Beim Verdunsten der flüssigen 
Säure tritt aber Temperatur-Erniedrigung bis auf — 750 C. ein; 
es erklärt das die Leichtigkeit, mit welcher beim Aufheben des 
Druckes aus dem flüssigen Körper der feste entsteht. 
Die flüssige Kohlensäure hat eine enorme Ausdehnungsfähig— 
keit. Der Druck derselben ist bei verschiedenen Temperaturen nach 
»en Angaben von Regnault u. A. folgender: 
Temp. O0 —100 4150 —300 4400 4450 
38 46 51 73.8 91 100. Atm. 
Dieser Druck repräsentirt eine erhebliche Menge mechanischer 
Kraft, welche in der flüssigen Kohlensäure in kleinem Raume auf— 
gespeichert ist. Hierauf gründet sich die Verwendung der kompri— 
mirten Kohlensänre in der Technik, der in einzelnen Fällen aber 
ruch noch die andern Eigenschaften der Kohlensäure zu Gute kommen. 
Vor Jahren tauchte wiederholt die Idee auf, die beim Ver— 
dunsten der flüssigen Kohlensäure eintretende große Temperatur— 
Erniedrigung zur Erzeugung von Eis nutzbar zu machen. Der Hof— 
nann'sche Bericht über die Wiener Weltausstellung (1873) erwaͤhnt 
eine Maschine, in welcher die Kohlensäure zugleich als Kraft und 
als Kälte erzeugendes Mittel verwendet werden sollte. 
Die Raydt'schen Versuche zur Verwendung der komprimirten 
Kohlensänre begannen mit dem Heben unter Wasser gesunkener 
Begenstände. Ballons aus gummirtem Segeltuch wurden unter 
Waͤsser durch expandirende Kohlensäure aufgebläht. Ein so auf— 
geblähter Ballon entwickelt eine nach oben gerichtete Zugkraft, welche 
ekanntlich gleich dem Gewichte der verdrängten Wassermasse ist. 
Fin kugelförmiger Ballon von 3 m Radius 'entwickelt daher die 
norme Tragkraft von 113 000 kg. 
Im Feuerlöschwesen unterscheiden wir bis jetzt zwei ver— 
chiedene Arten der Verwendung von flüssiger Kohlensäure. Nach 
der einen Idee, die von Dr. Raydt herrührt, wird die Kohlensäure 
aur als Druckmittel benutzt. Ein zylindrisches Gefäß in horizon— 
aler Lage ist am vorderen Theile mit einem Kohlensäure-Behälter 
»erbunden, die einströmende Kohlensäure wird entweder auf die 
Dberfläche des Wassers geleitet und dieses ohne Weiteres in den 
Spritzenschlauch gedrückt, oder das Entbindungsrohr reicht bis an 
»en Boden des Gefässes und durchläuft dasselbe bis an das Ende; 
es hat dann auf der oberen Seite verschiedene Oeffnungen, durch 
velche die Kohlensäure in das Wasser tritt. In diesem Falle 
vird das Wasser theilweise mit Kohlensäure imprägnirt, wodurch 
»ine vollständigere Löschwirkung beabsichtigt wird. 
Das zweite, vom Branddirektor Major Witte benutzte Ver— 
ahren besteht darin, die Kohlensäure während des Anheizens des 
dessels der Dampfspritze in den ersteren einzulassen; sie dient dann 
um Betriebe der Pumpe, bis genügend Dampf vorhanden ist. 
F. H. Krupp in Essen benützt die flüssige Kohlensäure zur 
Zerstellung dichter Metallgüsse. Die gleich nach dem Gießen dicht 
zu verschließende Gußform wird mit einem Reservoir verbunden, 
velches mit flüssiger Kohlensäure gefüllt ist. Das Metall wird 
abei mit einem schlechten, kalten oder erhitzten Wärmeleiter (Sand, 
Erde oder Schlacke ꝛc.) bedeckt, dann wird die Form schnell dicht 
erschlossen und das Gas wird zugelassen. 
Allgemeines Interesse beansprucht die Verwendung der flüssigen 
dohlensäure im Bierausschank. Dr. Kunheim liefert die flüssige 
dohlensäure in schmiedeeisernen Behältern, welche amtlich auf 
»50 Atm. Druck geprüft sind. Die Ausflußschraube wird beim 
Transport durch eine Verschlußmutter, der ganze Ventilaufsatz aber 
zurch eine schmiedeeiserne Kappe geschützt. Diese Kohlensäure— 
Flasche ist nun mit einem Windkessel verbunden, welcher ein ge— 
vöhnliches Kugelventil und Manometer besitzt. Der vom königlichen 
Kolizeipräsidium in Berlin für die Windkessel vorgeschriebene Druck 
»eträgt fünf Atmosphären. Der Windkessel ist mit dem Faß und 
der eigentlichen Bierleitung verbunden. 
Die Vortheile, welche die Bier-Pressionen mit flüssiger Kohlen— 
äure haben, bedürfen keiner weiteren Erwähnung. Den bisher 
ehr häufig benutzten Bier-Pressionen mit komprimirter Luft gegen— 
iber besizt die Verwendung flüssiger Kohlensäure den Vorzug 
enibelster Sauberkeit; die Handhabung und Bedienung des Appa— 
ates ist ferner eine so einfache, daß Unregelmäßigkeiten, sofern 
nicht gerade mit berechneter Willkür verfahren wird, nie eintreten 
önnen. Die Flaschen enthalten 8 kg flüssiger Kohlensäure; diese 
MNenge entspricht 4000 Litern Kohlensäuregas unter gewöhnlichem 
Druck, und es können mit dieser Menge 2000-2 500 Liter Bier 
herschenkt werden 
Zur Darstellung von Mineralwasser kann die flüssige Kohlen— 
äure ohne Weiteres, d. h. ohne Einschaltung eines Windkessels. 
n den Misch-Zylinder eingelassen werden 
Endlich ist noch derjenigen Versuche zu gedenken, welche die 
derwendung der flüssigen Kohlensäure zur Bewegung von Klein— 
notoren bezwecken. Einen praktischen Erfolg haben diese Versuche 
is jetzt noch nicht gehabt, es darf aber angenommen werden, daß 
vir bald von Erfolgen hören werden. Zum Inbetriebsetzen eines 
zerartigen Motors gehört nur ein einziger Druck am Ventil des 
dohlensänre-Behälters und durch eine eben solche Bewegung kann 
iin solcher Motor fast augenblicklich zum Stillstand gebracht wer— 
»en; Verluste, wie sie Heizanlagen mit sich bringen, sind völlig aus— 
seschlossen, und von Feuergefährlichkeit kann gar nicht die Rede sein. 
Ein Einwand, der selbst von Fachleuten der komprimirten 
dohleusäure entgegengestellt wird, ist die vermeintliche Explosions— 
zjefahr. Dagegen ist zu sagen, daß das Stickoxydgas schon seit 
iner Reihe von Jahren von den Zahnärzten in komprimirter 
Form verwendet wird, ohne daß jemals ein Unglücksfall, durch 
xxplosion veranlaßt, stattgefunden hätte. Uebrigens läßt sich aber 
ruch die völlige Ungefährlichkeit der flüssigen Kohlensäure durch eine 
infache Betrachtung sehr leicht beweisen. Nehmen wir den in der 
Praxis möglichen ungünstigsten Fall. Die Flaschen werden auf 
inbedecktem Wagen in glühender Sommerhitze den Kunden zu— 
gefahren, so kaun es vorkommen, daß eine der Flaschen mehrere 
—„tunden lang ununterbrochen von den direkten Sonnenstrahlen 
jeschienen wird. Bei 400 C. nämlich zeigt die flüssige Kohlen— 
äure nur eine Dampfspannung von 91 Ätmosphären, also noch 
nicht die Hälfte des Druckes, auf den die Kohlensäureflasche amtlich 
geprüft ist. 
Nimmt man an, daß durch irgend welche unvorhergesehene 
Umstände eine Kohlensäureflasche platzte, so inuß berücksichtigt 
verden, daß durch die große Expansionsfähigkeit und durch die 
adurch bedingte große Temperatur-Erniedrigung ein Theil der 
Zäure fest wird und dann verhältnißmäßig langsam verdunstet. 
x5s kann also auch iu einem solchen Falle von einer wirklichen 
Befahr nicht die Rede sein. (New⸗Norker „Techniker“.)
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.