Volltext : Deutsches Baugewerks-Blatt : Wochenschr. für d. Interessen d. prakt. Baugewerks (Jg. 44, Bd. 3, 1884)

40  Stuttgart  unter  Herzog  Ulrich  1511—1512.

für  jedermänniglich  roten  und  Weißen  Wein.  Man  verzehrte  136
Ochsen,  1800  Kälber,  130  Schweine,  570  Kapaunen,  5200  Hühner,
2759  Krametsvögel,  11  Tonnen  Salmen,  90  Tonnen  Häringe,  120
Pfund  Nelken,  36  Pfd.  Ingwer,  40  Pfd.  Safran  35  Pfd.  Süßholz.
Eine  schöne  Bürgerwache,  800  Mann  stark,  mit  Trommlern  und  Pfeifern,
wurde  aus  dem  ganzen  Lande  erlesen;  sie  war  von  den  Aemtern  mit
roten,  zerschlitzten  und  gelb  unterlegten  Pluderhosen  und  dergleichen
Puffärmeln  ausgestattet  und  hatte  sich  selbst  mit  rotem  Barett  und
weißem  Federbusch,  Harnisch  und  Hellbarte  zu  versehen.  Turniere,
Ritterspiele,  Gastmahle,  Tänze  und  Musik  aller  Art  brachten,  7  Tage
lang  und  mehr,  die  lustigste  Kurzeweil.  Abgesehen  davon,  daß  eine
Spottrede  des  Truchsessen  Andreas  v.  Waldburg  Grafen  v.  Sonnenberg
den  Grafen  Felix  v.  Werdenberg  dermaßen  reizte,  daß  dieser  sich  durch
Ermordung  seines  Beleidigers,  eines  bejahrten  und  hochgeachteten  Kriegsmanns, ­
  rächte,  verlief  alles  in  bester  Eintracht  und  Ordnung.  Freilich
„der  überaus  köstliche  Geschmuck  beim  Tanz,  Rennen  und  Stechen,
Tag  und  Nacht,  das  übermäßig  Silbergeschirr,  die  mehr  denn  stattliche
Traktation  auch  in  allen  Häusern  der  ganzen  Stadt  ist  männiglich
eine  Verwunderung  gewesen,  also  daß  viele  dafür  gehalten,  daß  man
mit  diesen  unmenschlichen  Kosten  ein  ganzes  Land  sollte  verthun  haben."
Das  um  so  mehr,  als  teure  Zeit  war.  Der  Scheffel  Dinkel,  der
1506  noch  20  Kreuzer  5  Heller  galt,  war  1511  bis  auf  2  Gulden
gestiegen.
Herzog  Ulrich  kauft  Weiteres  zum  Tiergarten  hinter  dem  Schloß.
Die  150  Schritt  lange,  60  breite  alte  Rennbahn  im  Lustgarten  läßt
er  mit  Kies  beschütten  und  mit  roten  Schranken  einfassen.  —  Wenig
und  saurer  Wein.
1511  ff.  Der  Augustiner-Eremit  Joh.  Mantel  aus  Nürnberg,  gebildet  in
Tübingen,  wirkt  als  Prediger  in  St.  in  der  Richtung  des  neuen  Glaubens
(f.  1523).  Stuttgart  ist  mit  Tübingen  Mittelpunkt  eines  höchst  folgenreichen ­
  Kampfes  um  Gewissensfreiheit,  Duldsamkeit  und  Wissenschaft.
Denn  von  diesen  beiden  Städten  aus  führt  der  große  Gelehrte  Johann
Reuchlin,  der  Geburt  nach  ein  Badener,  aber  durch  sein  übriges  Leben
ein  Württemberger,  Rat  am  herzoglichen  Hof,  Mitglied  des  Hofgerichts
und  des  schwäbischen  Bundesgerichts,  seinen  berühmten  Kampf  für  das
Studium  der  Bibelsprache  und  für  die  Juden  mit  den  Dominikanern
und  andern  Dunkelmännern.
1512  Sehr  wenig  und  saurer  Wein.
Der  Kanzler  Gregor  Lamparter  läßt  ein  Stück  des  Krcuzgangs
            
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