Full text: Deutsches Baugewerks-Blatt : Wochenschr. für d. Interessen d. prakt. Baugewerks (Jg. 45, Bd. 4, 1885)

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MNittheilungen aus der Praxis. 
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»der nach dem Monde spräche. Es ist häufig so: Die bisherige 
Abneigung gegen irgend ein Objekt macht dann plösßlich einer oft 
insinnigen, ganz unmoötivirten, alle gegertheiligen Vernunftgründe 
iber Bord werfenden Vorliebe Platz. So auch mit mit dem 
Fisenbau. Man ruhmt aber besonders die Tragfähigkeit und 
Feuerssicherheit der Eisenkonstruktionen; bittere und ganz jämmer— 
iche Erfahrungen mußten uns endlich von der Nichtigkeit dieser 
Annahme überzeugen; die Eisenkonstruktionen an sich sind weder 
euersicher, noch, eben besonders dadurch, weil sie jenes nicht 
ind, auch tragfähig und lastsicher. Es hat sich hundertfach 
chon gezeigt, daß bei großen Bränden, wenn weiter gar nichts 
geschieht, mindestens die Eisenkonstruktionen aus ihrer Statik und 
Stabilität kommen und der Einsturz der betreffenden Bautheile 
resp. Gebäudepartien) steht vor der Thür! Geschweige erst des 
Amstandes, wenn das Eisen glühend flüssig wird durch die nicht 
elten entsetzliche, 20000 R. erreichende Hitze des Brandes. 
Es dünkte den Konstrukteuren und Bauherrn viel zu wenig 
Vortheil, die Gewölbe der Gebäude durch eiserne Träger mit 
Zwischenwölbung oder sonst eine Zwischendeckung, als Eisenplatten, 
Falzziegel, Holzbalken ꝛc., zu ersetzen und dadurch au sogenannter 
Konstruktionshöhe“ zu gewinnen; auch horizontal soll durch 
das Eisen mehr Raum geschafft werden! Man verwendete eiserne 
Säulen im Erdgeschosse und stellte dann die ganze Mauer der 
Façade vom ersten Obergeschosse (1. Stockwerke) bis zum Dache 
darauf; die Sucht der konkurrenzwüthigen Kaufleute, für ihre 
Schaufenster große Flächen und Belegränume zu schaffen und zu— 
zjleich damit fast den ganzen Innenraum auch der Schaulnst des 
Publikums bloszustellen, sowie endlich, um nur viel Licht zu ge— 
vinnen, um schnell zubauen, um an dem oft sehr theuren Stein- und 
Ziegelmaterial oder an Arbeit zu sparen, hat zu diesen modernen, 
dft ganz unglaublichen Parterreeisenkonstruktionen geführt, welche 
vir jetzt in allen großen Städten, selbst auch schon in kleinen Land— 
tädtchen in aller Grenzenlosigkeit angewendet sehen; in London be— 
stehen ganze Waarenhäuser aus Eisen, desgl. in Paris, Berlin, 
in Wien haben wir das berühmte „eiserne Haus“ von Fellner u. 
Hellmer in der Kärnthnerstraße, den Gebrüdern Thonet gehörend 
i. s. w. Auf der Weltausstellung in Wien 1873 hatten euglische 
und amerikanische Firmen ganze Familienhäuser zum Verkaufe 
»mupfohlen, vollständig aus Eisen von 3900 -36000 fl. u. s. w. 
Aber nicht Alles, was glänzt, ist Gold, und nicht Alles, was 
von Eisen ist, ist deshalb auch qut und hewüährt sich in allen 
Fallen. 
Mehrere bedeutende Brände, der erste besonders in Chikago, 
sann in Boston, dann in London, Paris und zuletzt in Berlin 
jaben die Baubehörden auf diese Säulenunterbauten aufmerksam 
jemacht und gezeigt, daß dem nicht so fortgehen könne; „da muß 
uwas dagegen geschehen, das darf nicht sein!“ sagte man sich. 
Besonders das Wiener Stadtbauamt hat sich schon durch 
mehrere Untersuchungen über die Verwendung gußeiserner 
Zäulen bei Geschäftslokalitäten, über welchen sich Wohnräume 
yefinden, beschäftigt. Seitdem diese Mode überhaupt in's Leben 
jetreten, fanden sich nämlich auch in Wien sehr viele Baumeister 
»ewogen, von den gußeisernen Sänlen für Parterreräume Anwen— 
ung zu machen und es wurde ihnen von baubehördlicher Seite 
iach Beobachtung gewisser Vorschriften kein Hinderniß in den 
Weg gelegt. Einige Brände in Berlin u. a. a. O. zeigten, daß 
hoch aber für die Verwendung dieser Konstruktionen ganz neue 
sNormen ausgearbeitet werden müssen. Die Erfahrung lehrte, daß 
die gußeisernen Säulen sehr rasch glühend wurden und dann hier— 
zurch schon und durch die auf ihnen ruhende Last, oder, durch den 
Wasserstrahl der Feuerspritzen abgekühlt, einknickten, oder endlich 
durch letztere Prozedur gar zersprangen; die natürliche Folge hier— 
»on war natürlich ein Einsturz der zunächst besindlichen oberen 
Stockwerke; das Wiener Stadtbauamt beantragt nun folgende 
Rovelle zur Bauordnug, welcher sich auch bald audere Kom— 
nunen anschließen dürften: 
1. In Gebäuden, deren Untergeschosse (Parterre) zu Ge— 
chäfts- und Lagerzwecken, die Obergeschosse aber zu Wohnräumen 
»enutzt werden, dürfen gußeiserne Säulen, welche gegen die 
inmittelbare Einwirkung des Feuers nicht geschützt sind, unter 
den Tragwänden des Hauses (d. i. den Haupt- oder Facaden⸗ 
ind Mittelmauern) keine Verwendung finden. 
2. An Stelle derselben werden gestattet: 
u. Schmicdeeiserne Säulen. 
Säulen aus Gußeisen, aber mit einem durch eine Luft— 
chicht an der Gußseite isolirten, unentfernbaren, ent— 
prechend starken (an sich schon tragfähigen) Schmiede— 
ꝛisenmantel. 
. Pfeiler oder Säulen aus Ziegelmauerwerk oder aus feuer— 
beständigen Steinen und in den nöthigen Dimensionen. 
Dieser Antraq ist. besonders wenn er durch Gemeinderaths— 
eschluß und eventuelle Gatheißung seitens des österreichischen 
Ingenienr- und Architektenvereins, Landtag ꝛc., Bestätigung und 
Besetzeskraft erlangen sollte, sehr löblich, aber nicht ohne Schatten— 
eite; der erste Punkt ist vollständig zu streichen; schmiedeeiserne 
SZäulen und solche von geschmiedetem Gußstahl halten aller— 
zings mehr aus, als gewöhnliches ordinäres Gußeisen, aber sie 
ind auch nicht völlig feuerfest; bei einer großen Brandhitze 
»iegen sie sich auch und sobald letztere 15000 übersteigt, schmilzt 
»ie Säule; was den zweiten Punkt betrifft, so ist allerdings ein 
olcher Schmiedeeisenmantel — Wergl. ältere Jahrgänge 
zieser Zeitschrift. Artikel: „Zur Kritik der Konstruk— 
ionen“ und in mehreren späteren Aufsätzen) gegen Feuer sehr 
ienlich, aber die Stabilität ist im Falle eines Feuers, bei Er— 
chütteruugen ꝛc. doch nicht so gewährleistet, um mit völliger Gewiß— 
sjeit und Ruhe Wohnräume durch vier Etagen darüber zusetzen; 
»leibt also nichts übrig, als das alte System steinerner 
ofeiler.*) 
Bei dieser Gelegenheit nimmt es jedoch auch Wunder, warum 
nan sich nur gegen die eisernen Säulen und nicht auch gegen 
iserne Balken wendet, mit welchem soviele Verkaufslokalitäten, 
HYagazine ꝛc. unterhalb von Wohnräumen zur Deckenkonstruktion 
n Verwendung gebracht worden sind? Biegen sich und schmelzen 
iserne Balken weniger im Feuer, als eiserne Säulen? Auch hier 
hut Reform noth; die eisernen Balken sollen daher für diese 
Zwecke eine passende Hülle erhalten. 
Ich will diesen Beitrag nicht schließen, ohne auf eine Ver— 
vendung gußeiserner Hohlsäulen aufmerksam gemacht zu 
jaben, welche in Frankreich und England schon seit einiger Zeit 
— 
lämlich die Idee, sie theils zur Ventilation (Wiener Hofoper) 
»der zur Zirkulation des Wassers zu benutzen, hierdurch wird 
ie gußeiserne Hohlsäule sozusagen zum Spritzenschlauch oder zur 
Fontaine gemacht und kann sodann auch durch die beständige 
Wasserspülung während des event. Brandes stets bedeutend abge— 
ühlt werden, daher ein in Rothgqluthgerathen der Säule fast un— 
nöglich erscheint. 
Einige Konstrukteure schlagen vor, besonders bei dieser Kon— 
truktionsweise die Träger nicht fest in die Mauern einzubetten, 
ondern ihnen einen gewissen Spielraum nach der Seite, Höhe 
ind besonders nach der Länge zu gestatten; englische und 
französische Bauingenieure haben zu diesem Ende in neuerer Zeit 
leine, gußeiserne, in die Mauer zu versenkende Nischen machen 
assen, in welche die Kopfenden der Träger zu liegen kommen; es 
jat also manches für sich, wenn bei Freilager der eiserne Träger 
richt auf den Ziegelmauern direkt aufsitzt; ist auch bei Ein— 
nauerung nicht übel; auch die mit obiger Konstruktion in Ver— 
»indung stehenden Träger können hohl gemacht und zur Wasser— 
irkulation benutzt werden. 
Um Träger feuerbeständiger zu machen, benutzt man be— 
anntlich eine Hülle von Lehmzöpfen, Rohrstück oder feuerfeste 
Leinwand, deren untere Partie aus Asbestgewebe, die Ober— 
»artie aber aus feuerfestimprägnirter und mit Eisenmennigfarbe 
zetränkter Sack-, Segel- oder Dekorationenleinwand überzogen ist; 
ieser Ueberzug ist für Zwischenwölbung und sonstige Detailkon— 
truktionen nicht hinderlich; zu demselben Zwecke dient auch feuer— 
este Papiermaché«Umhüllung. I. 
Mittheilungen aus der Prarxis. 
Die Rauchplage in den Städten und die Mittel 
zu deren Abhülfe. Ueber diesen Gegenstand hat der Direktor 
R. Weiling vor der Naturforscher-Versaämmlung in Magdeburg 
o. J. einen bemerkenswerthen Vortrag gehalten und in Nr. 45 
der „Zeitschrift des Vereins deutscher Ingenieure“ veröffentlicht. 
Nach dem „Centralblatt der Bauverwaltung“ geben wir in Fol— 
gendem einen Auszug aus diesem Vortrag: 
„Welche Unmengen von Brennmaterial verbrannt, also zum 
zrößten Theil den Lustschichten über den Städten zugeführt werden, 
rgiebt sich schlagend von 20 Mill. Pferdekräften, die nach 
Schätzungen und statistischen Nachweisungen heutigen Tages zum 
Betriebe der Industrie und zur Bewältigung des Verkehrs erfor— 
zerlich. Noch mehr, Rauch aber, als Industrie und Kleingewerbe 
zusammen, liefern die Haushaltungsfenerungen und zwar drei bis 
iermal so viel — wenn die Schätzungen, welche man in Stutt— 
jzart und Hannover angestellt hat, richtig sind. Diese Verhältnisse 
ind aber keineswegs abgeschlossene; denn die Förderung und da— 
nit auch der Verbrauch an Steinkohlen haben sich in den letzten 
) Man kann auch einen Versuch machen, die Gußeisensäulen mit 
Lehmzöpfen, Rohrstück, oder mit Thonröhren einzuhüllen, der Zwischen— 
raum wäre mit Asche auszufüllen.,
	        

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