Full text: Deutsches Baugewerks-Blatt : Wochenschr. für d. Interessen d. prakt. Baugewerks (Jg. 45, Bd. 4, 1885)

X 
Die Sandstein⸗Verblendung des Königl. Schauspielhauses in Berlin. 
310 
Die Sandstein Verblendung des Königl. 
Schauspielhauses in Berlin.“ 
(Hierzu 2 Fig.) 
Schinkel's, dem Königl. Schauspielhause hierselbst, ist es beschieden 
gewesen, auch nach dieser Seite hin bahnbrechend zu wirken! 
Die freie Lage desselben in frequeutester Stadtgegend und 
anf einem der architektonisch schönsten Plätze der Welt sieß freilich 
die ganze Misere des Putzbaus in besonders das Schicklichteis— 
gefühl verletzender Weise erscheinen, und vermuthlich sind es in 
erster Linie diese mehr praktischen Rücksichten, aus dem ewigen 
Repariren und Restauriren endlich herauszukommen, welche den 
Entschluß, eine vollige Sandstein-Verkleidung herzustellen, haben 
reifen lassen. 
Es trifft sich indeß besonders glücklich, daß allen denjenigen 
gegenüber, welche ganz ausschließlich und mit gewisser Ostentation 
den lediglich praktischen Standpunkt vertreten, hier zugleich die 
isthetische Seite des natürlichen Steins zu einer Wirkung gelangt, 
vie sie durchschlagender, überwältigender gar nicht gedacht werden 
ann. Wer sich noch des Zustandes errinnert, in welchem das 
Haus vor der Verblendung war, und vergleicht damit den gegen— 
värtigen, der muß gestehen, daß es ist, als sei erst jetzt das in 
der edlen Architektur schlummernde Leben völlig erwacht und zum 
Durchbruch gekommen. Man hat hier wieder einmal ein haänd— 
zreifliches Beispiel dafür, daß äuch der genialste küustlerische Ge— 
danke, wenn er der rechten Materie entbehren muß, nicht mit 
einer ganzen innerlichen Kraft in die Erscheinung treten kann, 
während umgekehrt auch das beste Material erst dann zu seiner 
vollen Geltung kommt, wenn es durchdrungen und durchleuchtel 
sst von jenem geistigen Etwas, welches das Werk erst zum Kunst 
werk stempelt 
— Und ein Kunstwerk allerersten Ranges ist und bleibt das 
Schinkel'sche Schauspielhaus in seiner äußeren Gestaltung, wenn 
auch sein Inneres, sein Grundriß, theils in Folge beschräukter 
und, kurzsichtiger Einflüsse auf den Monarchen, theils in Folge des 
rastlos hineilenden Stromes der Zeit mit all' seinen Anforderungen 
des seither entwickelten modernen Bühnenwesens vielfach zu wün— 
—V — 
nungen, welche den Meister auf Schritt und Tritt in seinem 
Schaffen hemmten, so wird man begreifen, daß all' die Klagen 
über Unzuträglichkeiten in der Benutzung für Zuschauer sowohl, 
wie für Bühnen-Angehörige nicht ihm' zur Last HZu legen sind. 
Soollte sich übrigens für all' dergleichen Uebelstände, sowohl 
hinsichtlich mangelhafter Ventilation im Zuschauerraum und Bühne, 
wie auch in Betreff der nur au einer Seite neben der Bühné 
angeordneten Ankleideräume für die Schauspieler nicht Abhülfe 
schaffen lassen? Daß sich hinsichtlich des ersten Punktes auch in 
alten Häusern ganz Anerkennenswerthes schaffen läßt, das beweist 
das Königl. Hoftheater in Wiesbaden, und auch die Beschaffung 
von Ankleideräumen auf der Foyer-Seite der Bühne scheint nicht 
unmöglich. Es bedarf dazu nur einer durchgreifenden Kraft, welche 
den nöthigen weiten Blick und das richtige Verständniß für das 
Gesammt-Bedürfniß der Gegenwart auch nach dieser Richtung hin 
jat, und — der Gewährung von Geldmitteln von Seiten des 
Staates für ein Institut, das zu seinen vornehmsten Bildungs 
tätten zählt und für welches vor der Volksvertretung mit Nach— 
druck einzutreten jedem preußischen Finanzminister zu aanz beson— 
derer Ehre gereichen würde. 
Gerade jetzt, wo die Fagçadenverblendung beendet ist, sollte 
man frisch an's Werk gehen und nicht eher ruhen und rasten, bis 
auch die erwähnten Uebelstände beseitigt sind. Würde man doch 
mit einer solchen Anpassung des Inneren an das Bedürfniß der 
Begenwart sich nicht nur den Dank Aller erwerben, welche das 
Schauspielhaus betreten, sondern man würde zugleich in echter, 
wirklicher Pietät den Manen Schinkel's ein Opfer bringen, das 
in Wahrheit des großen Mannes würdig ist. 
Das bei der Verblendung angewandte Verfahren, so einfach 
es auch scheinen mag, hat doch einiges von dem bekannten Ei des 
Kolumbus an sich. Jetzt, wo der erste Versuch und zwar mit 
—D0— 
nur andere Königliche und Staatsbauten in derselben Weise mit 
der Korrektur ihrer Façaden nachfolgen werden, sondern daß auch 
ältere Berliner Privatbäuten, in Sonderheit die Palais der fremd— 
ländischen Gesandtschaften und der inländischen Aristokratie, dahin 
streben werden, ein Exterieur zu erwerben, welchem der Zahn der 
Zeit nichts anderes anhaben kann, als daß er allmälig jenen „edlen 
Rost der Jahrhunderte“ erzeugt, welcher den Beschauer mit dem 
gleichen Gefühl der Ehrfurcht erfüllt, wie der weiße Scheitel eines 
rüstigen Greises. 
Es war natürlich geboten, von vornherein mit der größten 
Vorsicht zu Werke zu gehen, und es ist deshalb bereits im No— 
»ember 1878 an einer, allen Witterungseinflüssen ausgesetzten 
Stelle eine Art von Probe-Verblendung von etwa 8 m Länge 
und 2,50 m Höhe ausgeführt worden. Jedenfalls sind dabei ab— 
sichtlich Platten von äußerst geringer Dicke zur Verwendung ge— 
Wenn man unter den Hauptstädten Europa's Vergleiche an— 
tellt hinsichtlich ihrer architektonischen Gesammt-Physiohnomie, so 
wird man zu dem Resultat gelangen, daß Berlin in Bezug auf 
die Frage nach dem verwendeten Material allen ührigen nach— 
steht, wenigstens was seine älteren Baulichkeiten betrifft. 
Es hat das wesentlich seinen Grund in der geographischen 
Lage der jungen Kaiserstadt, welche — inmitten des „heil. römi— 
schen Reichs Sandstrenbüchse“ — bis zur Entwickeluug des heu— 
igen Verkehrswesens die Verwendung des natürlichen, gewachsenen 
Steines fast unmöglich, oder doch wenigstens so kostspielig machte, 
daß selbst der Staat für seine Monumentalbauten darauf ver— 
zichten mußte, ein Bauwerk lediglich in Werkstein zu errichten. 
Man begnügte sich damit, alle feineren oder freistehenden Archi— 
sektur-Glieder, wie etwa Gesimse oder Säulen, weniger aus ästhe— 
ischen Gründen eines gefälligen Aussehens, als aus den praktischen 
rhöhter Wetterbeständigkeit in Sandstein herzustellen und aͤlle 
Wandflächen in Ziegelsteinen aufzuführen und einfach zu putzen, 
vobei man dann noch den Fehler beging, diese Putz Flächen, deren 
Tönung man ja? doch völlig in der Hand hatte, nicht etwa dem 
Aussehen des natürlichen Steins anzupassen, sondern den Sand— 
stein mit dem gleichen monotonen Farben-Ueberzug zu bedecken, 
den man für die Putzflächen beliebte. 
Beispiele für diese Behandlungsweise, welche mindestens auf 
einen wenig entwickelten Sinn für Farbe, für Recht und 
Pflicht ihres Wechsels schließen läßt, findet man eigentlich an 
‚edem Bauwerk, bei welchem überhaupt Sandstein zur Verwendung 
gelangt ist, mag man nun bis in die Zeit des ersten Königs zu— 
rückgehen, unter welchem das Genie Andreas Schlüter's schaffend 
chätig war, oder die Werke Schinkel's und seiner Nachfolger be— 
trachten. Die Kolonnaden-Bauten, das Zeughaus und das König— 
liche Schloß, die Thurmbauten auf dem Gensdarmenmarkt, die 
Bibliothekr, das Schauspiel- und das Opernhaus, die Universität, 
»as Kaiserliche und das Kronprinzliche Palais — sie alle sind 
Zeugen einer falsch angebrachten Genügsamkeit der betreffenden 
Architekten, welche schuld daran ist, daß unser heutiges Maler— 
Hewerbe speziell nach der Seite der Sandstein-Imitation hin so 
rußerordentlich unbeholfen ist. Wo einmal der Versuch gemacht 
vird, die lederne Monotonie des Oelfarbenanstrichs zu verlassen, 
verfällt man regelmäßig in den entgegengesetzten Fehler, ein Zu— 
viel von Einzelfarben zu geben, und versteht namentlich nicht, die 
Aebergangstöne aus einer Farbe in die andere zu treffen. Daß 
das nicht gerade leicht ist, soll gern zugegeben werden, aber es ist 
zuch sicherlich nicht unerreichhar. Ein gründliches „Studium der 
Natur“ — in diesem Falle also des gewachsenen Steins — und 
die erforderliche Uebung können und werden da allein helfen. 
Leiden nun einerseits auf diese Weise die älteren Berliner 
Monumentalbauten sämmtlich an öder Langweiligkeit in der 
Farben-Bewegung, so macht sich andererseits die Unzulänglichkeit 
hrer Ausführung in ungleichwerthigem Material auch noch in 
inderer Weise empfindlich geltend. 
Auch der beste Putz ist nicht im Stande, den Witterungs— 
Einflüssen einen annähernd gleichen Widerstand entgegenzusetzen, 
vie ein guter Sandstein, und daher kommt es denn, daß die 
Reparaturen an solchen Gebäuden eigentlich nie aufhören. 
Abgebröckelte Partien müssen natürlich ergänzt, irgend be— 
nerkbare Risse im noch haftenden Putz sorgfältig verstrichen 
verden, und damit dann so einverschmiertes Haus nicht dauernd 
aussieht, wie ein von der Mensur kommender Student, muß der 
Maler auch noch kommen und dem Ganzen, wie man irrthümlich 
'agt, einen neuen Rock geben. Denn in Wahrheit behält ja das 
Bauwerk sein altes, fadenscheiniges Gewand, und die Thätigkeit 
des Malers ist nicht sowohl der des Schneiders, als vielmehr des 
Färbers zu vergleichen, der auch mit aller Intensivität der Farbe 
voch die Fadenscheinigkeit und die leichte Zerreißbarkeit des Stoffes 
anicht aus der Welt schaffen kann. 
Unter solchen Umständen ist es eigentlich zu verwundern, 
daß man nicht längst auf das in diesem Falle einzige Radikal— 
mittel verfallen ist: den Putz völlig zu entfernen und durch 
Sandstein zu ersetzen — vorausgesetzt, daß das betreffende 
daus in seiner praklischen Benutzbarkeit und in seiner architek— 
donischen Erscheinung werth ist, Mühe und Kosten in solchem 
Maße darauf zu verwenden. 
Dem künstlerisch bedeutendsten und zugleich populärsten Bau 
) Wir empfehlen diesen überaus sachgemäß und gleichzeitig sehr inter⸗ 
essant geschriebenen Beitrag aus der Feder eines Fachmanns in herpor— 
ragender Stellung der besonderen Aufmerksamkeit unserer Leser. Die Red.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.