Full text: Deutsches Baugewerks-Blatt : Wochenschr. für d. Interessen d. prakt. Baugewerks (Jg. 45, Bd. 4, 1885)

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Mittheilungen über Schulen. — Mittheilungen aus der Praxis. 
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über die Lehrlingsschulen in New-Nork, deren Gründung „ich in 
Folge des Verlangens der „Trades-Unions“, in keiner „Union“— 
Werkstatt mehr als zwei Lehrlinge anzustellen und in das Hand— 
werk einzuweihen, gleichgültig, ob in einer solchen Werkstatt zwei 
oder zweihundert Gehülfen arbeiten, als eine Nothwendigkeit 
herausgestellt hatte. Es war für einen Familienvater kanm mehr 
möglich, seinen Sohn irgend ein Handwerk, besonders aber eins 
der Baugewerbe, lernen zu lassen, und man begegnete häufig in 
den Tagesblättern Anzeigen, worin ein Vater sich zur Zahlung 
einer nicht unbedeutenden Summe anheischig machte, um seinen 
Sohn in einer respektablen Werkstatt unterzubringen. 
Aber auch für Lehrlinge, schreibt man jetzt demselben Blatte, 
welche bereits in einer Werkstatt Beschäftigung gefunden, erwies sich 
diese Schule als ein großer Segen. Jeder, welcher das Treiben in 
einer Werkstatt kennt, weiß, daß die Lehrlinge einen großen Theil der 
Zeit — manchmal wohl die meiste — mit Arbeiten seitens des Prin— 
zipals oder seitens der Angestellten und Gehülfen beschäftigt werden, 
welche mit der Erlernung des Handwerks so gut wie nichts zu thun 
haben, oder jahraus, jahrein dieselbe spezielle Arbeitsleistung zu ver— 
richten haben und so nach vierjähriger Lehrzeit kaum mehr von ihrem 
Gewerbe in seinem ganzen Umfange wissen, als bald nach ihrem Ein— 
sritt in das Lehrlingsverhältniß. Ein anstelliger Junge wird zwar 
das Meiste den arbeitenden Gehülfen „absehen“, aber schon manchem 
weniger begabten jungen Menschen ist seine ganze Lebenskarriere 
durch eine unglücklich verlaufene Lehrzeit vernichtet worden. 
Solchen Lehrlingen, sowie allen denen, welche in einer 
Werkstatt keine Aufnahme finden können (aus den oben erwähnten 
Gründen), endlich allen denen, welche mit ihrem vielleicht nur 
oberflächlich gelernten Handwerk unzufrieden sind und ein anderes 
erlernen wollen, ist durch den Besuch eines fünfmonatlichen Kursus 
in den Abendklassen der Schule eine brillante Gelegenheit geboten, 
sich in den dort gelehrten Gewerben theoretisch und vraktisch aus— 
zubilden. 
Die an der 72. Straße gelegene Schule wurde im No— 
»ember 1881 mit 33 Zöglingen eröffnet; schon im folgenden 
Jahre verdoppelte sich deren Zahl. Während des ersten Jahres 
unterrichtee man nur in „Plumbing“ (Haus-Drainage) und 
Fresko-Malerei, fügte aber im zweiten Schuljahr Mauern und 
Modelliren bei. Ju der Saison 1883284 kamen Holzschuitzerei, 
Stukkatur- und Steinhauerarbeiten hinzu und die Zahl der Schüler 
stieg bis auf 200. Im vergangenen Herbst erreichte die Zahl der 
Zöglinge mit Einführung der Klassen jür Zimmerleute 300. Na— 
türlich mußten in Folge dieses Andrangs die Unterrichts-Lokalitäten 
bedeutend vergrößert werden. Alle Werkstätten zusammengenommen 
würden ein Stück Land, 200 bei 114 Fnuß groß, bedecken. Drei 
dieser Werkstätten sind 30 bei 72 Fuß groß; in zwei derselben 
werden die Plumber, Stukkateure und in der dritten die Fresko— 
maler, Modelleure und Holzschnitzer beschäftigt. Ein 40 be— 
120 Fuß messendes Gebäude ist fuͤr die Manrer und Steinhauer 
reservirt; die Zimmermannswerkstätte mißt 30 bei 50 Fuß. In 
der Woche wird an drei Abenden unterrichtet; das Schulgeld für 
den fünfmonatlichen Kursus schwankt zwischen Dollar 7 u. Dollar 10; 
die Maurer haben erstere Summe zu zahlen, und so geht es hinab 
bis zu den Doll. 10 der Holzschnitzer. Viele der Zöglinge kommen 
weither aus den Nachbarstädten Long-Island's und New-Jersey's 
Eine Maßregel hat sich infolge der Vorstellungen der Trades 
Unions, welche sonst ihren Widerstand gegen die Schule so voll— 
ständig aufgegeben haben, daß mehrere der Lehrer ihren Reihen 
eutnommen sind, als nothwendig herausgestellt: die Festsetzung 
einer Altersgrenze bei der Aufnahme. Demnach werden Appli-— 
kanten, über 25 Jahre alt, nicht aufgenommen. Man hatte nämlich 
herausgefunden, daß eine Menge erwachsener Personen, besonder⸗ 
Janitors (Hausmeister), sich an den Klassen für kurze Zeit be— 
theiligten, um sich die nothwendigsten Kenntnisse anzueignen und 
diese dann bei Reparaturen in den ihrer Obhut unterstellten Haäu⸗ 
sern zu verwerthen. Durch solche Pfuscherarbeit wird eiuͤmal 
regulären Handwerkern ihr Brod entzogen und außerdem gar 
nanche gute Hauseinrichtung, welche nur einer geringen Reparaum 
bedirfte, von Grund aus verdorben. Ferner aber glaubt man, 
daß Leute, die das 25. Lebensjahr überschritten haben, nicht mehr 
zur tüchtigen Erlernung eines Handwerks sich eignen. 
Reben, dem praktischen Unterrichte, wie derselbe in dem frü— 
heren Artikel des „Techniker“ beschrieben wurde, wird aber auch 
der theoretische nicht versäumt und die Schüler müssen sich durch 
Beantwortung eiuschlägiger Fragen oöfters darüber ausweisen, daf 
sie die ihnen gestellten Aufgaben auch ihrem inneren Wesen nach 
begriffen und nicht blos mechanisch gelöst haben. Als ein Beispiel 
jühren wir hier einige Fragen an, welche letzthin nach dem ersten 
Bortrage im Plumber Kursus (Thema!?,Abzugsröhren“) an die 
HZögliuge gerichtet wurden: 
.Woraus werden die verschiedenen Arten von Abzugsröhren 
jergestellt? Warum zieht man in New-Hork gußeißerne Röhren 
or? Was für Material gebraucht man in England für die Ab— 
ugsröhren? Warum gebraucht man hier keine Bleiröhren? Wie 
»ick soll eine zwei- resp. drei- und vierzöllige gußeiserne Röhre 
ein? Wie schwer ist eine fünf Fuß lange Sektion einer zwei— 
resp. drei-, vier-⸗, fünf- und sechszölligen gußeisernen Röhre? Wie 
ieht man, daß eine Röhre gleichmäßig dick ist? Was versteht man 
inter „Sandlöchern“ und „Sprüngen“? Wie werden die Röhren 
usammengesetzt? Wie dick muß der Bleiring an den Knieen sein? 
Warum sind Kitt-, Mörtel- und Cementknie verwerflich? Wie groß 
ind gewöhnlich die Abzugsröhren in New-Hork? Ist es gebräuch— 
ich, die horizontale Abzugsröhre im Keller größer zu machen, als 
die vertikalen Abzugsröhren? Soll man bei der Anlage von 
Köhrenleitungen auf die Ausdehnung und Zusammenziehung der 
Röhren infolge der Temperatur Rücksicht nehmen? Wie lauten die 
Vorschriften des Gesundheitsraths hinsichtlich der Abzugsröhren in 
»en Kellern? Wie viel soll das Gefälle einer Abzugsröhre per 
Fuß betragen? Wie kann eine schon eingesetzte Röhrenleitung durch— 
chnitten und eine neue Sektion eingefügt werden? Was versteht 
nan unter Pfeffermünzprobe und wie führt man eine solche aus? 
Wie kann man den Wasserdruck in einem über siebzig Fuß hohen 
Bebäude prüfen?“ 
Daß aber neben dem theoretischen Unterricht der praktische 
eineswegs versäumt wird, kann man schon daraus ersehen, daß 
der Gründer der Anstalt einer Anzahl von Zöglingen bei der 
Errichtung mehrerer großer Häuser Beschäftigung geben will.— 
Mittheilungen aus der Praris. 
Ueber Kunstmarmor wird dem „Bauunternehmer“ 
geschrieben: 
Der Kunstmarmor besteht der Hauptsache nach aus Portland 
Tement und cementächten Farben, ist daher vollständig wetter— 
deständig und nicht zu verwechseln mit dem Gyps- oder Stucc. 
Marmor, welcher diese Eigenschaften nicht besitzt. 
Aus diesem Meaterial wird der künstliche Marmor, Granit, 
Syenit ꝛc. ganz in denselben Farben und Nuancen in täuschender 
Aehnlichkeit hergestellt. 
Das Poliren dieses Kunststeines geschieht wie beim wirk— 
lichen Marmor. Die Härte dieses Fabrikates übertrifft die des 
iatürlichen Marmors und ist dieser Kunststein stets frei von Haar— 
rissen und Sprüngen. 
Der Preis stellt sich ganz erheblich billiger, da das Material 
hilliger und die theuren Hauerlöhne ꝛc. wegfallen. 
Der Patent-Inhaber Herr Jonath schreibt uns darüber 
Folgendes: 
Die große Kostspieligkeit polirter Arbeiten aus natürlichem 
Marmor und anderen edleren Steinarten gestattet den Herren 
Baumeistern und Architekten nur selten die Auwendung derselben, 
namentlich können die schwer zu verarbeitenden theueren Sorten 
'ast nur au Prachtbauten Verwendnng finden. 
Es siud deshalb vielfache Versuche gemacht worden, polirte 
Marmor-, Granit- ꝛc. Arbeiten auf künstlichem Wege zu erzeugen: 
indeß wirklich gute, witterungsbeständige und dabei billige Fabrikate 
jerzustellen, wollte nicht gelingen. 
Das große Vertrauen, welches der stetig verbesserte Portland— 
Tement sich im Bauwesen verschafft, die bedeutenden Erfolge, 
velche die Cemenistein-Industrie in den letzten 10 Jahren bei der 
Fabrikation von Cementsandstein-Arbeiten zur Ansstattung von 
Façaden, sowie in der Fabrikation von Cement-Mosaik-Fluren, 
Terrazzo-Fluren ꝛc. aufzuweisen hat, geben dem Fachmann die 
Bewißheit, daß der Portland-Cement wohl das geeignetste Material 
uur Imitation der edleren Steinarten, wie Marmor, Granit, 
Syenit ꝛc. sei und wurden deshalb in den letzten Jahren von 
dielen Seiten mit diesem Material Versuche gemacht. Die Schwie— 
rigkeiten, welche sich entgegenstellten, bestanden: 
1. In der Herstellung durchaus haarissefreier eleganter und 
naturgetreu geaderter Arbeiten in lebhaften Farben auf einfache, 
billige Art und Weise. 
2. In der Beseitigung der kleinen Poren des Kunststeins. 
3. In der Erzengung einer schönen Hochpolittr. 
Diese drei Hauptschwierigkeiten zu beseitigen, ist mir nach 
vielen vergeblichen Verfuchen nunmehr vollständig gelungen. Auf 
höchst einfache Art und Weise lassen sich aus Portland-Cement 
vrachtvoll marmorirte und garanitartige Gegenstände formen und 
elegant poliren. 
Mein Verfahren sowohl zur Herstellung der Marmorirung, 
ails zur Erzeugung einer schönen Politur ist durchaus neu und 
wurden mir deshalb vom Deutschen Reichspatentamte die beiden 
Reichspatente Nr. 27579 und 28338 vperliehen.
	        

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