Full text: Deutsches Baugewerks-Blatt : Wochenschr. für d. Interessen d. prakt. Baugewerks (Jg. 45, Bd. 4, 1885)

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Berichte aus verschiedenen Städten. — Konkurrenzwesen. — Rezeptenkasten. 
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welche man bis jetzt kennt. Das stärkste dieser Präparate ist unter 
dem Namen Spreng-Gelatin bekannt und besteht aus Nitrogtycerin 
ind Schießbaumwolle. Es läßt sich jedoch viel schwieriger her— 
stellen als Dynamit oder Nitroglycerin und kann, von unerfahrenen 
Personen überhaupt nicht hergestellt werden. Bezeichnet man die 
Kraft des Dynamits mit 1000, so ist die des Nitroalnycerins 1411 
und die des Spreng-Gelatins 1555. 
Vnd Centner RNitroglycerin entwickeln, wenn sie explodiren, 
eine Kraft von 4833 Fuß Tonnen und, weun sie in Dynamit ver— 
wandelt werden, nur eine solche von 45667 Fuß-Tonnen. Die Ver— 
wandlung des ersteren in letzteres verringert zwar die Kraft, macht 
das Produkt aber leichter uͤnd sicherer zu handhaben. Die oben 
angegebene Kraft ist das Maximum der Wirkung, welche nur unter 
den aͤllergünstigsten Verhältnissen an dem Orte der Explosion selbst 
erreicht werden kann: sie wird in der Praxis jedoch niemals 
extangt. 
Explodirt man ein Pfund Dynamit an dem Ende einer 
Angelruthe mit einer Schnur von etwa 2,0 m Länge, und behält 
die Angel dabei in der Hand, so wird man, wenn sich kein festes 
Peaterial dazwischen befindet, nicht im geriugsten beschädigt werden, 
sind nicht einmal' am Ende der Angelruthe wird man ein Merk— 
mal der Explosion finden 
da ein hervorstehender Arm oder die Theile eines zermaluiten Fußes, 
einzelne schrecklich verstümmelte Menschenleiber, halb mit Steinblöcken 
»der Geröll zugedeckt. Ein panischer Schrecken bemächtigte sich der 
Irsann und die Menge blieb wie versteinert lautlos stehen. 
Has sentsetzliche Wehgeschrei, welches dumpf aus dem Steinhaufen 
hervorklang, brachte die Zuschauer bald zum Bewußtsein. Man 
Fegann sofort die umfassendsten Rettungsmaßregeln zu ergreifen. 
Die Treppe hatte eine Höhe von ungefähr N, Metern; zwei 
Drittel derselben sind eingestürzt. Aus dem dampfenden, Haufen 
vurden nach stundenlanger, angestrengter Rettungsarbeit über, 150, 
größtentheils schwer verwundete Personen hervorgezogen, die sofort 
in das Spital oder in verschiedene öffentliche und Privataebäude 
transvortirt wurden. 
Konkurrenzwesen. 
Behufs Erlaugung von Planskizzen zu einem Neubau, in 
velchem die Königliche Kunstgewerbeschule und die Ban— 
gewerkenschule, sowie vorüberßehend die Amtshauptmanuschast 
In Leipzig gemeinschaftlich unterzubringen sind, wird von dem 
Königl. Sächsischen Ministerinm des Junern eine öffentliche Kon— 
furrenz ausgeschtieben. Die Pläne sind, im Maßstabe von 1/200 
der w' Größe zu fertigen und mit Motto versehen unter Bei⸗ 
fügung eines dasselbe Motto tragenden versiegelten Briefumschlages, 
vpelcher Namen 'und Adresse des Verfassers enthält, bis zum 
30. September dieses Jahres, Mittags 12 Uhr an das Königl. 
Saͤchs. Ministerium des Innern zu Dresden gegen Empfangs- 
bescheinigung einzureichen. Für diejenigen drei Entwürfe, welche 
hom Preisgericht als den Bedingungrn, des Programmes am 
Meisten entsprechend bezeichnet werden, sind Preise in Höhe von 
3000 bezw. 2000 und 1000 M. ausgesetzt. Das Preisgericht be— 
steht aus den Herren Baurath Professor Heyn, Baurath Professor 
Lipsius und Baäurath Wankel, allerseits in Dresden. Nach Ent— 
scheidung des Preisgerichts werden sämmtliche eingegangene Ent— 
würfe in Leipzig öffentlich ausgestellt. Bauprogramme, und Kon⸗— 
furrenzbedingungen sind unentgeltlich durch, das Königl. Sächs. 
Ministerium des Innern zu Dresden zu beziehen. 
Die Vollendung des Münsters zu Bern, bekannt⸗ 
ich eines der schönsten gothischen Bauwerke, dem aber die Spitze 
ehlte, hat soeben einen bedeutenden Schritt vorwärts gethan. Im 
Regensatz zu anderen, schweizerischen und deutschen, Fachmännern 
rklärt nämlich Herr Professor Bayer, der namentlich am Ulmer 
Münster Erfahrungen gesammelt hat, nach gründlicher Unter— 
uchung die Fundamente für vollständig sicher. Dieses Gutachten 
vird nun ohne Zweifel auf die Beschaffung der nöthigen Mittel 
um Ausbau, welche auf beiläufig 400 000 Mark veranschlagt 
verden, einen belebenden Einfluß ausüben, so daß der so lange 
»ergebens gewünschte Ausbau des herrlichen Domes nun endlich 
einer Verwirklichung entgegen sieht. 
— 2— 
Wie die Regierung über den Innungszwang denkt, illustrirt 
nachstehende Rotiz recht drastisch: Im „Reichs-Anzeiger“ wird ein Ar— 
tikel der „Schles. Ztig.“ abgedruckt und damit indirekt gebilligt, welcher 
sich energisch und treffend gegen den Innungszwang ausspricht. 
Am Schlusse der von dem offiziellen Publikations-Organe der Re— 
zierung wiedergegebenen Ausführung heißt es: „Mit dem Worte 
FJobligatorische Jünnugen“ wird überhaupt, besonders dem minder 
dinsichtigen Theile des Handwerkerstandes gegenüber, großer Miß— 
brauch getrieben. Man'erweckt — nicht selten zu Wahlzwecken — 
mittelst desselben Illusionen, die nur das trostlose Ergebniß haben, 
daß die mit ihrer Lage unzufriedenen Handwerker alles von der 
Zukunft erhoffen und die Hand nicht rühren, um dasjenige ener— 
gisch auszunutzen, was ihnen die Gesetzgebung heute schon bietet.“ 
Fs freut uns, damit unseren Standpunkt in obiger Frage von 
wichtigster Stelle anerkannt zu sehen. 
aus verschiedenen Städten. 
Thiers. Katastrophe durch Treppeneinsturz.) Ueber 
einen entsetzlichen Treppeneinsturz im Justizhalaste der Stadt Thiers 
theilt ein Augenzeuge folgende Einzelheiten mit; Mittwoch, den 
10. Juni, hatten sich die Eheleute Mercier vor dem Zuchtpolizei— 
gerichtshofe gegen die Anklage, ihren Sohn durch Mißhandlungen 
im's Leben gebracht zu haben, zu vertheidigen. Dieser Prozeß war 
für das Städtchen ein wahres Ereigniß. Die ganze Bevölkerung 
interessirte sich für diesen Prozeß; jedermann wollte der Verhandlung 
beiwohnen, und schon lange vor Eröffnung der Sitzung waren der 
Gerichtssaal und die zu demselben führenden Gänge von einer kom— 
pakten, Menschenmasse besetzt. Zu dem im zweiten Stockwerke be— 
findlichen Verhandlungssaal führt direkt von der Straße eine breite, 
aus Sandstein verfertigte Treppe, welche mit einer mäßig starken 
eisernen Balustrade versehen war. Die Ausläufer der sehr breiten 
Treppe lehnen sich an die massiven Mauern des Gebäudes; die 
Treppe selbst aber ist durch keinerlei Strebepfeiler gestützt. In den 
Mittagsstunden strömten abermals sehr zahlreiche Zuzügler dem 
Justizpalaste zu, die in die vollgepropften Gänge des Gebändes 
nicht mehr eindringen konnten. Sie faßten nunmehr auf der Treppe 
Posto oder drängten sich in der Straße. Auf der Treppe selber 
herrschte kurz vor deren Einsturz ein derartiges Gedränge, die Leute 
standen Kopf an Kopf so dicht gedrängt neben einander, daß kaum 
eine Stecknadel hätte zur Erde fallen können. Einer der zahlreich 
anwesenden Gassenbuben stimmte ein bekanntes Spottlied an, und 
die aus 700 bis 800 Köpfen bestehende Menge, welche auf der 
Treppe sich drängte, begann das Lied mitzusingen und den 
Tackt durch Stampfen mit den Füßen zu markiren. Die Treppe, 
welche ohnehin unter der Last der großen Menschenmenge zu 
schwanken begann, konnte den vermehrten Druck, welchen das 
Stampfen der ganzen Meenge erzeugte, nicht aushalten. Plötz— 
lich hörte man ein donnerähnliches Gekrache, welchem ein herz— 
zerreißender, gellender Aufschrei folgte. Eine mächtige Staubwolke 
stieg auf, die jür mehrere Augenblicke die ganze Schreckensscene ver— 
hüllte. Als der Staub sich gelegt hatte, bot sich den Augen der 
in der Straße stehenden Menge ein geradezu entsetzliches Schau— 
spiel dar. Die Treppe war verschwunden. Einzelne Ueberreste 
derselben waren noch hier und da sichtbar, die sich nach und nach 
von der zur Stütze dienenden Mauer loslösten. An diesen Bruch— 
stücken sowie an der eisernen Balustrade hingen zappelnde und 
schreiende Menschen, von denen viele aus tiefen Wunden bluteten. 
Am Erdboden ein dampfender ungeheurer Steinhaufen, hier und 
Rezeptkasten. 
Um Cement-Decken und Wände zur Aufnahme 
von Malereien geeignet zu machen und zu glätten, 
ind von Herrn Chemiker Ir. Meyer hier eingehende Untersuchungen 
uind Proben gemacht, welche vortreffliche Resultate ergeben und 
zugleich hinsichtlich der Einfachheit bequeme Anwendung finden 
önnen. Die betreffenden Flächen sind nämlich mit verdünnter 
Schwefelsäure zu bestreichen, wodurch sich in der Verbindung 
mit dem Kalk des Cements eine dünne Gypsschicht auf der Fläche 
von selbst bildet, welche sogleich glatt ist; die Fläche kann sodann 
noch mit dünnem Gyps überstrichen werden, und haften und decken 
hdie aufzubringenden Farben der Malerei vorzüglich darauf. Das 
Verfahren ist hiermit, da ein Patent durch den Erfinder nicht 
nachgesucht wird, der allgemeinen Anwendung empfohlen. 
Konservirung von Holz. Als ein gutes Mittel zur 
Konservirung von Holzwerk aller Art, wie Kellergebälk in 
Brauereien u. s. w, Hopfenstangen, Baumpfähle u. dergl., hat sich 
iach der „Sächs. Landw. Ztg.“ Phenolzinklösung bewährt. Die 
Lösung wird mit dem Pinsel aufgestrichen, am besten mit etwas 
Zinkoryd vermischt. Es bildet sich in den Poren des Holzes eine 
hemische Verbindung, welche allmaählich erhärtet und, dem Holze 
ne große Widerstandsfähigkeit verleiht. Der Anstrich wird am 
Vortheilhaftesten fo oft wiederholt, als das Holz noch von der 
Lösung aufsaugt. Je trockener das Holz ist, desto mehr nimmt es 
»on der Lösuug auf; am besten wird die Imprägnirung an 
wvarmen, sonnigen Tagen im Freien vorgenommen. Eine derartige 
Präparation schützt den gemachten Erfahrungen nach die Hölzer 
or Schwamm, Faͤulniß und Wurmfraß und erhöht ihre Haltbarkeit 
nuf das Dreifache. So konservirte Pfühle, die sonst alle 4 -5 
Jahre erneuert werden mußten, halten sich 10 412 Jahre lang, 
weit besser als bei der Verwendung von Theer. 
Redaktion: R 
— 
vein Berlin. — Verlag von Julius Engelmann in Bersin. — Druck von H. E. Hermann in Berlin. 
Unter Verantwortlichkeit des Verlegers)
	        

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