Full text: Deutsches Baugewerks-Blatt : Wochenschr. für d. Interessen d. prakt. Baugewerks (Jg. 45, Bd. 4, 1885)

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Ueber die Anlage und den Bau der Treppen. 
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über die Mauerlatte hinaus gehen, absieht, nach nebenstehender 
Figur wie folgt: 
500. 0.9. 6,00. 600 
W 8.70 3 
exrgiebt unter Annahme von 18 cm Breite für die Balken nach der 
Formel 
Ueber die Anlage und den Bau der Treppen. 
Eine Besichtigung der Treppenanlagen älterer Häuser zeigt 
uns, daß vor noch nicht zu langer Zeit auf die Anlage und den 
Bau der Treppen im Allgemeinen sehr wenig Gewicht gelegt wurde. 
Wurde doch bis vor kurzem noch die Anfertigung einer Treppe 
als ein Geheimniß weniger bevorzugter Personen betrachtet, 
velchen obenein ihr unglückseliges Machwerk noch mit schwerem 
Belde aufgewogen werden mußte. 
In heutiger Zeit, in welcher die Technik nach jeder Richtung 
sjin immer mehr Fortschritte gemacht hat und noch unausgesetzt 
nacht, ist jeder Treppenbaner im Stande, die Konstruktion einer 
Treppe in allen ihren Theilen anf's Genaueste zu berechnen und 
»emgemäß anfertigen zu können, sodaß man mit Fug und Recht 
agen kann, an die Stelle der Finsterniß, d. h. des blinden Umher— 
appens, ist auch hier das Licht der Wissenschaft getreten. 
Wir beabsichtigen nun im Folgenden nicht, eine genaue 
Abhandlung über den Bau und die Koͤnstruktion der Treppen zu 
geben, sondern es sollen hier nur die allgemein gültigen Regeln 
und Grundsätze bei der Anlage und dem Bau der Treppen naͤher 
»esprochen werden. 
Das erste Erforderniß für jede gute Treppe ist, daß dieselbe 
ausreichend beleuchtet ist, da es nichts unglücklicheres geben kann, 
ils eine ungenügend beleuchtete Treppe. Die Beleuchtung kann 
rreicht werden durch Seitenlicht, welches in jedem Geschoß anzu— 
idnen ist, oder durch Oberlicht, welches in der Dachfläche ange— 
yracht wird und der Treppe das Licht in senkrechter Richtung zuführt. 
Wenn es ohne große Schwierigkeiten erreicht werden kann, 
st die Beleuchtung durch Seitenlicht derjenigen durch Oberlicht 
tets vorzuziehen, weil die letztere, besonders bei Gebäuden, welche 
nehr als zwei Geschosse hoch sind, niemals eine so auskömmliche 
ein wird. Eine Ausnahme hiervon machen Gebäude, welche sehr 
jusgedehnte Treppenhäuser besitzen; bei diesen kann auch durch 
Oberlicht eine sehr gute Beleuchtung erzielt werden. 
Bei Neubauten muß man der Anlage des Treppenhauses 
hesondere Aufmerksamkeit widmen, sodaß dasselbe also einmal eine 
zenügende Beleuchtung erhält, andererseits aber gestattet, daß die 
einzelnen Treppenläufe eine solche Konstruktion erhalten können, 
velche bequeme Verhältnisse nach jeder Richtung hin zuläßt; d. h. 
ie Treppe muß für den dieselbe Besteigenden keine Schwierig— 
eiten bieten und dem Transvport aller Möbelstücke »c. keinerlei 
hRindernisse bereiten. 
Bei der Anordnung der einzelnen Treppenläufe ist darauf 
Rücksicht zu nehmen, daß Thüren denselben nicht zu nahe kommen; 
sst dies aber nicht zu vermeiden, so müssen diese Thüren stets 
iach der der Treppe entgegengesetzten Seite aufgehen, um eine 
Kollision mit den die Treppe passirenden Personen zu vermeiden. 
Die Höhe über den Trittstufen ist derartig anzuordnen, daß selbst 
der größte Mensch mit der Kopfbedeckung nicht an die Decke stößt: 
sierbei ist besonders Augenmerk auf die Größe des Treppenloches 
zu richten. 
Die Anordnuug des Treppenhanses bei der Grundrißdispo— 
ition eines Gebäudes ist stets derartig zu treffen, daß der in das 
daus Eintretende nicht nöthig hat, erst die Treppe zu suchen, 
ondern es muß ihm der Aufgang zu derselben ohne Weiteres in's 
Auge fallen. Auch soll der Eintretende bei einer guten Treppen— 
inlage nicht nöthig haben, um die Treppe oder einen Theil 
»erselben herumgehen zu müssen, sondern er soll dieselbe in 
erselben Richtung zu besteigen beginnen, in welcher er das Haus 
»etrat. In der Regel wird man durch den Eindruck, welchen 
nan beim Betreten des Treppenhauses bekommt, auf den Gesammt— 
harakter des Hauses schließen; es empfiehlt sich daher besonders 
»ei Häusern, welche zum Verkauf gebaut werden, möglichst viel 
Werth auf die Treppenanlage zu legen, damit der Käufer schon beim 
Betreten des Hauses einen günstigen Eindruck von demselben empfängt. 
Die Treppe darf die Verbindung der einzelnen Räume eines 
Hauses resp. einer Wohnung niemals stören und sind die Treppen 
der verschiedenen Geschosse stets so anzuordnen, daß sie sämmtlich 
übereinander liegen. 
Sogenannte gewundene Stufen sind möglichst zu vermeiden 
und an Stelle derselben womöglich Eckpodeste anzuordnen; des— 
zleichen dürfen Wendeltreppen nicht als Haupttreppen Verwendung 
finden. Ueberhaupt müssen aber die Spindeln der letzteren, sowie 
die der ein Viertel oder halb gewundenen Treppen einen möglichst 
zroßen Durchmesser erhalten, damit die Stufen an der Spindelseite 
nicht zu schmal werden. 
Erhält eine Treppe mehr als höchstens 17 bis 18 Steigungen, 
o ist ein Ruheplatz, ein sogenanntes Podest, einzuschalten. Solche 
Podeste sind bei sehr hohen Treppen überhaupt mindestens nach 
eden 18 Stufen anzuordnen. 
Für Wohnhäuser sind in der Regel diejenigen Podeste die 
b. hↄ 2000 
eine Höhe für dieselben von rot. 310m. 
Es sind demnach an Holz erforderlich 10. 7,0 i18/1 - 3, 906 kbm 
nit einem Kostenaufwande von 3,906. 45 —175,77 Mek. 
Hierzu kommen für 2 Stück 9em lange Mauer— 
atten von i8/3 m Stärke 18. 18/235 - 6,81 Kbm- 36,45 Mk. 
und für 16 Stück Konsolen à 2 Mk..... — 3280 Mk. 
zusammen 214,22 MNt. 
Die Konstruktion mit vorgelegten Mauerlatten verursacht 
hiernach durchaus keine Mehrkosten, eventuell sogar eine geringe 
Ersparniß und bietet außerdem den Vorzug, die Stabilität des Ge— 
häudes dadurch wesentlich zu erhöhen, daß die Front- und Mittel⸗ 
nauern nicht durchbrochen zu werden brauchen. 
Für die Front— 
nauern ist das ins— 
esondere da von Wich— 
igkeit, wo engliegende 
Balken und schmale 
Fensterpfeiler vorhanden 
ind. Für Mittelmauern 
vird außer der Stabi— 
lität auch die Belastung 
eine günstigere, denn 
hei auflagernden und 
durchgehenden Balken 
erhält die ohnehin trotz 
zeringerer Dicke meist 
tärker als die Front— 
nauern belastete Miittel— 
vand s5/s der Deckenlast 
zu tragen, während so 
ur g darauf entfallen. 
zugleich aber gestatten 
die vorgelegten Mauer— 
latten bei der Mittel— 
vand die ungehinderte 
Anlage von Rauch- und 
Luftkanälen in derselben 
ind machen alle Balken— 
uswechslungen ent⸗ 
ehrlich. 
Die durch das 
Vorlegen der Mauer— 
atten zwischen diesen 
und den Wänden ent— 
sttehenden Kanäle lassen 
ich in sehr geeigneter 
Weise als Ventilations— 
'anäle oder zur Unter— 
»ringung von Rohr— 
ieitungen verschiedener 
Art vortheilhaft aus— 
uutzen. Eudlich eignen 
sich die vorgelegten 
Pdauerlatten trefflich zur 
Befestigung der Stangen 
und Bretter für die 
Fenstervorhänge, deren Anbringung in den steinernen Wänden oft 
mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden ist. 
Daß sich die Konstruktion architektonisch in mannigfachster 
Weise ausbilden läßt ist bereits weiter oben erwähnt worden und 
sei hier nur nochmals unter Beifügung einiger Skizzen für ver— 
chiedene Faͤlle darauf hingewiesen. 
Jedenfalls verdient die Sache in weiterem Umfange bei Neu— 
»auten berücksichtigt zu werden und sollen diese Zeilen dazu Ver— 
inlassung geben resp. dazu führen, daß die Vor— und Naͤchtheile 
— gegenüber der bisherigen Ausführung abgewogen 
verden. 
Mühlhausen, 1. Auqust 1885. 
Y9⸗ 
Ad. Kelm.
	        

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