Full text: Deutsches Baugewerks-Blatt : Wochenschr. für d. Interessen d. prakt. Baugewerks (Jg. 45, Bd. 4, 1885)

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Die Entwässerung Berlin's. 
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schnitzern sorgfältig und kunstgerecht ausgeführt werden. Der 
Raumersparniß wegen ist in der Zeichnung der massive Unterbau 
(Sockel resp. Plinthe) nebst Treppenaufgang weggelassen, welcher 
keine wesentliche Bedeutung für die Dekoration der Thür hat. 
Selbstverständlich können dergleichen Thürdekorationen auch 
hei massiven Gebäuden angewendet werden. Ein belehrendes 
Beispiel hiervon giebt der Vorbau zum Eingange des Puhlmann'⸗ 
schen Vaudevilletheaters in der Schönhauser Allee Nr. 148 zu 
Berlin, der mit einer ganz ähnlichen Eingangsthür nach der 
Zeichnung des Verfassers von dem Zimmermeister Herrn J. Lucke, 
Schwedterstraße, meisterhaft in exaktester Weise im Jahre 1876 
ausgeführt wurde. 
Fig. 25 zeigt als Beispiel das Detail zu dem oberen Theil 
einer bedeckten Veranda mit reichverziertem Fries, welcher ent— 
weder aus doppelten Brettern hergestellt wird, oder auch bei ge— 
ringerem Kostenaufwand, in geschniackvoller Malerei ausgeführt 
werden kann. Der karrikirte Kopf in dem geschweiften Konsol 
über der Verandasäule wird am besten aus gepreßter Steinpappe 
gefertigt und an das Konsol angeschraubt. Alles Uebrige geht 
deutlich aus der Zeichnung hervor. 
Hiermit schließt der Verfasser vorläufig die Sammlung von 
Details aus dem dekorativen Holzbau, indem er sich vorbehält, 
später noch einige Muster zu Gartenzäunen, Parkwegweisern und 
anderen einfacheren Kompositionen den Lesern dieses Blattes mit— 
zutheilen. A. Knäbel. 
zur Errichtung kräftiger Wasserwerke und sofortiger Beseitigung 
der menschlichen Abfälle aus der Nähe der Wohnstätten. Dadurch 
aber, daß diese beiden Maaßnahmen ungleichen Schritt hielten, 
indem die Wasserversorgung und das Wasserkloset der Entwässerung 
»orausgeeilt war, ergaben sich Zustände der unerquicklichsten Natur, 
welche mit Rücksicht auf die stürmische Entwickelung Berlin's 
jeradezu unhaltbar wurden. 
Nachdem aber daselbst unterirdische Kanäle, wie sie beispiels— 
weise Wien schon seit dem 15. Jahrhundert besitzt, nicht bestanden, 
onach ebensowohl eine andere Reinigungsmethode, als die Kana— 
lisation mit Wasserspilung in Erwägung gezogen werden konnte, 
o entbrannte zwischen den Anhängern des Schwemmsystems und 
enen der Liernur'schen Differenzirmethode mit Poudrette-Fabrikation 
ein mehr als 10 Jahre andauernder Parteikampf, welcher nach 
Verwerfung des Projektes von Wiebe — Sammlung aller Kloset— 
und Meteorwässer in zwei getrennten Kanälen und Einleitung 
derselben in die Spree unterhalb Berlins, ähnlich dem Bazal— 
gette'schen Projekte für London und dem Berger'schen Vorschlage 
für Wien — und nach eingehenden Studien und Verhandlungen, 
wie sie der Tragweite dieser Frage entsprechen, mit der am 
ß. März 18783 erfolgten Annahme des Schwemmsystems mit 
Rieselwirthschaft seinen vorläufigen Abschluß fand. Ich sage des— 
halb „vorläufigen“, weil die Meinungsdifferenzen noch heute nicht 
vollstaͤndig ausgeglichen sind. 
Die Einrichtung der in vielen englischen Städten, ferner in 
Paris, in Danzig, Breslau und anderen Orten, allerdings in kleinerem 
Maaßstabe erfolgreich betriebenen Felderberieselung mit Kloaken— 
vasser war für Berlin, das seine Auswurfstoffe aus gesundheit— 
ichen Gründen nicht in die langsam fließende Spree leiten durfte, 
»on dem Momente an eine unabweisliche Nothwendigkeit, als die 
Stadtverwaltung das Schwemmsystem angenommen hatte. 
In strenger Befolgung des Grundsatzes: Reinhaltung der 
zffentlichen Flußläufe und rasche Entfernung der Fäkalmassen aus 
der Stadt, entstand in Berlin ein Städtereinigungs Unternehmen, 
)as in Bezug auf den ihn zu Grunde liegenden Gedanken ohne 
Bleichen dasteht; es ist dies das vom Baurath Dr. Hobrecht er—⸗ 
dachte und schon zum großen Theil durchgeführte Radialsystem. 
Das Grundprinzip dieser Entwässerungsanlage besteht in 
»er Zerlegung des gesammten Stadtgebietes in eine Anzahl (in 
Berlin 12) Kreisausschnitte, wovon jeder getrennt kanalisirt werden 
tann, und zwar behufs direkter Anweundung des Berieselungs 
Verfahrens, mittelst radialer Leitung nach der Weichbildgrenze. 
Hätte die Stadt eine erhöhte Lage, so wäre die Zuführung 
der Kanalwässer auf die Rieselanlagen durch natürliches Gefälle 
ermöglicht, da aber bei Berlin diese Terrainbildung nicht besteht, 
so ergab sich die Nothwendigkeit einer Hebung des Kanalwassers 
urch Pumpvorrichtungen und die Befoͤrderung desselben mittelst 
Druckrohrleitungen von 0,75 bis 1,00 m Durchmesser nach den 
neilenweit von der Stadt gelegenen, bis zu 20 m höheren Riesel— 
jütern. Es muß somit die ganze Anlage getrennt werden in 
»auliche Vorkehrungen, welche die Sammlung der Abwässer jedes 
Radialsystems in der Pumpstation bewirken, und in Maaßnahmen, 
welche die Fortführung derselben bis auf die Felder, einschließlich 
der Vertheilung daselbst, bezwecken. 
Wir haben sonach gewissermaßen einen in reger Saftbewegung 
befindlichen Baum vor uns, bei dem die Stadtkanäle die Wurzeln, 
die Druckrohrleitung den astfreien Stamm und die Bewässerungs— 
Jräben auf, den Rieselgütern dessen Gezweige vorstellen. Hierbei 
ist die Herstellung der Wurzeln und des Stammes nebst der Er— 
haltung eines konstanten Säftestromes Sache des Ingenieurs, die 
Fruchtbarmachung dieser Säfte aber Sache des Landwirthes. 
Auch die Wirkungsweise einer solchen Anlage ist insofern 
eine zweifache, als sie sich nicht blos auf die Veseitigung des 
tädtischen Unrathes, sondern auch auf die Reinigung der“! ver— 
schmutzten, Kanalwässer erstreckt. Letztere Wirkung erzielen die 
Rieselfelder, es sind dies Filter, welche die Aufgabe haben, 
das auf ihnen ausgeleitete Wasser, soweit es nicht verdunstet oder 
hurch den Pflanzenwuchs aufgenommen wird, versickern zu lassen, 
weshalb eine wirksame Berieselung das Vorhandensein eines durch— 
ässigen und natürlich entwässerbaren Untergrundes, bezw. eine 
kfünstliche Drainirung voraussetzt. 
Kurz zusammengefaßt, erfolgen bei dem Schwemm-Kanal⸗— 
ystem mit Rieselwirthschaft zwei Doppelvorgänge mit entgegen— 
Jesetzter Wirkung. In der Stadt: Zuführung reinen und Äblei— 
tung verschmutzten, am Felde: Ausbreitung des verunreinigten und 
Absuhr des gereinigten Wassers in die bestehenden Flußläufe. 
Nach ihrer Vollendung werden sämmtliche Berliner Systeme 
ährlich 26 -ÿ30 Millionen kbw Spüljanche liefern, welche von 
den noch entsprechend zu erweiternden Rieselflächen aufgenommen 
und gereinigt werden müssen. 
Die Bauausführung selbst hat im Jahre 1873 begonnen: 
Die Entwässerung Berlin's. 
Der Oberingenieur der Berliner Kanalisation, Baurath 
Dr. Hobrecht, hat im Auftrage des Magistrats der Königlichen 
Haupt- und Residenzstadt Berlin das von ihm entworfene und 
usgeführte Werk an der Hand von 62 Tafeln in Groß-Folio 
ausführlich beschrieben. Da wohl Viele unserer Leser nicht in der 
Lage sein werden sich das schöne, aber sehr theure Werk (Laden— 
preis 150 Mk.) anzuschaffen, wollen wir in Folgendem eine kurze 
Besprechung der Entwässerungsanlagen Berlin's geben, zumal die 
hier gemachten Erfahrungen für so viele Städte, die sich heute 
keiner vernünftigen Entwässerung erfreuen, von Nutzen sein 
dürften. 
Wenn von der Entwässerung einer Stadt die Rede ist, so 
sind darunter nicht jene, in der Landwirthschaft angewendeten, 
wasserbaulichen Maaßnahmen zu verstehen, welche zumeist die 
Trockenlegung eines versumpften Terrains durch Ableitung der 
überflüssigen Wässer anstreben, sondern bautechnische Vorkehrungen 
zum Zwecke möglichst rascher Abführung aller, durch den Gebrauch 
und die Lebensbedürfnisse der Bewohner verschmutzten Wässer. 
Nichtsdestoweniger ist das Ziel einer vernünftigen Stadtentwässerung 
ebenso auf die Festlegung des Grundwasserspiegels und die Rein— 
haltung des Bodens, als auf die Fortschaffung der verunreinigten 
Auswurfstoffe gerichtet, indem die unterirdischen Kanalleitungen 
indirekt das Mittel bieten, den Stadtboden mittelst poröser Thon— 
röhren zu drainiren und dadurch die unterirdischen Ränme in den 
Gebäuden auszutrocknen. Deshalb sind auch Kanalisationen als 
Entwässerungsanlagen aufzufassen. 
Wenn krotz ihrer vielseitigen Wirkungsweise die Kanalisation 
nicht so populär ist, als etwa die Versorgung mit Lebensmitteln, 
die Beschaffung reinen Trinkwassers und andere, gleichfalls in das 
Gebiet der öffentlichen Gesundheitspflege gehörige Maaßregeln, so 
liegt der Grund einfach darin, daß die Folgen eines nicht rein 
gehaltenen und nicht entwässerten Bodens, soweit nicht schlechte 
Gerüche in Betracht kommen, sich der direkten Beobachtung ent— 
ziehen. Außerdem ist die Einführung städtischer Wasserleitungen 
und die damit verknüpften gesteigerten Anforderungen an Reinlich— 
keit so nenen Datums, daß wohl noch einige Zeit vergehen wird, 
bis es ein allgemein gültiger Grundsatz geworden, daß die alten 
Kunstgriffe, die Auswursstofse loszuwerden, nur neue Verlegenheiten 
bereiten und Kanalisation kein Luxus ist, den sich unr gut 
situirte Gemeinwesen erlauben dürfen, sondern vielmehr zu den 
bestangelegten kommunalen Ausgaben gezählt werden müsse. 
Bei der allgemein gegen diese Angelegenheit herrschenden 
Abneigung wird es nicht überraschen, wenn auch in Berlin — 
obwohl daselbst bis zum Jahre 1876 die Städtereinigung theil— 
weise noch auf dem Standpunkte der Ursprünglichkeit des Senk— 
grubensystems und der viel verspotteten Straßenrinnsteine stand, 
wie sie kaum den Anforderungen einer Provinzialstadt entsprochen 
hätte — keine allzu lebhaften Sympathien für durchgreifende 
Reformen im gedachten Sinne existirten. 
Schon im Jahre 1860 hatte die Regierung, gedrängt durch 
die öffentliche Meinung, wegen zunehmender Infizirung des Bodens 
und Verschlechterung des Brunnenwassers die Initiative ergriffen
	        

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