Full text: Deutsches Baugewerks-Blatt : Wochenschr. für d. Interessen d. prakt. Baugewerks (Jg. 45, Bd. 4, 1885)

Verichte aus verschiedenen Städten. — Literaturbericht. 
122 
Berichte aus verschiedenen Städten. 
Berlin. Das sogenannte ‚Berliner Zimmer“ ist 
ür die modernen Berliner Wohnhausbauten geradezu charakteristisch 
geworden. Sein Entstehen hängt, so schreibt die „Magd. Ztg.“, 
nit dem nach den Befreiungskriegen konstanten Wachsthum Berlins 
auf's Innigste zusammen. Im Jahre 1801 zählte die Hauptstadt 
176,709 und im Jahre 1840 bereits 328,692 Einwohner. Für 
diese Menschenmassen mußten Wohnungen beschafft werden, und es 
rat als unmittelbare Folge eine gesteigerte Ausnutzung der Grund— 
tücke, ein möglichstes Verwerthen auch des kleinsten Fleckchens Erde 
zu Zwecken der Bebauung ein. Während vor den dreißiger Jahren 
das Wohnhaus selten zu Spekulationszwecken und im Interesse 
eines möglichst hohen Miethserträgnisses aufgeführt wurde und 
vie noch manche Beispiele in der Friedrich- Dorotheen- und König— 
tadt beweisen, fast nur jene kleineren, ein- oder zweistöckigen Häuser 
existirten, in welchen außer dem Besitzer höchstens noch zwei Familien 
zur Miethe wohnen konnten, entstanden nunmehr von der Mitte 
her dreißiger Jahre an jene drei- und vier- stöckigen Mieths- und 
Zinshäuser, in denen bequem zwanzig oder dreißig Familien ein 
Unterkommen finden. Demgemäß entwickelte sich auch eine Grund— 
rißdisposition, die von der bisher üblichen völlig verschieden war, 
venn überhaupt von einem „üblichen Grundrißschema“ bei den 
ilteren Bauten gesprochen werden kaun. Waren früher die für 
Berlin so charakteristischen schmalen, aber tiefen Grundstücke nur 
mit einem Vorderhause besetzt worden, während sich hinten vielleicht 
Stallungen und Remisen, nebst Hof- und Gartenterrain befanden, 
'o wurde nunmehr letzteres ebenfalls zu Bauzwecken verwendet, 
udem man daselbst Seiten- und Quergebäude in Höhe des drei— 
»der viergeschossigen Vorder-Baues aufführte. Die für Berlin er— 
'assene Baupolizei-Ordnung vom Jahre 1854 und deren Revision 
»om Jahre 1868, welche mit den zum Theil noch von 1641 und 
733 herrührenden alten Bestimmungen gründlich aufräumte, so— 
wie hervorragende Architekten, wie Stüler, Knoblauch, Hitzig und 
Ed. Tietz, haben dann im Wesentlichen dazu beigetragen, die sich 
ieu zu entwickelnde Grundriß-Disposition zu jener typischen umzu— 
jestalten, nach welcher heutigen Tages jedes Wohngebäude Berlins 
rbaut wird; ein Vorderhaus, dahinter ein Hof von mindestens 
17 x 17 Fuß Flächenausdehnung und je nach der Breite und Tiefe 
»cs Grundstückes ein oder zwei Seitenflügel und ein resp. mehrere 
Quergehäude. Mit dem, Aufführen von Seitenflügeln entstand 
hdann, als Spezialität der hauptstädtischen Bauten, das vorgenannte 
„Berliner-Zimmer“. Dort nämlich, wo der Seitenflügel an das 
Vorderhaus stößt, wird ein großer Raum angelegt, welcher meist 
zurch ein in der abgeschrägten Ecke befindliches, dreigetheiltes 
Fenster sein Licht erhält. Der Zutritt zu diesem gewöhnlich in 
dämmeriges Halbdunkel gehüllten „Berliner Zimmer“ erfolgt vom 
Hauptkorridor aus. Auf der einen Seite haͤngt es mit den nach 
der Straße gelegenen Vorderräumen durch eine Flügelthür zu— 
ammen, während von seiner anderen Seite ein schmaler, dunkler 
Korridor zu den im Seiteuflügel liegenden Schlafzimmern und zu 
der an der Hoftreppe angeordneten Küche nebst Wirthschaftsräumen 
ührt. Ein Uebelstand, der mit dieser Anlage verbunden ist, gipfelt 
darin, daß das Dienstpersonal, um nach den Vorderzimmern oder 
dem vorderen Eingange zu gelangen, die Berliner Stube passiren 
muß. Alle bisher gemächten Versuche, eine Lösung zu finden, 
welche zweckentsprechender wäre, sind als gescheitert zu betrachten. 
Die Anlage leichter, offener oder verglaster Galerien an der Außen— 
eite der Seitenflügel, die von der Küche an den Fenstern der 
Schlafzimmer und des Berliner Zimmers vorbei durch die neben 
der Haupttreppe liegende Nebenstube nach dem vorderen Eingange 
fiühren, sind nur als Nothbehelfe zu bezeichnen. Die Berliner 
Stube bleibt also bestehen, so lange die typische Grundriß-Dispo— 
sition unserer Miethshäuser keine andere wird. Die eigenthüm— 
iche Lage des Zimmers ist auf die Art seiner Benutzung nicht 
ohne Einfluß geblieben: es dient vorzugsweise als Speisezimmer 
und bei denjenigen Familien, welche beschränkter wohnen, zugleich 
als gemeinsames Wohns und Kinderzimmer, während die Vorder— 
immer gewöhnlich für gesellschaftliche Zwecke und den Herrn 
zes Hauses reservirt bleiben. In den vornehmeren und mo— 
derneren Miethshäusern des Westens der Stadt trägt indeß 
»as „Berliner Zimmer“ den exklusiven Charakter des Speise— 
aales zur Schau. Aus der Familienstube ist ein glänzender 
Raum geworden, welcher zu dem vornehmsten Versammlungs— 
punkt der Bewohner und ihrer Gäste gehört. Diese Um— 
vandlung hängt mit dem gesammten Aufschwunge, den unsere 
Architektuür und unser Kunstgewerbe seit 1871 genommen haben, 
zusammen. Vor dieser Zeit war selbst in den vornehmsten Häusern 
der Königin Augusta-Straße das „Berliner Zimmer“ glatt tape— 
zirt und sein Fußboden nicht einmal mit Parquet belegt; jetzt ver— 
einigen sich Architekt, Tischler, Bildhauer und Maler. um gerade in 
Resem Raume ein Ensemble von der feinsten Schönheit zu schaffen. 
Zwei oder drei Meter hohe Pannele von braungebeiztem Nuß— 
»aum-, Eichens oder Kienholz, welche durch Pilaster gegliedert, mit 
gekehlten Füllungen versehen und oben durch ein vorladendes 
Sims abgeschlossen werden, in Verbindung mit einer Bekleidung 
»er übrigen Wandfläche bis zum Deckengesims aus schwerer Velour? 
oder gepreßter Ledertapete, eine kunstvoll behandelte Holz- oder 
»emalte Stukkodecke und endlich reich geschnitzte Flügelthüren, denen 
zuweilen gemalte Stillleben oder Majolikaplatten eingefügt sind, 
vilden die durchaus nicht mehr seltene Ausstattung dieses Saales. 
Der farbige Fayence- oder schwarze Marmor-Kamin bildet eben— 
jalls ein bereits ständiges Requisit der Dekoration, so daß der 
veiße Kachelofen seligen Angedenkens als definitiv beseitigt anzu— 
ehen ist. 
Magdeburg, im Februar. Die letzte Sitzung des Magistrats 
yat wichtige, seit Langem schwebende Fragen einer Entscheidung 
zugeführt. Es ist im Einverständniß mit der zu diesem Zwecke 
erwählten gemischten Kommission der definitive Beschluß gefaßt 
worden, mit dem Kriegsministerium wegen Feststellung der näheren 
Modalitäten des Ankaufes der Nordfront und der Citadelle 
zu den von dieser Behörde aufgestellten Taxpreisen (etwa 19 Mark 
ür das Nordfront- und 23 Mark der Quadratmeter für das Citadellen— 
errain) in Unterhandlung zu treten. In Verbindung hiermit steht 
»in weiterer Plan, über welchen ebenfalls definitiver Beschluß vom 
Magistrat gefaßt worden, nämlich die Erbauung eines Palais auf 
»em Terrain östlich der Augustastraße an Stelle des bisherigen 
Bouvernementsgebäudes auf dem Neuen Markte. Es soll eine 
Vereinbarung dahin abgeschlossen werden, daß dieses Gebäude und 
das alte Hauptwachgebäude auf dem Alten Markt der Stadt über— 
assen werden gegen Erbauung jenes Palais. Es soll eine Taxe 
der an die Stadt abzutretenden Grundstücke sowohl als des von 
der Stadt zu überweisenden Terrains aufgestellt werden und die 
Ztadt für einen etwaigen Ausfall dann noch durch entsprechendes 
Terrain von der Nordfront entschädigt werden. Ein weiterer wichtiger 
Beschluß ist, wie die „Magd. Ztg.“ berichtet, in Angelegenheit der 
Einverleibung der Neustadt gefaßt worden. Auch hier ist vom 
Magistrat im Einverständniß mit der gemischten Kommission ein 
diese Frage bejahender Beschluß gefaßt worden. Als Termin der 
Einverleibung ist der 1. April ins Auge gefaßt worden. 
Paris. Ein tausend Fuß hoher Thurm soll, bei Ge— 
egenheit der Pariser Weltausstellung im Jahre 1889 zur Aus— 
führung kommen. Der Thurm wird ganz aus Schmiedeeisen kon— 
truirt und erhält einen durchaus monumentalen Charakter. Letzterer 
vird hauptsächlich durch die Basis erreicht, die aus einem halb— 
reisförmigen Bogen von 230 Fuß Spannweite bestehen wird. 
Auf diese setzen sich drei Stockwerke in der Gestalt abgestumpfter 
Pyramiden und in der gewöhnlichen gitterartigen Schmiedeeisen— 
onstruktion. Der Thurm soll auch nach der Ausstellung erhalten 
oleiben und zu strategischen und meteorologischen Beobachtungen, 
zu elektrischer Beleuchtung und anderen Zwecken benutzt werden. 
Weimar. Die elektrische Beleuchtung unserer Nach— 
»arstadt Apolda hat an einem der letzten Abende die Feuer- und 
dichtprobe bestanden. Die Ausführung derselben hat nach dem 
Brush;System stattgefunden und ist der elektrischen Gesellschaft in 
darlsruhe übertragen gewesen. Wenn auch am Abend der Probe— 
»eleuchtung nur etwa 15—-17 Lampen brannten, so sind doch für 
»ie Gesammtbeleuchtung Apoldas 32 Bogenlicht-Lampen von je 
2000 Lichtstärken in Aussicht genommen worden, mittelst deren 
nan die ganze Stadt zu beleuchten gedenkt, während die Gas— 
helenchtung sich nur aus ein Drittel der Straßen erstreckte. Die 
Besammtkosten der Beleuchtung sind auf 3510,000 Mark in An— 
atz gebracht, während bei der partiellen Gasbeleuchtung die Stadt 
an die Aktiengesellschaft pro Jahr 8400 Mark zu zahlen hatte. 
Der elektrische Strom wird mittelst einer in der unterhalb des 
Viadukts belegenen Spinnerei von Schmid und Leutloff auf— 
gestellten dynamo-elektrischen Maschine erzeugt und zeigte sich für 
Jie in Aktion gestellten Lampen als pöllig ausreichend und kontinuirlich 
Literaturbericht. 
Breymann's Bau-Konstruktions-Lehre. II. Holz. 
J. M. Gebhardt's Verlag, Leipzig. 
Die heute vorliegende zwölfte Lieferung des 2. Bandes ist 
ie Schlußlieferung desselben. Dieselbe enthält den Schluß des 
dapitels „Die Thüren und Fenster“, „Die Baugerüste“, „Glocken⸗ 
tühle“ und Titelblatt, Vorwort und Inhalis-Verzeichniß des 
weiten Bandes. An Tafeln sind beigefügt, 104 bis 112, Fenster 
ind Thüren, 113 bis 123, Baugerüͤste, und 124, Glockenstühle. 
Deit der Beendigung des zweiten Bandes dieses vorzuüglichen
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.