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BAUZEITUNG
Nr. 30
Ehemaliges Haus Buisson in der Rue Calvin, Genf Hoffassade
Aus dem „Bürgerhaus in der Schweiz“
zutage alles verlangt wird und was er demgemäß zu leis
ten hat. Dabei hat die 7—8 klassige Kgl. Baugewerke-
schule Stuttgart (und mit ihr der mittlere Bautechniker
Württembergs) unbestritten ein ganz erhebliches Voraus
vor vielen anderen ähnlichen Anstalten des Deutschen
Reiches. Auch erfordert an und für sich schon der Beruf
des Technikers, wie wohl ganz wenig andere eine
rasche und ausgeprägte gute Vorstel
lungsgabe — Zurechtfindung und Ent
schlußfähigkeit in allen Lagen, und endlich
noch die Fähigkeit, mit allen Bevölkerungs
schichten in angemessener Weise zu ver
kehren. Allein das schon sind Vorzüge, die i m m o -
dernen Leben mindestens soviel gelten müssen, als
die Beherrschung von etwas Griechisch, Lateinisch, viel
leicht auch gar Hebräisch, das der vorbildliche Einjährige
dem nichteinjährigen Absolventen der Baugewerkeschule
vielleicht voraus hat. Um ein weiteres Voraus kann es
sich gar nicht handeln, denn unsere Baugewerkeschulen
(u. zw. ganz speziell die staatl. Baugewerkeschule in Stutt
gart, die wie in den früheren Schulprogrammen zu lesen
war, als Fachschule im Range der Obergymnasien steht)
befassen sich in den unteren Klassen sehr viel, ja fast aus
schließlich mit allgemein bildenden Fächern. Wie der
Lehrplan zeigt, kommt aber die Stuttgarter Schule schon
in Klasse II in der Mathematik, dem Zeichnen, der Physik
und Chemie weit über die Grenze des Wissens eines Vor
bildseinjährigen hinaus, von den rein technischen Fächern,
der Statik, der Baukunde und dergl. ganz abgesehen. Da
mit soll ganz gewiß nicht gesagt sgin, und auf das komme
ich nachher zu sprechen, daß für den mittleren Techniker
selbst die an der Baugewerkeschule gelehrten allge
mein bildenden, als auch die spez. techni
schen Fächer heute noch genügen.
Das ist m. E. keineswegs der Fall.
Trotzdem sollte man meinen, unsere Reichsregierung,
und nur die kann hier in Betracht kommen, die müßte
keinen Augenblick zögern, die Anregungen des Abgeord
neten Liesching, besonders was die Absolventen der Bau
gewerkeschulen anbelangt, zu verwirklichen, um gut zu
machen, was seither, versäumt worden ist.
Allein daran fehlt mir der Glaube.
Es wird auch, so gut gemeint die Ausführungen des H.
Abgeordneten Liesching sind, befürchtet, daß mit ihrer
Verwirklichung den Württemberg. Technikern vorläu
fig wenigstens wenig geholfen wäre, im Gegenteil,
es besteht dann die Gefahr, daß der ohnehin schon sehr
große Andrang zum Technikerberuf ein noch größerer
wird, insofern zu allen denen, die seither den Beruf wäh
len, sehr wahrscheinlich noch eine neue Kategorie kommt,
der es erstlinig um Erlangung des Einjährigen zu tun
wäre.
Höchstens dann, wenn die Erteilung des Berechti
gungsscheins an die Erstehung einer gewissen techn. Ab
schlußprüfung gebunden wäre, und wenn diese Prüfung
(die Vorprüfung zur Bauwerkmeisterprüfung könnte hie-
für nicht in Betracht kommen) möglichst scharf durchge
führt würde, wenn ferner Mittel und Wege
gefunden werden könnten um den starken
Andrang zur Baugewerkeschule zurück
zudämmen (hieher ist vor allem der Wegfall der un
zeitgemäßen Vorklasse zu rechnen), wären für uns einige
Vorteile zu erwarten.
Wir müssen aber dennoch eine Lösung
auf ganz anderer Basis anstreben.
Dessen ungeachtet schulden wir dem H. Abg. Liesching
für seine wohlwollende Anregungen vielen Dank. Auch
dem württemb. H. Ministerpräsidenten soll in diesem Zu
sammenhang für seine Ausführungen in der Württemberg.
Kammer vom 8. April d. J., wenn damit auch erstlinig
die höheren Techniker gemeint gewesen sind, alle Aner
kennung gezollt werden. Ein besonderes Verdienst dem
mittleren Techniker gegenüber hat sich noch der Abge
ordnete Scheef erworben dadurch, daß er so energisch
für Schaffung weiterer ständiger Technikerstellen einge
treten ist.
Man sieht daraus, die Zeit ist gekommen, wo un
serem Beruf, wenn auch noch in bescheidenem Maße,
Anerkennung zuteil wird. Das ist wenigstens ein kleiner