Full text: Deutsches Baugewerks-Blatt : Wochenschr. für d. Interessen d. prakt. Baugewerks (Jg. 49, Bd. 8, 1889)

Die Ursachen der Einstürze ven Menbauten. 
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Die Ursachen der Einstürze von Neubanten. 
Es ist eine nicht zu leugnende Thatsache, daß die Einstürze neuer 
Häuser in den letzten Jahren sich in erschreckender Weise vermehrt 
haben. Die materiellen Verluste, welche durch die Hauseinstürze 
herbeigeführt werden und oft nicht unerheblich sind, die Entziehung 
der Konzession, das Haftpflichtgesetz, die Verurtheilungen feitens dee 
Gerichts zu Geld- und Freiheitsstrafen scheinen nicht ausreichende 
Mittel zur Abwehr dieser Unglücksfälle zu sein. Auch scheint es fast, 
als ob die Bauunternehmer wie auch das Publikum gegen solcht 
Katastrophen gleichgiltig werden und beide Parteien sich bemüben 
die Schuld von den Baumeistern abzuwälzen unnd in unabwendbaren 
Zufälligkeiten u. dgl. zu suchen. Denn bei einem vor längerer Zeit 
erfolgten theilweifen Einsturze der neuen Volksbadeanstalt hieß es in 
einem Düsseldorfer Blatte wörtlich: „Der Bau wurde unter Aufsicht 
städtischer Beamten ausgeführt, was schon eine Garantie für die Ver— 
wendung nur guten Maͤterials bietet, sodaß also hierin die Schuld 
nicht gesucht werden kann.“ Die nachfolgenden Zeilen sollen nun 
den Beweis liefern, daß die Schuld dieser Hauseinstürze in 90 von 
100 Fällen, wenn nicht noch häufiger, die Bauunterüehmer selbst 
trifft, weiters abet auch Mittel und Wege zur Verhütung dieser Un— 
glücksfälle in Begchs bringen. 
Wer schon einmal den Abbruch eines alten Gebäudes angesehen 
hat, wird über die Härte des Mörkels erstaunt gewesen sein. Ganz 
anders ist es bei Bauten der letzten 302-240 Jahre. Schlägt man 
einen Nagel in die Wand, so rieselt der Kalk oft laut hörbar' hinter 
der Tapete herunter, und nach wenigen Wochen ist der Nagel wieder 
los. Wird ein solches Haus abgebrochen, so lösen sich die Steine 
leicht von dem Mörtel ab, mit Leichtigkeit wird letzterer zerschlagen 
und beim Abräumen des Schuttes findet man nur noch Staub. Die 
Ursache dieses großen Gegensatzes ist leicht zu finden. Da der Mörtel 
nur aus gelöschtem Kalk und Sand besteht, und ersterer höchst wahr 
scheinlich in hiesiger Gegend genau so gut ist, wie er vor Jahr— 
hunderten war, weil er noch immer aus derselben Quelle bezogen 
wird, so kann der Grund nur noch entweder in dem Sande liegen, 
oder in dem Verhältniß dieser beiden Bestandtheile zu einander. Es 
muß zugegeben werden, daß in der Auswahl des Sandes häufig sebr 
leichtfertig verfahren wird. Ist beim Ausgraäben des Bauplätzes reiner 
Sand in genügender Menge vorhanden, so wird dieser zur Herstellung des 
Mörtels genommen, und eine Hauptbedingung zur Herftellung güten 
Mörtels ist erfüllt. Oft aber ist der ausgegrabene Sand sehr starh 
mit Erde vermischt, und da die Herbeischaffung reinen Sandes mit 
oielen Kosten verbunden ist, so wird der unreine Sand sehr oft zur 
Herstellung des Mörtels genommen. Solcher Mörtel wird je nach der 
Menge der erdigen Bestandtheile auch mehr oder weniger bindend sein 
Gewoͤhnlich aber wird von Seiten der Bauunternehmier bei der Her— 
stellung des Mörtels gegen das richtige Verhältniß von Sand und 
Kalk gefehlt. Man will an dem theuren Kalke sparen, zumal heutigen 
Tages die meisten Bauten in Submissien gegeben werden, und mischt 
ihn deswegen mit einer zu großen Menge Sand, der wenig oder 
gar nichts kostet. Die Praxis hat ergeben, daß zu einem chin ge— 
löschten Kalkes oder Kalkbreies nicht mehr als 3 bis 4 chm Sand 
genommen werden dürfen, wenn der Mörtel von guter Bindekraäf! 
sein soll. Jene Worte der Zeitung sind daher durchaus nicht zu— 
treffend. Der Kalk kann von bester Qualität sein, und der Mörtel 
ist dennoch nichts werth, wenn er zuviel Sand enthält. Ist der 
Kalk aber mager oder magnesiahaltig, so muß auch weniger Sand 
genommen werden, weil die Magnesia nicht zu einer steinharten Masse 
erhärtet. Man müßte den Bauunternehmer verpflichten, den Kalf 
immer aus derselben Quesle zu beziehen und den Magnesiagehalt 
durch eine Analyse feststellen zu lassen, um danach das Verhaͤltnis 
von Kalk und Sand regeln zu können. Da eine solche Analyse für 
den Bauunternehmer auf 40 und mehr Jahre ausschlaggebend sein 
könnte, so dürfte der geringe Kostenaufwand nicht in Betracht kommen. 
Soweit nun unsere Erfahrung reicht, ist bei allen den Häusern, 
die in den letzten Jahren eingestürzt sind, nicht der eben beschriebene 
Luftmörtel angewandt, sondern jedesmal der hydraulische Mörtel (mis 
welchem sich die Mauerarbeiten vermeintlich „schnell herstellen“ lassen. 
Hier ist die Untersuchung weit schwieriger, weil die Zusammensetzung 
des Mörtels verwickelter ist und daher die möglichen Ürsachen mannig— 
saltiger Art sein können. Versuchen wir daher, die wahren Ursachen 
von den angeblichen oder vorgeschützten zu trennen. Um allgemein 
verständlich zu werden, wird es nöthig sein, einige Worte über die 
bei dem Mörtel vorkommenden chemischen Verbindungen und Prozesse 
voranzuschicken. Die Chemie unterscheidet einige 70 Elemente. Treten 
—D 
sogenannten binären Verbindungen. Enthalten sie Sauerstoff, so nennt 
man sie Oxyde. Diese werden nach ihrer Einwirkung auf den Ge— 
schmack oder Lackmuspapier in Säuren und Basen eingetheilt. Kalk 
und Sand sind solche binäre Verbindungen, und zwar ist der Sand 
eine Säure, nämlich Kieselsäure, und der Kalk eine Base. Die Kiesel- 
säure (oder der Sand) ist zwar in Wasser fast unlöslich, weshalb sie 
ohne Geschmack ist und nicht auf Lackmus einwirkt, aber aus dem 
nachfolgenden Grunde muß man sie dech zu den Säuren rechnen: 
Es verbindet sich nämlich niemals eine Saure mit einer audern, eben⸗ 
sowenig eine Base mit einer anderen, wohl aber (mebr oder weniger 
beftig) eine Säure mit einer Base, häufig zu einem festen krystallinischen 
Körper. Es wäre nun das Natürlichste, daß beim Luftmörtel sich 
die Kieselsäure mit dem Kalk verbände; aber Untersuchungen über den 
Mörtel antiker Gebäude haben gezeigt, daß derselbe nicht aus kiesel— 
saurem, sondern aus kohlensaurem Kalke besteht. 
Bei dem hydraulischen Kalk, auch Wasserkalk oder Cement ge— 
nannt, haben wir es nun nicht mit einer Säure und mit einer Baie, 
sondern mit mehreren zu thun. Derselbe bat folgende chemüsche 
Zusammensetzung: 
Rieselsäure 
Kalk .. 
Maquesia 
Thonerde 
Eisenorvf 
,41 —F 
Snnnta M d pEt 
Der Reit besteht aus unwichtigen Beimengungen von Kali, Natron, 
Gyps ꝛc. Diese Angaben sind nach dem besten Cemente, nämlich 
nach dem Portland-Eemente, gemacht. 
Man theilt die verschiedenen Cemente in natürliche und künst— 
liche. Es giebt in einigen Gegenden natürlich vorkommende Steine, 
welche, ohne gebrannt zu werden (da sie bereits durch die vulkanische 
Hitze gebrannt sind), die Eigenschaft des Cements besitzen. Diese 
Kigenschaft besteht darin, daß er wie der Luftmörtel in Wasser ge— 
löscht und mit Sand vermischt allmälich zu einer steinbarten Masse 
erhärtet. Solche Steine giebt es z. B. im Breblthal am Rhein. 
Das ist der natürliche Cement. Die künstlichen Cemente müssen erst 
durch Brennen aufgeschlossen werden Sie bestehen größtentheils aus 
kohlensaurem Kalt, freier Kieselsaure und Thon, d. i. kieselsauer Thon— 
erde. Werden diese Steine gebrannt, so giebt wegen der schwachen 
und kurzen Erhitzung nur ein Theil der Steinmaässe seine Kohlen— 
äure ab, und der entstandene Aetzkalk wirkt später beim Uebergießen 
nit Wasser aufschließzend auf den Thon, d. h. es bildet sich kiesel— 
aurer Kalk und eine Verbindung zwischen der freien Kohlensäure und 
der Thonerde. Wird die Hitze aber so weit gesteigert, daß alle Kohlen— 
äure entweicht, so sagt man, der Cement ist „verbrannt“. Er hat 
eine bindende Kraft verloren, weil bei der übermäßigen Hitze der 
»nrstandene Aetzkalk mit der Kiefelsäure schen eine Verbindung ein— 
jegangen ist, welche durch das Wasser nicht wieder Lelet wird. Seine 
zufschlietende Wirkung hat er somit verleren. Diese, während des 
Erhitzens vor sich gehenden chemischen Prozesse sind einmal von der 
Temperatur, iodann auch von der Dauer des Erhitzens abhängig. 
Es ist deshalb das Breunen eine Arbeit, die viel Erfahrung ünd 
Amsicht erfordert, weil von dem richtigen Brennen die Güte des 
Sements in letzter Linie abhängt. Auch der Then ist durch das 
Brennen verändert: er hat sein Krystall- und Hodrat-Wasser verloren. 
Wird nun die gebrannte Masse mit Wasser übergossen, so bildet sich 
ieben wenig Kalkhydrat ein mehrfaches Silikat, nämlich kieselsaurer 
Kalk, kieselsaure Thonerde, etwas kieselsaure Magnefia tc. Das ver— 
soren gegangene Wasser wird ohne Erhitzung langsam wieder auf— 
gsenommen und die Masse erhärtet nach mehreren Tagen. Der Unter— 
chied zwischen dem Luftmörtel und dem hodrauliichen Mörtel besteht 
also einmal in der chemischen Zusammensetzung, sodann auch in den 
berschiedenen chemischen Prozessen, welche beim Erhärten der beiden 
Mörtel stattfinden. 
Zur Darstellung des Luftmörtels werden Kalksteine, d. i. keblen— 
aurer Kalk, zunächst gebrannt, wodurch die Kohlensäure entweicht und 
der Aetzkalk frei wird. Durch das Löschen verbindet sich das Wasser 
mit dei Aetzkalk zu Kalkhödrat. Diese Masse wird nun mit Sand 
vermischt und unter dem Namen Mörtel zwischen die Mauersteine 
gestrichen. Letztere saugen wegen ihrer großen Porosität das über— 
schüssige Wasser auf, die Luft, welche auch durch die Steine hindurch 
dringt, führt dasselbe fort, der Mörtel wird trecken und dadurch schon 
bart genug, um dem Druck der schweren Steinmassen Widerstand 
leisten zu können. Im vLaufe der Zeit wird aber auch das Hodrat- 
wasser von der allmälig aus der Luft absorbirten Kohlensäure in Frei— 
heit gesetzt, wodurch die jahrelang anhaltende Feuchtigkeit der Wände 
»zrklärt wird. Bei regnerischem Wetter aber bleibt der Luftmörtel 
längere Jeit weich und der Druck der oberen Steinmassen bringt das 
Mauerwerk in's Gleiten. Zur Herstellung des hydraulischen Mörtels 
oder Cements werden ebenfalls Steinmassen gebrannt, welche kohlen— 
jauren Kalk enthalten. Aber hier darf, wie schon oben vemerkt, nicht 
ille Kohlensäure entweichen, sondern nur seviel, daß eine binreichende 
Menge Kalk zur Verbindung der freien Kohlensäure vorhanden ist. 
Die Kalkmenge ist aber so gering, daß beim Löschen der Steine kaum 
Erbitzung eintritt. Die vorhandenen Basen sollen sich also nicht wie 
borhin mit Kehlensäure, sondern mit Kiesetsäure verbinden. Folglich 
fann die Luft hierbei abgeschlossen sein, oder es kann dieser Prozeß 
auch unter Wasser stattfinden. Man wendet ihn daher bei Wasser— 
bauten an und in solchen Fällen, wo man von der feuchten Um— 
gebung einen schädlichen Einfluß auf den Luftmörtel befürchtet, alse
	        

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