Full text: Deutsches Baugewerks-Blatt : Wochenschr. für d. Interessen d. prakt. Baugewerks (Jg. 49, Bd. 8, 1889)

Die Ursachen des Mangels tüchtiger Arhbeiter. .-— Mittheilungen aus der Praris 
3406. 
Die Ursachen des Mangels tüchtiger Arbeiter. 
Ueber den jetzt so vielbeklagten Mangel tüchtig ausgebildeter 
Arbeitskräfte und dessen Ursachen äußerte sich kürzlich der Vor— 
tand des Gewerbevereins Ulm folgendermaaßen: 
Die Lebrwerkstätten und die Fachschulen sind meistens nur 
für besser fitnirte junge Leute. Der Mehrzahl sind sie ver— 
schlessen. Wo also sellen bessere und mehr tüchtige Arbeiter 
herangezogen werden? Fragt man tüchtige Gewerbetreibende, wie 
sie sich zu der Frage der Ausbildung der Lehrlinge verhalten, so 
wird man staunen, wie oft man zu hören bekommt: „Ich nehme 
grundsätzlich keinen Lehrling mehr“. Auf das „Warum“ erbäl 
man die Antwort: „Aus besseren Schulen erhalten wir keine 
Lehrlinge mit vierzehn Jahren, „Herrenlehrlinge“ aber wollen 
sich nichts mehr sagen lassen, und aus den ärmeren Schichter 
der Bevölkerung tönt uns sofort die Frage entgegen: „Was 
erhält mein Bube Lohn?“ Dies sind die Einen. Bei Anderen, 
der noch viel größeren Zahl aber, geht die Klage über die un— 
dankbare Aufgabe der Lehrlingserziehung dahin, daß der Lehr— 
ling, kaum daß er ausgelernt, den Fabriken zuläuft, weil er dort 
mehr verdient. Ja gerade die Besseren der Lehrlinge sind es 
dann, die mit offenen Armen in den Fabriken aufgenommen 
werden. Daß letzterer Grund endlich einem tüchtigen Meister 
das Erziehen von Vehrlingen verleiden kann, wer moͤchte es ihm 
verargen, namentlich, wenn er oftmals aus dem Munde von 
Fabrikanten vernehmen muß, sie stellen grundsätzlich keine Lehr— 
singe ein, sie erhalten in genügender Zahl vorgebildete Arbeits— 
kräfte. (Auch Kleingewerbetreibende kennen wir, die keine eigent— 
lichen „Lehrlinge“ mehr anstellen, sondern „Handlanger“, die sie 
bei ungenügenden Leistungen sofort entlassen, von denen sie aber 
auch mehr verlangen können, indem sie ihnen von der ersten 
Stunde an einen entsprechenden Lohn zahlen. Die Red.) Mit 
solch' einseitigem Fabrikbetriebe schwindet mehr und mehr der 
edle ideale Grundzug aus unserem Volke. Der Fabrikant hat 
gar oft, wenn ihm, was ja doch vielfach der Fall sein dürfte, 
das pekuniäre Vorwärtskommen die Sorge seines ganzen Seins 
ist, nur den Gedanken, wie dies auf die leichteste Art geschieht. 
Sein Ich steht für ihn so sehr im Vordergrunde, daß er keint 
Zeit findet, sich auch noch um das zu kümmern, was sonst um 
ihn hervorgeht. Er ist ein kräftiger Steuerzahler, und damit 
glaubt er mehr als die Anderen seiner staatsbürgerlichen Pflicht 
iHenüge geleistet zu haben. Seine direkte und indirekte mora— 
lische Beeinflussung der Mindervermöglichen wird ihm oftmale 
zar nicht klar, und darin liegt ein Krebsschaden unserer Zeit, 
unserer Gesellschaft, der leider schon sehr weit um sich gegriffen 
bat. Der Schutz des Arbeiters, seine richtige Erziehung für das 
Leben muß da beginnen, wo der junge Mensch die Schule ver— 
Jäßt. Zuerst soll seine physische und moralische Erziehung das 
Hauptaugenmerk ausmachen und nach dieser Richtung Alles ge— 
schehen, was irgend geschehen kann. 
Es giebt ja viele rühmliche Ausnahmen. Wir kennen Fa— 
brifen, die sich Monteure, Heizer, Meister und Ingenieure her— 
anbilden, in denen der schoͤne Grundsatz zwischen Fabrikbesitzer 
und Arbeiter herrscht: Einer für Alle und Alle für Einen. Bei 
anderen Fabriken jedoch sehen wir kein moralisches Band, das 
Besitzer und Arbeiter verbindet. Daher die gegenseitige Un— 
zufriedenheit. Die Intelligenz muß auch der Träger der ge— 
ellschaftlichen Moral sein; wo sie es nicht ist, da wirkt sie 
zersetzend, und alle Schutz- und Vorsorgegesetze vermögen das 
uim sich greifende Uebel nicht aufzuhalten. Es ist nicht nur die 
Steuerkraft, die peknniär wirthschaftliche Lage, die ein Land, eine 
Nation kräftig macht; mehr noch ist es die Moral, die ein Volk 
mporhebt. Wir wissen, daß man sich mit der Klage über Kon— 
furrenz zu decken sucht: Das mag eine Zeit lang gelingen, aber 
auch nur eine Zeit lang; wir sehen das am besten in der vor 
uns liegenden Frage. Der Kleiühandwerker, erfüllt von Un— 
zuftiedenheit, klagt, wenn er auch häufig Grund hätte, zuerst 
bei sich selbst nach den Ursachen dieser Unzufriedenheiten zu suchen, 
die, hebere Intelligenz an; der Gegensaß von Arbeiter und Fa— 
brikant kommt auch bei ihm zum Bewußtsein. Sein zweites 
Wert ist: „Die Fabriken richten uns zu Grunde, die Fabriken 
jangen den Mittelstand auf, die Zeit koͤmmt, wo auch unsere 
Kinder Proletarier sein werden“, Und er findet Ursachen hier— 
für. Als eine der Ursachen sieht er das Entzieben der durch 
ihn beraugebildeten Arbeitskräfte von Seiten der Fabrifkanten 
Wir gestatten uns nicht, einen Vorschlag in dieser Richtung 
den Fabrikanten gegenüber zu machen, die so handeln und die sich 
auf das gefetzliche Recht stüßen, so handeln zu dürfen; aber, wir 
haben es für unsere Pflicht erachtet, auf eine Wunde aufmerksam 
zu machen, die mit redlichem Willen und dem echten Sinne für 
die Erfüllung idealer staatsbürgerlicher Pflichten noch bei Zeiten 
geschlossen werden könnte. 
Mittheilungen aus der Praris. 
Ein Wort zu Gunsten größeren Ziegelmaaßes. Man 
hatte früher bedeutend größere Ziegel; so findet man in Bauten 
des Mittelalters Ziegel fast von der Größe unserer Quader; 
die Renaissance hatte bis in die Napoleonischen Zeiten häufig 
ehr große Ziegel (, milg. “/ mebr. !, mehch.) Die Alten 
cheinen wohl gewußt zu haben, warum sie so große Ziegel 
machten. Doch kam man allmälich von diesen großen Dimen— 
ionen ab, und wenn nicht gewisse Bauvorschriften in einzelnen 
Ländern dieser Diminutiv-Bewegung oder Agitation zur Ziegel— 
verkleinerung einigermaaßen Einhalt gethan hätten, so, sähen 
wir vielleicht schon jetzt Ziegel von einer solchen Kleinheit, wie 
selbe die Knaben in ihren Baukästen aus Holz zum Spielen haben 
Alles hat seine Grenzen und Maaße. 
Die Gründe, welche Fabrikanten und Bautechniker be— 
stimmten, vom größeren Ziegelmaaße herabzugehen, sind zum 
Theil sehr schwach, selten erklärlich. Man führt u. a. als Haupt— 
zrund an, erstens, daß die kleineren Ziegel besser durch— 
Jebrannt sind, daher an Qualität gewinnen, zweitens, daß 
hei den theuren Feuerungsmaterialien die Heizkosten der 
Ziegelofen für größere Ziegel höher kommen, als für kleine 
Sorten (orgl. Punkt 1.) und drittens, daß dieselben, wenn 
besser durchgebrannt, eine größere Bruchlast vertragen, als 
große Ziegel, welche aber weniger gut gebrannt, sind. Alles 
dies ist wahr, aber doch nur je nach Verhältniß zu nehmen. 
Man kann große Ziegel durch Arbeitsersparniß billi— 
ger erzeugen und durch Lochung (sog. Hohlziegel) bedeutend 
ter brennen; das ist ein Vortheil; der zweite Vor— 
heil ist, daß, wenn bei kleinen Ziegeln, ein Maurer 
in einer bestimmten Zeit zwar eine größere Anzaht 
Ziegel verlegt, er bei großen Ziegeln bei gleicher 
Anzahl und gleicher Zeif mehr Mauerwerk hergestellt 
hätte!! Also bei gleicher Arbeitszeit und Arbeitskraft 
lin größerer Arbeitserfolg! Einen besseren Beweis können 
edenfalls die Vertheidiger der modernen kleinen Ziegel, mit 
velchen kostbare Arbeitszeit unnütz verschwendet wird, wohl nicht 
leicht beibringen zu Gunsten ihrer eingebildeten Vortheile. Das, 
vas hier zu Gunsten der großen Ziegel angeführt ist, will in 
der Gegenwart viel sagen. Natürlich wird vorausgesetzt, daß die 
zroßen Ziegel auch gut gebrannt werden, was bei unseren anderen, 
lechnisch sehr verbesserten Brenneinrichtungen und Ringöfen ganz 
seicht ist. 
Um eine gewisse Masse Mauerwerks also in kleinen Ziegeln 
herzustellen, bedarf man bedeutend mehr Zeit, als man bedürfte, 
wenn man große Ziegel anwendet; zugleich bedarf man weniger 
Mörtel, was bei Cementmörtel wohl auch sehr in Rechnung 
zu setzen wäre; auch höhere bautechnische Gründe lassen 
sich zu Gunsten der großen Ziegel anführen, u, a. z. B., daß 
die Festigkeit des Mauerwerks eine viel größer ist, 
als bei kleinen Ziegeln, weil stets weniger kleine Theile 
»inen viel kompakteren Körper geben, als viele, besonders bei 
chlechtem Mörtel; sieht man eine zersprungene Mauer genauer 
in, so bemerkt man, daß die Sprunglinien (Risse, Berstungs— 
ugen) meistens nach den Verbindungs- oder Lagerfugen der 
Ziegel gehen; eine Mauer mit größeren Ziegeln würde also viel 
widerstandsfähiger sein. 
Auch wird man, wo z. B. Sandsteinquadern zu theuer 
kommen, doppelt gebrannte Ziegelquader bestens in An⸗ 
wendung bringen koͤnnen. I. TAK. 
Die Gesellschasten zur Beschaffung billiger Wohnungen 
in Frankfurt a. M. Eine Mittheilung von Herrn Dr. Schoͤn— 
mann in Stuttgart. Das schnelle Wachsthum der Bevölkerung 
in Frankfurt a. Min den letzten Jahrzehnten vertheuerte besonders 
die kleineren Wohnungen so sehr, daß die Miethspreise unverhält— 
nißmäßiag ftiesen und für die ärmeren Klassen der Büragerschaft
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.