Full text: Deutsches Baugewerks-Blatt : Wochenschr. für d. Interessen d. prakt. Baugewerks (Jg. 49, Bd. 8, 1889)

Jur Entwickelung der Formen. — Dortmuuder Mosaik. 
SZtellen in der Glaiur zu erhalten. Weiß ⸗maillirtes Eisenblech (aus 
ein Slück bestebende Muffeln) vermag längere Zeit, ohne Ver⸗ 
nderungen aufzweisen, der Einwirkung der Hitze Widerstand zu 
leisten, alsdann nehmen jedoch auch die aus diesem Material her— 
geftellten Muffeln am oberen Rande und auf der oberen Fläche eine 
unklere Färbung an, auch beginnt in manchen Fällen die Emaille 
ich an einzelnen Stellen zu lösen. Es mag betont werden, daß bis 
ebt noch kein Material exiftirt, das allen Ansprüchen, welche man an 
æ— 
Fig. 8 und 
aternenmuffeln stellen muß, also Widerstandsfähigkeit und freundliches 
Ausseben, Genüge leistet. Versuche in dieser Richtung und Mit— 
beilungen darüber sind sehr erwünscht. 
Eine besondere Ventilativn der Bedürfnißanftalten dürfte nur in 
»ereinzelten Fällen, wenn nicht genug direkt in das Freie gehende 
Deffnuͤngen in den Umfassungswänden vorhanden find, geboten sein. 
Dunströhren, eventuell mit Gasflammen, sind alsdann anzuordnen. 
Zum Schluß sei nach dem Fachblatt „Der Metallarbeiter“, dem 
vir Vorstehendes entnominen haben, bemerkt, daß viele der oben be— 
ührten Punkte sowie manche der Konstruktionseinzelheiten auch für 
Bedürfnitzanstatten Beachtung verdienen, welchen nicht das Prädikat 
ööffentlich“ in dem oben verstandenen Sinne zukommt. Für bloße 
rinirgelasse auf Straßen und Plätzen find einzelne Abweichungen 
elbstverständlich geboten. 
2 3. 
Zur Entwickelung der Formen. 
Vor Allem muß man bei jeder Form unterscheiden, ob sie der 
Struktur eines Gebrauchsgegenstandes angehört, oder ob sie nur als 
innbildliche Andeutung, oder als bloßes Ornament auftritt. Die Säule 
. B. ist hier wirklicher Lastenträger in der Architektur, dort nur ein 
ierliches Phantasiegebilde auf einer grotesken Wandmalerei; zwischen 
»eiden Erscheinungen steht ihre Anwendung als Halbsäule in den 
Facaden der Gebäude, Vertäfelungen und Schränke — gewissermaaßen 
iine halbe Wirklichkeit. In jedem Falle muß man ihr, ihrem Sinne 
entsprechend, eine Grundlage und wohl auch etwas zu tragen geben; 
iber ihre Form wird eine um so freiere sein dürfen, je mehr sie sich 
dem Ornament nähert. Dieselben Dinge, welche als struktive Elemente 
der Architektur oder Tektonik in streng ernsten Formen 
uftreten, z. B. Giebel, Lisenen, Nischen ꝛc., ertragen als bloßer Zier— 
rath die übermüthigste Künstlerlaune. Und umgekehrt müssen Motive, 
velche aus der lebendigen Welt stammen und ursprünglich der freien 
Ornamentik angehören, desto strenger stilisirt, d. h. dem Zweck und 
der Technik angepaßt werden, je wichtiger ihre Rolle beim Aufbau 
eines Gegenstandes ist. Ein Nereidenleib, der den Henkel eines Kruges 
abgeben soll, muß vor allen Dingen nach den Erfordernissen des Ge— 
ässes selbst gebildet werden: erst kommt der Henkel, dann die lebens— 
dolle Figur, deren Formen bei allem Realismus im einzelnen sich doch 
m ganzen dem Zwecke des mit dem Gefäß organisch verbundenen 
Hriffes untererdnen müssen. Aehnlich bei der Karyatide, dem Löwen— 
uß u. s. w. Solche Scheidung der Formenbehandlung nach struktiven 
ind ornamentalen Rücksichten ist für die auten Zeiten der Renaifsance 
barakteristisch. 
Die Renaissanee (Wiedergeburt) war in ihren Anfängen dadurch 
egünstigt, daß die bervorragendsten Künstler es nicht verschmähten, 
ich mit Aufgaben der Dekoration und des Kunstgewerbes zu befassen. 
Rie Kluft zwischen Künstlern und Handwerkern, welche troß der Auf— 
lebung des Zunftzwanges später immer breiter geworden ist, existirte 
samald noch nicht. Die Mitarbeit der Talentvollsten gab aber der 
anzen Bewegung einen künsftlerischen Schwung, der auch den zahl— 
ichen Mchahmern zu Gute kam. Und in der Nachahmung, beruhte 
adie große Produktionsfähigkeit jener Epoche. Wir machen uns 
eute, schreibt Georg Hirt in feinem geschätzten Werke „Das deutsche 
zimmer“, nur unvollkommene Begriffe von den zahlreichen, die Jini— 
ztion begünstigenden Hilfsmitteln der alten Meister, welche sich so 
erne begnügten, die Ideen und Entwürfe Anderer auszuführen, oder 
Schoöͤnes Linfach zu kopiren. Indessen dürfen wir doch nicht annehmen, 
zaß lediglich selbstlose Hingabe an das Schöne die alten Meister be— 
tümmt habe, oft ihr Leben lang, die Rolle geschickter Nachahmer zu 
pielen; qusschlaggebend mag dabei eher die wirthschaftliche Nöthigung 
jewesen sein: das Publikum, der Liebhaber stellt seine Ansprüche, an 
iner gediegenen Kopie war ihm mehr gelegen, als an einem mangel— 
aften Original. Die Kopie oder die Benutzung allgemein zugäng— 
icher Entwürfe und Vorlagen war aber um so erträglicher, als durch 
die Handarbeit (elbst bei Metallguß durch das Ciseliren) jedem Exem— 
Nar eine gewisse technische Selbständigkeit gegeben wurde. 
Die mit dem Namen des Barocko freilich sehr unsicher bezeichnete 
Entattung beginnt erst, da, wo die Form die natürlichen Grenzen des 
Zweckes und der Technik überspringt, womit ja nicht gesagt sein soll, 
onß eswa Alles oder auch nur das Meiste, das die sogenannte Barock⸗ 
zeit an praktischen Dingen geschafft, stilwidrig gewesen sei! 
Der allgemeine Charakter der verschiedenen Perioden wird im Wesent⸗ 
ichen bedingt durch das Verhältniß des Ornamentalen zum Struktiven. 
ů der Zeit der Frührenaissance und in ihrem Geist vielfach noch hundert 
dahre später erscheint der reichste Schmuck ganz unmittelbar als Be⸗ 
tandtheil oder Verstärkung des Aufbaues, beide sind innig zu einer harmo— 
ischen Gesammtwirkung verbunden, aber das Struktive herrscht, das 
rnament ist ibhm unterthan. Der Geist der Hochrenaissance dagegen 
st darauf gerichtet, das Struktive durch Verstärkung der Formen vom 
Oruamentalen unabhängig zu machen, so daß das letztere fast als eine 
berflüssige Zuthat, erscheint; es wird fremd, herzlos, schablonenhaft, 
i be dan Struttiven nicht mehr eingeboren ist. Die Spätrenaissance 
st charakterisirt durch das Beftreben nach reicherer und luftigerer Er— 
Heinung, iudem sie gleichzeitig die struktiven und die ornamentalen 
ormen der Hochrenaissance verstärkt und vermehrt; in dieser forcirten 
leberladung, welche nicht selten zu wohlthuender Harmonie gelangt, 
eht das Baͤrocko noch weiter: die struktiven Formen werden theilweise 
ebeugt, entstellt, um entweder selbst zum Ornament zu werden, oder 
in danieritten Zierrathbesser als Folie zu dienen. Das Geheimniß 
er Frübrenaissance, welches wesentlich im Maaßhalten beruhte, ist nun 
ratbar verloren. Im Barocko herrscht immerhin noch eine gewisse 
SZymmetrie, welche die Verrenkungen der rechten Seite auf der linken 
viederholt.“ Aber vielleicht ist es gerade diese Gleichseitigkeit, welche 
en Schnoͤrkelgeist der Zeit unbefriedigt läßt; und das Licht der Welt 
rblickt der leichsinnige Schelm Rokoko: das Struktive wird lebendig 
und sucht sich nach allen Richtungen unregelmäßig in eine eigenartige 
Zrnamentik aufzulösen, welche weder Blatt noch Gefieder oder Flamme, 
ondern ein bis dahin unbekanntes Symbol sinnlicher Verflüchtigung 
u sein scheint; das feste Stützen- und Rabmenwerk aber, das der Auf— 
osung noch trotzt, wird zu vergoldeten Ruinen, in denen Liebesgötter 
ud Kammerkähchen ihren Spuck treiben. Endlich kommt als un— 
mgängliche Eutnüchterung der klassische Zopf, zunächst in ebenso 
eizendem Gewand (Louis XVIJ, zuletzt plump und aufdringlich (Empire) 
ur Geltung. Das ist ganz kurz der Verlauf der Renaifsance. 
11 
Dortmunder Mosaik. 
Was uns an den altrömischen Bauten mit so hoher Bewunderung 
rfüllt und was unserer Technik bisher in so vollkommenem Mgaße nach— 
ubilden nicht gelungen wär, scheint nunmehr der Wiederauferstehung 
im ein sehr bedeutendes Stück näher gerückt zu sein. Es ist das die 
derstellung von Mosaiken durch die Dortmunder Mosaik-Fabrik 
on Rud' Leistner, welche unseres Wissens auf dem Kontinente 
ꝛisher ohne jede Konkurrenz ist; nur in England wird eine ähnliche, 
bet im Malerial bedeutend minderwerthige Mosaik angefertigt. 
Die Dortmunder Mosaik wird nicht aus Platten hergestellt, Isdern 
je ist eine wirklich echte Mosaik in alirömischer Manier. Im Wesent⸗ 
ichen erfolgt ihre Zusammensetzung aus gebrannten und dann mit 
ein Meißel gebrochenen und nach einer reichen, über 600 Nummern 
imfassenden Farbenstala zusammengestellten, — min dicken, gebrannten 
Thonstückchen von sehr großer Härte. Sie besitzen nach der Mohs schen 
?kala den Härtegrad 8, während der Diamant hiernach den Härte— 
rad 10 hat; zwei der Thonstückchen gegen einander geschlagen geben 
unken, was gewiß als ein Beweis ihrer großen Härte dienen kann. 
Das Zusammensehen der Beläge erfolgt in der Fabrik; das Aus— 
egen resp. Einsetzen im Bau geht dann sehr schnell von statten. Diese 
abeiten konnen als etwas durchaus Neues bezeichnet werden, und 
inden sich Ausfuüͤhrungen derselben bereits in fast allen größeren 
Städten; in Berlin besindet sich zur Zeit eine bis zum 1. November 
ieses Jahres dauernde ——— — in der Charlottenstr. 23, in
	        

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