Full text: Deutsches Baugewerks-Blatt : Wochenschr. für d. Interessen d. prakt. Baugewerks (Jg. 49, Bd. 8, 1889)

Sigenschaist und Konservirung der Dachziegel. — Volksschulbauten in der Schweiz und Italien 
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Eigenschaft und Konservirung der Dachziegel. 
Jeder getrocknete Thonkörper enthält Poren, welche in den 
ersten Stadien des Brennens durch Verflüchtigung gewisser 
Bestandtheile des Thones: des chemisch gebundenen Wassers der 
in kalkhaltigen Thonen vorhandenen Kohlen'äure, organischer 
ADR 
prozesses durch theilweise Versinterung und Schwindung der Thon⸗ 
nasse wieder bis zu einem gewissen Grade vermindert werden. 
Diese natürliche Porosität ist zunächst die Ursache der Durch— 
ässigkeit des Ziegels, bei welcher das auffallende Regenwasser nach 
inten abtropft. Leßteres wird jedoch regelmäßig nur dann statt⸗ 
inden können, wenn die Poren des Ziegels verhältnißmäßig zu 
iroß sind, d. h. so groß, daß das Anziehungsvermögen der kleinsten 
Theile durch die Schwerkraft des Sickerwassers überwogen wird. 
Die Durchläfsigkeit wird aber bei sonst gleichem Brande, 
gleicher Dicke und gleichem Aufsaugungsvermögen der Ziegel ver— 
chieden sein, je nach der Dachneigung und je nach der Länge, 
auf der die Ziegel frei liegen. Demzufolge lassen die flachen 
Daͤcher das Wasser stärker durch, als die steilsen, die Dachpfannen 
und Falzziegel stärker, als Biberschwänze; bei letzteren wird zu— 
dem ein Theil des Wassers von den Spließen (Dachspänen) auf⸗ 
zesaugt und zurückgehalten. 
Die natuͤrliche Porosität des Dachziegels ist ein wesentlicher 
Faktor seiner Volumbeständigkeit und der hieraus sich ergebenden 
Widerstandsfähigkeit gegen elementare Einflüsse: Frost, Feuer ꝛc. 
Dieselbe bedingt auch einzig und allein das feste Anhaften des 
Haar⸗Kalkmörtels, womit die meisteu Dächer verstrichen werden. 
Ferner gewährt die Porosität des Ziegels den Vortheil, daß das 
Schwitzwasser, welches sich durch Niederschlagen der aus dem 
Bebäude-Innern aufsteigenden feuchten Luft an den Innenflächen 
des Daches bildet, aufgesaugt und nach außen hin verdunstet 
vird; von nicht porösem Deckungsmaterial tropft diese Feuchtig 
keit bekanntlich als sogenanntes Schwitzwasser ab. 
Man kann daher diese Eigenschaft der Porosität des ge— 
hrannten Thonziegels, weil sie ihn für die meisten Zwecke zu einem 
chätzenswerthen Deckmaterial macht, nicht beseitigen, ohne sichselbst 
Schaden zuzufügen. Gleichwohl werden seitens der Fabrikation, 
theils um vereinzelten Nachfragen zu genügen, theils auch zur 
oft nur eingebildeten Erhöhung der Wetterbeständigkeit eines an 
iich ungeeigneten Ziegelmaterials undurchlässige Dachziegel in der 
einen und der anderen Weise hergestellt. Es erfolgt solches in 
den meisten Fällen durch Glasiren der Ziegel, oder durch Ein— 
auchen derselben unmittelbar nach dem Austragen aus dem Ofen 
nn heißen Steinkohlentheer, seltener durch schärferes Brennen der 
Ziegel bis zu vollständiger Sinterung. 
Während durch diese Behandlungsweisen die Porosität 
der Ziegel ganz ausgehoben wird, kann durchlässigen Ziegeln 
durch Uebergießen der im lederharten Zustande befindlichen 
Ziegel mit feinem Thonschlamm (Engobiren), unbeschadet 
ihrer Porosität, ein höherer Grad von Undurchlässigkeit ver— 
schafft werden. Ein Gleiches gilt von dem sogenannten Grau— 
Ȋmpfen der Ziegel, welches infolge von Graphit-Einlagerungen 
n den Poren die Durchlässigkeit des Ziegels erheblich verringert. 
Ob das eine oder andere Verfahren im Einzelfalle mit Vortheil 
mmzuwenden sei, und in welcher Art und Weise solches zu ge— 
chehen hat, sind Sonderfragen der Ziegelfabrikation, welche nur 
durch eingehende praktische Studien und sachgemäße Versuche 
mit dem verfügbaren Thonmaterial in befriedigender Weise ge— 
öst werden können. 
Im Allgemeinen haben die Versuche, dem Dachziegel durch 
Hlasur eine höhere Wetterbeständigkeit zu verleihen, noch keine 
Ergebnisse von Erheblichleit geliefert; es hat sich vielmehr häufig 
zezeigt, daß glafirte Ziegel noch weit früher der Zerstörung durch 
Frost anheimfallen, als nicht glasirte. Diese, in längerer Er‘ 
'ahrung bestätigte Thatsache findet ihre einfache Erklärung darin, 
zatz der geringste Glasurfehler ein Eintreten von Regen- oder 
Schneewasser in die Poren des Ziegels zur Folge hat, welches 
die Glasur verhindert, beim Gefrieren sich ohne Schaden aus— 
udebnen und darum die Glasur fselbst absprengt. Hat dieser 
zZerstörungsvorgang seinen Anfang genommen,“ so wird er in 
tetig wachsendem Grade fortschreuen. 
Bei einer fertigen Dacheindeckung wird zur Aufhebung oder 
Verminderung der Durchlässigkeit des Deckmaterials nur das 
Anstreichen mit heißflüssigem Steinkoblentheer Anwendung finden 
onnen. Hierdurch wird indessen der Dachfläche eine nicht immer 
eliebte schwarzbraune Färbung ertheilt. Es bedarf der An— 
vendung dieses Mittels nothwendigerweise aber nur dann, wenn 
die Durchlässigkeit des Daches nicht ausschließlich auf der natür⸗ 
ichen Porosität des Ziegelscherbens beruht, vielmehr auf das Vor— 
andensein von Rissen und Sprüngen zurückzuführen ist, welche 
(urch irgend einen Fabrikationsfehler, als: mangelhafte Homo— 
zenifiruug der Thonmasse, oberflächliches Erfrieren der gestrichenen 
Ziegel, Mängel beim sogenannten „Schmauchen“ derselben ꝛc, 
ntstanden sind, oder wenn aus irgend welchen zwingenden Gründen 
eine rasche Beseitigung der Durchlässigkeit des Daches geboten 
st. Diejenige Durchlaͤssigkeit eines Daches, welche lediglich in 
)er natürlichen Porosität der Ziegel bearündet ist, hört bekanntlich 
in kurzer Zeit, längftens in Jahresfrist, infolge des Eindringens 
hon Staub und Ruß in die Poren des Ziegels und der Bildung 
hon Flechten und Moosanwuchs in den Poren sowohl, als auf 
»en Außenflächen der Ziegel von selbst auf. 
Es giebt jedoch für dringliche Fälle ein einfaches und billiges 
Verfahren, diesen Naturprozeß zunächst in seinen Wirkungen zu 
ersehen, weiter aber auch dessen wirkliche Vollziehung einzuleiten 
und zu beschleunigen. Dasselbe besteht darin, die Dachziegel 
nit einer entsprechend verdünnten Lösung von Rübenmelasse 
welche aus Zuckerfabriken leicht erhältlich ist) zu durchtränken.“) 
Bei kleineren Dachflächen kann solches durch Anstreichen, welches 
im besten beiderseitig geschieht, erfolgen; bei größeren empfiehlt 
es sich, die Rübenmelafse-Loͤsung mit einer Handfeuerspritze auf 
heide Seiten der Dachfläche aufzutragen. 
Ist das Dach mit Rinne und Abfallrohr versehen, so 
ann man auch die Ziegel, von dem First anfangend, mittelft 
kimer begießen und die ablaufende Flüssigkeit zu weiterer Be— 
nutzung wieder auffangen. 
Die Wirkung der Melasse in der vorgedachten Hinsicht ist 
ꝛeine mehrfache. Zunächst verstopft dieselbe nach erfoigter Ver— 
unstung des Lösungswassers infolge ihrer glutinösen Beschaffen— 
eit die Poren des Ziegels, sodaß das Regenwasser nicht ein—⸗ 
zringen kann, oder durch Loösung eine das Austreten und Ab— 
ropfen nach unten erschwerende Dickflüssigkeit annimmt. Des 
Weiteren begünstigt die Melasse durch ihre Klebrigkeit (welche 
infolge ihrer hygrofkopischen Eigenschaft auch bei trockenem Wetter 
ortdauert) das Anhaften der in der Luft schwebenden Staub⸗ 
heilchen. Endlich veranlaßt sie durch Uebergehen in die Essig⸗ 
aͤure-Gährung (welches wieder durch die Porosität der Ziegel 
»egünstigt wird) bei gleichzeitigem reichlichen Gehalt, an mine— 
ralischen und organischen Pflanzennährstoffen die Bildung mi— 
troskopischer Pilzwucherungen, deren Zellengewebe nach dem Ab⸗ 
terben ein fein vegetabilisches Filter innerhalb der Poren bilden, 
ie Kapillar⸗Attraktion der letzteren vermehren und das aufgesaugte 
Wasser besser zurückhalten. 
Diese Vorgänge werden sich in den meisten Fällen vollziehen, 
»evor die Melaffe durch das Regenwasser wieder vollständig aus— 
Jewaschen und abgeschwemmt worden ist. Sollte letzteres aber 
nfolge anhaltender Regengüsse dennoch eingetreten sein, oder 
die beabsichtigte Wirkung aus anderen Gründen — etwa weil 
zum Begießen der Ziegel eine zu stark verdünnte Lösung ver— 
vendet wurde — ausbleiben, so würde allerdings das Verfahren 
— nöthigenfalls unter Anwendung einer stärkeren Löͤsung — 
zu wiederholen sein. 
Beiläufig sei noch bemerkt, daß das Tränken durchlässiger 
Ziegel mit Melasse auch schon vor der Eindeckung mit gleichem 
Erfolge wie später (durch Eintauchen oder Begießen) vorgenommen 
werden kann. R. Bonte. 
x) Vergleiche hierüber auch die vorige Nummer Seite 524. 
(Redaktion des Baugewerks-Blattes.) 
Mittheilungen aus der Praxis. 
Lehrherren, Lehrlinge, Innungsvorstände. Eine preis— 
zekrönte Abhandlung uͤber ‚Allgemeine Grundjätze bei Ausbildung 
jon Handwerkslehrlingen“ von Hermann Krüger mit dem Wahl⸗ 
pruch „Zielbewußt“ fordert u. a. Folgendes: 
Vor Eingehung eines Lehrverhältnisses verschaffe fich der 
Bewerbetreibende Kenntniß der Bestimmungen in der „Gewerbe⸗ 
»rdnung für das Deutsche Reich‘' und in dem „Invaliditäts- 
ind Altersversicherungs-Gesetze“, sowie der von der Innung er—
	        

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