Full text: Deutsches Baugewerks-Blatt : Wochenschr. für d. Interessen d. prakt. Baugewerks (Jg. 49, Bd. 8, 1889)

Der Handarbeitsunterricht als Vorschule für gewerbliche und kunstgewerbliche Ausbildung. — Berichte aus Städten. 
als bei Frauen, die besonders in Bezug auf Farben ihr Auge fruͤh⸗ 
zeitig wieder mebr üben. 
nnd mit der Hand gebt es ebenso; fühlen, ob ein Ofen gebeizt 
eder ungebeizt ist, einen Steck ergreifen, um einen Hund abzuwehren, 
zuracken, wenn es gilt einen lästigen Gast vor die Thür zu setzen — 
ie bekemmt allenfalls noch Jeder fertig; aber wenn es sich darum 
bandelt, durch das Anfühlen einer Fläche zu unterscheiden, ob das 
Material Marmor ist oder Stuck; wenn der Herr Pastor oder der 
Herr Regierungsrath mal seinem Jungen einen handlichen Stecken 
arschneiden oder seiner Frau eine Kiste zunageln, oder gar ein 
Htoeͤbel bon einer Stelle im Zimmer zur andern rücken soll — da 
haperts gewaltig, da weiß keiner, wie er das Messer, den Hammer, 
die Kommode aufassen sell! „Herrgott, ist der Mensch unpraktisch!“ 
— Ja, wodurch soil er denn „praktisch“ geworden sein? 
uͤnd diejer Mißstand zeigt sich nicht bleß bei unseren böheren 
Schulen, sondern ebenso auch bei den städtischen Volks- und Bürger⸗ 
schulen, die den weitaus größten Theil des Nachwuchses für das Hand— 
werk stellen. 
Es ist ja auch ganz natürlich, daß dem so ist: an welchen Lehr⸗ 
ächern sollen denn die Knaben seben lernen? Der Anschauungs— 
Unterricht hört leider allzu früh auf; das bischen Naturgeschichte, 
Phpsik, Geographie thuts auch nicht, dazu beginnen sie viel zu spät. 
„Aber das Zeichnen!“ höre ich Sie sagen. — Ja wohl, meine Herren, 
da sind wir an der rechten Stelle angelangat! 
Wenn vor 25 Jabren Jemand die Forderung aufgestellt hätte, 
daß in der Volks- und Bürgerschule gezeichnet werden müsse, der 
waͤre für sehr thöricht gehalten worden, oder für einen überspannten 
Schwärmer; und wer Ihnen vor nur 10 Jahren geschildert hätte, 
wie im Jahre 1888 die jährliche Ausstellung der Zeichnungen der 
100 Berliner Gemeindeschulen in der städtischen Turnhalle aussah, 
dessen Glaubwürdigkeit wäre stark angezweifelt. 
Also bätten wir ja im Zeichnen bereits das Bildungsmittel für 
Auge und Hand, das so nothwendig ist; wozu dann noch Handarbeit? 
Gewitz, meine Herren; führen Sie nur den Zeichenunterricht in 
die weitesten Kreise, in alle Ihre Volks-, Bürger- und Gemeinde- 
schulen, und wie sie sonst heißen mögen, ein, betreiben Sie ihn eifrig 
und mit geschickten Kräften: Sie werden es nicht zu bereuen haben, 
sondern es bald an ihren Fortbildungs-, Handwerker-, Fach- und 
Kunstgewerbe-Schulen merken — aber halten Sie darum den Hand— 
arbeitsunterricht noch nicht für überflüssig! — Er zielt, ganz abgesehen 
ben seinem hygienischen Nutzen, von seiner erziehlichen Wirkung, der 
Stärkung des Willens, der Schätzung des Könnens neben der des 
Wissens u. s. w., doch noch auf etwas Anderes hin, als das Zeichnen! 
— Was ist denn „Zeichnen“? Uebertragung einer gesehenen Fläche 
oder eines gesehenen Körpers in die zwei Dimensionen der Fläche; 
Darstellung der Form durch Perspektive, Licht und Schatten. — 
Gewiß ist dies Darstellen, diese Wiedergabe des Geschauten eine vor— 
trefliche nebung und Schulung für Auge und Hand; der Verstand 
arbeitet mit und die Geometrie kommt nicht zu kurz dabei! Aber 
schließlich handelt es sich dech nur um die Erwägung und Darstellung 
der äußeren Erscheinung, der Form der Gegenstände, um die Lage 
und Führung der Linien, um die Abthönung der Flächen! 
Der Unterricht, den wir betreiben, mag er nun in Pappe, Holz 
oder Metall arbeiten — lehrt aber die Gegenstände selbst darstellen! 
Da gilt es nicht blez, die äußere Form wiederzugeben, sondern den 
inneren Zusammenhang der Theile zu erkennen, die Fügung derselben 
nach prabtisch-technischen Regeln herzustellen, die Eigenschaften des 
Materials — was es aushält und was nicht, ob es spröde oder zähe, 
hart oder weich ist, ob es schwindet oder sich dehnt u. s. w. — zu 
kennen und zu berücksichtigen, das Werkzeug kennen und richtig hand— 
haben zu lernen! — Das Alles nicht in dem Grade, um darauf einen 
Handwerksbetrieb zu begründen, durch den der Lebensbedarf erworben 
wird! Wir wissen sehr wobl, daß dazu nicht bloß die Kenntniß der 
echnischen Konstruktienen, der betreffenden Gebrauchs- und Kunst— 
formen, der Materialien und Werkzeuge gehört, sondern vor allem 
die voliständige, aute matisch-sichere Beherrschung der handwerklichen 
Verrichtungen, die nur durch jahrelange Uebung der durch Ueber—⸗ 
lieferung und Erfabrung bewährten Handgriffe gewonnen werden kann! 
Aber erwägen Sie einmal, wie der praktische Blick und die Ge— 
chicklichteit der Hand unserer Knaben schon durch das erweitert wird, 
was unser Unterricht ihnen bietet, wie die Lehren der Geometrie dabei 
unausgesetzt praktische Anwendung finden, wie das Zeichnen selbst 
dabei fortwäbrend geübt wird, so stellt sich die Handarbeit recht deutlich 
als eine Fortietzung und Steigerung des Anschauungs- und Zeichen- 
unterrichtes dar, aber zugleich auch als eine willkemmene Vorbereitung 
und Ergänzung des Unterrichtes in der Werkstatt und in der Fach— 
zeichenschule. Ju der Werkstatt lernt der Buriche gewiß noch gründ— 
icher als bei uns, wie gejägt, gehobelt, gestemmt und genuthet, Pappe 
und Papier geschnitten, der Leim⸗ und Kleisterpinsel, das Falzbein, 
der Stechbeitel und der Geisfuß geführt wird, und beim Fach⸗ 
ichnen — wenn es recht gelebrt wird — wird ihm dann auch noch 
klarer. warum in dem einen Falle diese, im andern jene Konstruktion 
oder Technik gewäblt wird; wie für den einen und den andern Zwed 
die Formen, die Materialien und ihre Behandlungsweise ꝛc. sich 
modificiren; aber mit wie anderem Interesse und Verständniß man 
in diese Dinge herangeht, wenn sie einem nicht zum ersten Mal und 
als ganz etwas Neues entgegentreten, das versteht voll und ganz 
wohl nur Derjenige, der es an sich seiber erfahren hat! 
Und wenn nun der Handarbeits-Unterricht, dem Alter der Knaben 
äch anpassend, die Lehre der Werkstatt und der Zeichenklasse vereinigt: 
wenn der Knabe in ihm eine Arbeit nach der andern nach allen Be— 
dingungen ihres Zweckes, ihrer Entstehung, ihres Materials erläutern 
gehört, genau sehen, bedenken und selber ausführen gelernt hat, glauben 
Sie dann nicht auch, daß dadurch nicht bloß für Handwerker aller Art, 
sondern auch für den zukünftigen Architekten, Ingenieur, Maschinen- 
»auer, Mechaniker ꝛc. eine Befähigung, eine praktische Grundlage ge— 
chaffen wird, die er jetzt beim Eintritt in seine Fachstudien empfindlich 
entbehrt? 
Im weitaus günstigsten Maaße freilich wird unser Unterricht dem 
Handwerker, insbefondere dem Kunsthandwerker, zugute kommen; jenem, 
weil er neben dem Sehen auch praktisch Denken und die Hand früh— 
zeitig üben und gebrauchen lernt, diesem, weil zu der handwerks— 
mäßigen Geschicklichkeit bei ihm noch die künstlerische Bildung hinzu— 
reten muß, und alles, was er an ersterer im Voraus erworben hat, 
hmä Zeit und Einsicht für die letztere erspart. Noch etwas anderes 
kommt für den Kunsthandwerker hinzu! Die einzelnen Fächer des 
kunsthandwerks vereinigen sich viel häufiger und in viel bunterer Zu⸗ 
ammensetzung zu gemeinschaftlicher Wirkung, als die Nutzhandwerke! 
Der Bautischier wird bei seinen Arbeiten zumeist nur auf die Zuthaten 
des Schlossers Rücksicht zu nehmen haben: der Kunsttischler muß wo— 
nöglich selbst Intarsiator und Holzbildhauer sein; er hat nicht bloß 
die feinen Schlosser- und Beschlag-Arbeiten anzubringen: Bronze⸗ und 
Silber-Ornamente, Email-, Mosaik- und Majolika-Füllungen, Elfen— 
»ein, Leder, Stoffe und Stickereien koömmen ihm unter die Hände und 
er soll sie zu verwenden und zu behandeln wissen! Beim Buchbinder, 
venn fein Fach zum Kunsthandwerk wird, ist es nicht anders: über 
Papier, Pappe, Leinwand und Leder greift er weit hinaus: Bronze, 
ind Silber, Email und geschliffene Steine holt er heran, um sein 
Werk zu schmücken, und muß ihre Art und Eigenschaft kennen, um 
ie richtig zu verwenden! — Das sind nur Beispiele; sie ließen sich 
eicht vermehren; nur an den Dekorateur, den Silberschmied, den 
Bronze-Arbeiter möchte ich noch erinnern! — 
So sind wir mit den Männern, welche sich aus genauer Kenntniß 
der Verhältnisse heraus mit unserer Frage beschäftigt haben, piüllig 
darüber einverstanden, daß es nothwendig sei, in unserem Volks— 
Unterricht dem praktischen Denken und Können neben dem Wissen 
zrößeren Raum zu gönnen, und daß der dahin zielende Unterricht früh— 
zeitiger als jetzt beginnen müsse. Wir wollen die Knaben nicht für 
ein einzelnes Handwerk oder Kunstgewerbe vorbereiten, sondern ihr Auge 
und ihre Hand fähiger machen zu gewerblicher Thätigkeit, fähiger, 
den gesteigerten Ansprüchen der Jetztzeit in höherem Maaße zu genügen, 
als bisher; wir hoffen, daß es uns auf diesem Wege, abgesehen von 
anderen günstigen Erfolgen, gelingen wird, eine Hebung des Niveaus 
der technischen Befähigung immer weiterer Krieise herbeizuführen.“ 
—V ** 
Berichte aus Städten. 
Berlin. Das seit zwei Jahren im Bau begriffene städtische 
Krankenhaus am Urban macht zusehends Fortschritte. Es ist die be— 
zründetste Aussicht vorhanden, daß schon zum Herbst dieses Jahres 
einige Pavillons ihrer Bestimmung übergeben werden können. Ohne 
Anterbrechung find über 200 Arbeiter beschäftigt. Der ganze Komplex 
des Grundstückes, auf welchem bereits sämmtliche, unter Dach ge— 
orachten Pavillons, zehn an der Zahl, stehen, umfaßt vier Straßen— 
ronten, nämlich die Grimm-, Dieffenbach,, Am Urban und die Urban— 
traße. Der Bau steht unter der Leitung des Regierungs-Baumeisfters 
WVollenhaupt und des Bau-Inspektors Frobenius, erfordert einen 
dostenaufwand von 114, Millionen Mark und wird im künftigen 
Jahre beendet sein. Das auf 600 Betten eingerichtete Krankenhaus 
vird im Süden der Stadt, dessen Bevölkerung so sehr gewachfen ist, 
einem wirklichen Bedürfnisse Abhilfe bringen“ Die sehr gefälligen, 
m Rohbau aufgeführten einstöckigen Gebäude stehen frei und ent— 
dehren deshalb nicht der den Krankenhäusern so nöthigen Luft und 
Sonne. Mit der Anlage genügender Baumgruppen wird, sobald es 
die Zeit erlaubt, begonnen werden. Die Wohnungen für den Direktor, 
ür die Aerzte, den Hausinspektor und die übrigen Beamten werden 
zis zum Herbst schon beziehbar sein; am weilesten im Bau vor— 
geschritten sind das Wirthschaftsgebäude und zwei Krankenpavillons. 
Das an der Grimmstraße befindüche Leichenhaus ist mit sämmtlichen 
Pavillons durch breite, unterirdische Kanäle verbunden. 
Petersburg. Auf dem Grundstück des Aquariums ist gegen— 
wärtig ein großer, völlig aus Eis gebauter Palast zu sehen. Derselbe 
nimmt einen Flächenraum von 24 Faden Länge und 12 Faden Breite 
ein, ist drei Stock hoch und mit 12 Thürmen verziert. Zum zweiten 
Stock führt eine doppelte Eistreppe, welche mit verschiedenartigen 
Büsten, Figuren und Vasen aus Eis geschmückt ist. Das dritte
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.