Stereotomie und die einschlägigen Baumaterialien.
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ßtereotomie und die einschlägigen Bau—
materialien.
Vortrag des Architekten Paul Brandner, gebalten vor dem
Technischen Verein Philadelphia am 25. Januar 1890.)
Das ganze Gebiet der Herstellung aller Einrichtungen, aus
welchen Bauwerke bestehen, sowie die zweckmäßige Verwendung
der einschlägigen Materialien wird im Allgemeinen mit der
Bezeichnung „Baukonstruktionslehre“ zusammengefaßt.
Die Baukonstruktionen bilden eben sozusagen das Knochen⸗
gerüst eines Bauwerkes und üben deshalb auch einen wesent—
ichen Einfluß auf den Stil desselben aus.
Die Baukonstruktionslehre ermöglicht uns, alle Arten von
Bebäuden nicht nur fest und dauerhaft, sondern auch zweck—
näßig und gesund herzustellen.
Sie bedingt deshalb eine genaue Kenntniß von den Bau—
materialien, sowie genügende Vorkenntnisse in Bezug auf die
nechanischen und statischen Kräfte, welche innerhalb eines Bau—
verkes zwischen den einzelnen Bautheilen zur Geltung kommen.
Deshalb wird die Konstruktion eine so verschiedene sein,
vie die zu verwendenden Baumaterialien, und zwar wird die—
elbe zunächst in drei Haupttheile zerlegt, nämlich in
1. Stereotomie, Konstruktionen in Stein,
2. Tektonik, Konstruktionen in Holz und
3. Metallotechnik, Konstruktionen in Eisen ꝛc.,
»bwohl namentlich in neuerer Zeit die Arbeiten des Asphalt—
egers, des Glasers, Tapezierers ꝛc. in einem besonderen Abschnitt
zu behandeln wären.
Ich habe, der Regel zuwider, die Stereotomie zuerst ge—
nannt, obwohl ich weiß, daß die Tektonik älteren Ursprungs ist
und in gewissem Sinne auch die Metallotechnik; mein Grund
hierfür ist also kein historischer, sondern vielmehr ein praktischer,
ind zwar der: daß im Allgemeinen bei der Ausführung eines
Bebäudes die Hauptaufgabe den Maurer- und Steinmetzaärbeiten
zufällt. Ich werde mich daher zuerst und ausschließlich heute
nit der Stereotomie beschäftigen.
Alle Materialien, welche hier Anwendung finden, zeichnen
ich in ihren Rohstoffen durch ihren festen, dichten und homogenen
Aggregatzustand aus; sie setzen dem Zerknicken und Zermaͤlmen
einen großen Widerstand entgegen, fie sind von dedeutender
rückwirkender Festigkeit. Außerdem lassen sie sich durch Abnehmen
von Theilen der Masse leicht zu beliebiger Form bearbeiten und
n einzelnen Stücken versetzen und zu festen Systemen zusammen—
ügen, wobei eben die rückwirkende Festigkeit das wichtigste
Prinzip der Konstruktion ist.
Die Sterotomie hat aber nicht an den Urstoffen festgehalten,
hr Gebiet ist deshalb ein sehr weites, sie greift fast in jedes
Kunsthandwerk, hinüber, von Keramik bis zur Eisengießerei. Sie
st auch aus diesem Grunde nur eine sekundäre Technik. Wohl
iber ist sie an bestimmte, historisch traditionelle Schranken des
Stils geknüpft. Sie ist deshalb auch, und in Verbindung mit
)er imponirenden Wucht ihrer Erscheinung, die eigentliche monu—
mentale Technit.
In Hinsicht auf Werksteinbauten haben sich die Materialien
m Laufe der Zeit wenig geändert, trobdem aber sind die Kon—
truktionsmethoden mannigfachen Veränderungen unterlegen. Die
iltesten Bauten in Griechenland, Kleinasien, Italien und auch
im Nilthale zeigen das sogenannte Cytklopenmauerwerk, in welchem
— wie Semper treffend ausdrückt — sozufagen „das Prinzip
des Gewölbes latent ist“. Wo immer nämlich ein oder mehrere
Steine herausgenommen, oder dasselbe überhaupt durchbrochen
vird, es bildet sich über der Oeffnung stets ein Spannbogen.
Schon in den frühesten Anfängen der Steinkonstruktionen
reten die verblendeten Mauern auf. Arbeitsersparniß brachte
alle Völker auf den Gedanken, nur die Gesichtsflächen der Bau—
verke zu bearbeiten. Diese Verblendung war bei vielen Völkern
aur in außzerst dünnen Schichten hergestellt. So wissen wir ja
uich. daß die Pyramiden, obwohlan und Ffuͤr sich massibe
Sugderberge, dennoch nur mit einer dünnen Kruste von polirten
Steinplatten teppichartig überkleidet waren. Die persischen Mo—
jumente von Murgaub und Istakir waren, wie ihre afsyrischen
Vorhilder, aus luftgetrockneten Ziegeln ausgeführt, hatten jedoch
die Eckverstärkungen und einige Thür- und Fensteröffnungen von
Marmor, bilden also einen Uebergang zur Werksteinkonstruktion.
Die ägyptischen Steinstrutturen der Tempel sind zum größten
Theile vollständig regelmäßiger Quaderstruktur, massiv, ohne
Fiillgemäuer, ohne Steinbekleidungen oder Verblendungen; aber
»bschon sehr genau nach der Setzwaage und den duchtscheit
gefügt, sind die Steine dennoch nicht in regelmäßigen Schichten
gelegt. Dies erklärt sich nur aus dem nie fehlenden Stuck- und
Farbenüberzug, welchen diese Gebäude erhielten und welcher die
Fugen verdeckte.
In dem Schutt der chaldäisch-assyrischen Paläste fanden sich
nehrfach steinere Säulenbasen, aber keine Säulenschäfte, woraus
nan richtig schloß, daß diese Säulenschäfte aus Holz waren.
Zpäter fand man auch Stücke getriebener Bronze, welche diesen
sjölzernen Schäften als Bekleidung gedient hatten.
Der babylonische Baustil bediente sich vielfach solcher Holz—
äulen, und das große Grabmal des Cyrus (Thurmbau zu
Babel) muß man sich als einen solchen Mischbau von Holz und
Stein vorstellen, in Terrassenform ausgeführt. Die biblischen
Freignisse des Einsturzes dieses Bauwerkes und der Simson'schen
That rücken der Wahrscheinlichkeit bedeutend näher, wenn man
diese Konstruktionsmethode näher in Betracht zieht; das leichter
zerstörbare Material war auf riickwirkende Festigkeit beansprucht,
vodurch das darauflastende Steingefüge nicht im Stande wär,
den von den Achsen des Gebäudes aus wirkenden Kräften einen
relativen Widerstand entgegenzusetzen.
Der Schritt zum Steinstil wurde erst später von den Griechen
gemacht. Leider verschwinden die ersten vorhellenischen Anfänge in
dem Dunkel der Sagenzeit, aus der sich kein anderes verbürgtes
Beispiel erhalten hat, als das Portal an dem sogenannten
srabmale des Agamemnon bei Mykene. Das nach unseren
Begriffen schönste und mächtigste Steingefüge des Alterthums
var das phönikisch-judäische, und zwar speziell die großen Ter—
rassenbauten dieser Völker, auf denen sie ihre Tempel erbauten.
Die stufenweise Vermindung der Mächtigkeit der Struktur—
elemente von unten nach oben, welche zugleich dem Schönheits—
gesetze und dem dynamischen entspricht, findet sich bereits an
iesen Bauten ausgeführt. Jene 60füßigen Blöcke der syrischen
Bollwerke oder der Pyramiden konnten freilich nur in den
Mauern erscheinen, nachdem hunderttausende von Sklavenhänden
ie von den Felsmassen loslösten, hunderte von Meilen mitunter
»ewegten und schließlich auf oft meilenlangen schiefen Ebenen
zur Höhe in ihr Lager stemmten. Alle diese Quader zeigen
hereits kunstfertige Behandlung mit den Werkzeugen und besitzen
n der Regel einen Fasen an den Gesichtsflächen. Ein bedenk—
icher Rückgang zeigt sich in dieser Hinsicht im frühen Mittel—
ilter. Sie haben ja wohl Alle unsere europäischen Bauten aus
enem Zeitalter gesehen. Dünne Schichten und unverhältniß—
näßig weite Fugen finden sich als Regel in diesen Bauten, und
erst mit dem Auftreten der Renaissance tritt die Wendung zum
Besseren und Schöneren wieder ein.
Man hat im Allgemeinen angenommen, daß Grabmäler die
Jranfänge der Stereotomie gewesen sind, und zwar der gewöhn—
iche, mit Rasen verblendete Grabhügel. Merkwürdiger Weise
zeigen auch die frühesten Bauwerke die für die Ausführung
chwierigste Grundform des Kreises und später des Vieleckes.
Das Rechteck wurde hauptsächlich durch die Erfindung der Lehm—
ziegel eingeführt. Dies ist insbesondere an den Grabhügeln zu
ehen, welche, sobald das Ziegelmauerwerk auftritt, die kreis—
runde Form verlassen und einen quadratischen Grundplan an—
nehmen, der im Aufriß sich kegelförmig verjüngt.
Interessant ist der Umstand, daß man schon frühzeitig dem
nneren Erddruck zu begegnen wußte, und zwar durch eine Zellen—
itruktur; d. h. man sonderte die drückende Füllmasse in kleine Massen.
So zeigt sich schon in den frühesten Bauten die Stabilität
ils Grundprinzip, die sogenannte „pyramidale Verjüngung“ tritt
in den phönizischen Riesenmauern so gut wie an den Pyramiden
elbst hervor. Sogar im kunstlosen Mittelalter ist dieses Prinzip
ichtbar geblieben, während die Renaissance es mehr optisch als
onstruktiv benutzte.
Wie aber die Verschiedenheit des Baumaterials den Stil
der Bauten selbst wesentlich beeinflußte, das zeigt am besten
die Vergleichung der griechischen Brücken aus Marmor mit denen
aus Sandstein.
Der weiße Marmor der Griechen war wohl der edelste
Baustoff, wurde schon früh zu ionischen Tempeln in Kleinasien
»erwandt und war wahrscheinlich zuerst von Pisistratos zur An—
age eines, im Wesentlichen dorischen Werkes, des Zeustempels
zu Athen, benutzt worden. Die Eigenschaften dieses Steines,
eine Festigkeit, sein feines Korn, seine Homogenität, gestatten
teine Detail-Ausbildungen und schlanke Sänlenkonstruktion.
Man findet deshalb diesen mehr im ionischen Baustil, und
»eshalb die Luftigkeit und Grazie dieser Bauten, im Gegen—
'atze zu den dorischen Bauten, welche aus dem porösen Kalkstein
jergestellt sind orosstil). Die Geschlossenheit und Dichtsäulig—
eit der dorischen Tempel isi deshalb durch das benutzte Bau—
naterial motivirt. Der Porosstil führte jedoch nicht nur zur
zichteren Säulenstellung, sondern naturgemäß zu breiterem