Volltext: Deutsches Baugewerks-Blatt : Wochenschr. für d. Interessen d. prakt. Baugewerks (Jg. 58, Bd. 17, 1898)

183 Städtebau in Bezug auf Trennung von Wohn⸗ und Geschäftsvierteln. — Einige Bemerkungen über das deutsche Fachschulwesen 184 
Was nun die Vorthcile einer solchen Bebauung vom gesund— 
heitlichen Standpunkte aus anbetrifft, so liegt es auf der Hand 
daß ein Geschäftsviertel, das in acht, höchstens aber zwölf Tages— 
stunden von der zusammenströmenden Geschäfiswelt — Handel 
und Wandel — belebt wird, zwar bei einem verhältnißmäßig kleinen 
Kompler das Aussehen eines Ameisenhaufens zur Schau trägt, wäh— 
eund es in der Nacht fast keinerlei Insaßen beherbergt. Wenn es 
also auch nicht bestreitbar ist, daß während eines Dritteltages 
die Lufwerunreinigung durch das Zusammenströmen so vieler 
Menschen eine erhebliche sein kann, so wird doch andrerseits da— 
durch, daß in 208 Stunden nur neue, reine atmosphärische 
Luft zugeführt wird, ein viel günstigerer Luftausgleich hervorge— 
rufen, als solcher bei uns in den gemischten dichtbevölkerten 
Siadiquartieren, wo die Luftverschlechterung in 24 Stunden un⸗ 
unterbrochen ist. In den äußeren, weitläufig bebauten Ringen 
der amerikanischen Städte werden am Tage höchstens 60— 70 pEt. 
der Bewohner anwesend sein, sodaß, abgesehen von Gärten und 
weitläufiger Bebauung, auch hier die Luftverhältnisse wesentlich 
zünstiger liegen, als bei uns. Man könnte diesem System den 
Vorwurf machen, daß die Vortheile des gesunden und billigeren 
Wohnens außerhalb der Stadt durch den Zeitverlust und die 
Fahrgeldtaxe mehr als aufgewogen würden; aber dem ist nicht 
so. Wohl ist das Wort „Zeit ist Geld“ für den Amerikaner 
harakteristisch, dennoch erachtet er es für richtiger, diese geschil— 
derten gesundheitlichen Vortheile, die ihm zu neuer Arbeit Kraft 
geben, höher zu schätzen. Auch wir leben unter dem Zeichen der 
Jagd nach Zeit, und da erscheint es nicht ausgeschlossen, daß 
die Städte-Entwickelung auch uns dahin führen wird, bei der 
großen Ausdehnung, die unsere Städte mehr und mehr annehmen, 
reine Geschäftsviertel anzulegen, in denen sich die schnellste Ab— 
vicklung aller Geschäste leichter ermöglichen läßt. Das Telephon, 
das drüben in viel höherem Maaße in Gebrauch als bei uns 
ist, fängt bei dem komplizirten Mechanismus, den es in großen 
Städten bildet, an, langsamer zu wirken; es genügt dem 
Amerikaner nicht mehr. In den Riesenhäusern, die er erfunden 
Jjat, dräugen sich die Bureaur zu Hunderten zusammen und 
erleichtern den Verkehr der miteinander arbeitenden Branchen 
ungemein. Ein solches Haus bildet eine Stadt für sich, manche 
mit nahezu 4000 Bewohnern — haben einen gewaltigen 
Verkehr; Elevatoren bilden im vertikalen Sinne die elektrischen 
Straßenbahnen. Ohne Zeitverlust werden von Nachbarraum zu 
Rachbarraum die Geschäfte abgeschlossen. Da ist der Grundstücks— 
agent, der Advokat, die Grundkreditbank, der Architekt und all 
die Vertreter von Baumaterialien, Hüttenwerken und ähnlichen, 
zum Bau gehörigen Branchen. Da ist die Bank oder gar 
mehrere derartige Institute, Papier- und Buchhandlungen, das 
Friseurlokal, Telephon-, Telegraph- und ein Expreßbotenkontor, 
»on dem die Botschaften wie der Wind durch die Stadt getragen 
werden können. Ein Beispiel zeige, wie schnell sich dadurch 
die Geschäfte abwickeln lassen. Will Jemand sich ein Haus 
irgend welcher Art bauen lassen, so geht er zum Grundstücks⸗ 
agenten, mit dem er handelseins wird, nebenan beim Advokaten 
wird der Kontrakt vollzogen, die daneben befindliche Grund— 
rentenbank leiht die Gelder her, eine Thür weiter sucht man den 
Architekten auf, der nach Besprechung die Pläne bearbeitet, beim 
uuten befindlichen Bankier kann die Anzahlung durch Check er— 
folgen. Der Architekt wieder kann Thür fuͤr Thür bei ver— 
schiedenen Lieferanten die neuesten Preise einholen, sich über die 
neuest geeigneten Konstruktionen informiren und mit den Liefe— 
ranten die Kontrakte abschließen unter Zuziehung des in der 
Nähe befindlichen Rechtsanwaltes; dabei sieht er telephonisch mit 
einen Bauten in Verbindung und kann jede Reklamation sofort 
mit seinem Nachbarlieferanten besprechen. Alles wickelt sich ab, 
ohne daß man einen Schritt aus dem Hause thut. 
Der Erkenntniß dieser Fortschritte kann man sich nicht ver— 
chließen, wie es andererseits ohne Frage ist, daß diese amerika— 
nischen Städteverhältnisse betreffs der Lufterneuerung vom ge— 
sundheitlichen Standpunkte günstiger sind, als bei dem hier uͤb— 
lichen Mischsystem von dem mit Etagenhäusern durchsetzten Ge⸗ 
schäftsvierteln. 
Vielleicht erscheint es angebracht, dieser Trennung von Wohn— 
ind Geschäftsvierteln auch bei uns Vorschub zu leisten, da eine 
olche Umwandlung auch dazu beitragen würde, mit dem vom 
moralischen und sozialpolitischen Standpunkte sehr zu beanstan— 
—AD 
die Schaffung gesundheitlich auter Wohnviertel (Villenduartiere ec.) 
in die Wege 3u leiten 
„Deutsche Bauhütte“.) 
Einige Bemerkungen über das deutsche 
Fachschulwesen. 
Vor einiger Zeit tagte in Cassel eine Versammlung des 
Vorstandsrathes des Vereins deutscher Ingenieure, welche sich nach 
„Uhlands Indust. Rundschau“ unter anderem auch mit der Frage 
iner gedeihlichen Weiterentwickelung des deutschen Fachschulwesens 
zeschäftigte. Bei der Bedeutung, die dieser Gegenstand auch für 
veitere Kreise hat, — beruht doch die erfreuliche lUeberlegenheit, 
velche unsere Judustrie zum Nutzen des ganzen deuntschen Vater— 
andes im Weltwettbewerb zeigt, zum großen Theile auf der 
»esseren fachlichen Vorbildung der deutschen Techniker — dürfte 
ein kurzer Ueberblick über den augenblicklichen Stand dieser 
Angelegenheit nicht überflüssig sein. 
Als Deutschland in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts 
sich zu einem Industriestaate entwickelte, machte sich das Be— 
dürfniß geltend, neben den technischen Hochschulen noch andere 
Bildungsstätten für den wachsenden Bedarf an technisch gebildeten 
Kräften zu haben. Zwar standen die Absolventen unserer 
echnischen Hochschulen den Technikern anderer Länder nicht nach, 
ibertrafen dieselben vielmehr in streng wissenschaftlicher Bildung 
neist ganz bedeutend, aber sie gelangten in einem vielfach zu 
sohen Alter in die Praxis. Für viele Stellungen ist es aber 
son höchster Bedeutung, daß der Techniker sich von früh auf in 
einen Beruf einlebt, ein Vortheil, der in vielen Fällen den 
Verzicht auf die höchste wissenschaftliche Ausbildung reichlich auf—⸗ 
viegt. In richtiger Würdigung dieser Verhältnisse wurden denn 
uuch in rascher Folge eine Reihe von mittleren technischen 
Schulen ins Veben gerufen, von denen sich insbesondere das im 
Jahre 1865 gegründete Technikum Mittweida erfreulich ent— 
vickelte. Daß viele der konkurrirenden Anstalten nicht bestehen 
'onnten, lag weniger an dem mangelnden Bedürfnisse, als viel— 
nehr an Umständen, die dem Eingeweihten völlig bekannt sind, 
die auseinanderzusetzen, aber dem Zwecke dieses Berichtes nicht 
entsprechen würde, ebenso wie nicht darauf eingegangen werden 
'ann, weshalb die theilweise lange bestehenden süddeutschen 
Industrieschulen den neuen Bedürfnissen nicht genügen konnten. 
Wie sehr aber die neuentstandenen Fachschulen dem Be— 
dürfnisse der Praxis entgegenkamen, beweist der stets wachsende 
Besuch derselben. Gerade die übergroße Schülerzahl, der 
venigstens an den privaten Schulen die Zahl der Lehrer nicht 
mmer entspricht, führt aber auch, zumal diese Anstalten ge— 
vöhnlich in kleinen Orten untergebracht sind, zu manchen Uebel— 
tänden, die auch in der Casseler Versammlung gebührend her— 
»orgehoben wurden, wenn man sich auch der Erkenntniß nicht 
nerschloß, daß diese Schulen einem liefgefühlten Bedürfniß ent—⸗ 
zegenkommen und deshalb die Gründung staatlicher mittlerer 
Fachschulen befürwortet. 
Neben den mittleren Schulen und zum Theil mit ihnen ver— 
inigt, bestehen nun noch niedere, sogenannte Werkmeisterschulen, 
nit meist 12/3 jähr. Kursus. Diesen wurde jede Berechtigung ab— 
Jesprochen, weil sie thatsächlich keine Werkmeister ausbilden, sondern 
die jungen Leute dem praktischen Berufe entfremden und sie ver⸗ 
anlassen, sich ähnlichen Stellungen, wie die Absolventen der 
nittleren Fachschulen, zuzuwenden. Nun wird freilich ein un— 
darteiisch Urtheilender hierin kein Unglück erkennen können, wenn 
die Absolventen der Werkmeisterschulen genügend Stellungen auf 
den Bureaur und im Betriebe finden, fuͤr welche ihre Vorbildung 
rusreicht, und dies scheint noch immer der Fall zu sein. Dann 
wväre also nur der Name Werkmeisterschule schlecht gewählt, die 
yetreffenden Institute wären dann eigentlich untere technische Fach— 
chulen, wie sie unter diesem Namen oder als Maschinenbau— 
chulen, u. s. w. vielfach auch in Preußen existiren, wo die 
xrrichtung der wichtigeren mittleren Fachschulen gewissen, dem 
Fachmann wohlbekannten Hindernissen begegnet. 
Wirkliche Werkmeisterschulen zu gründen, wurde von vielen 
Seiten als überflüssig betrachtet, vielmehr beiont, daß für Werk— 
neister, Monteure, niedere Betriebsbeammte u. s. w. nur eine 
zute Elementarbildung mit sehr geringen technisch-wissenschaftlichen 
Zenntnissen und Ferligkeiten vonnöthen und nützlich sei, deren 
Lermittlung man ruhig der entsprechend zu fördernden Fort⸗ 
ꝛildungsschule überlassen könnte. Jedenfalls wären aber eigenkliche 
Werkmeisterschulen mit höchstens einjaͤhr. Kursus nur an den 
vichtigeren Industrieorten am Platze. 
Das Resultat der Berathung in Cassel wurde schließlich 
dahin zusammengefaßt, daß folgende Gliederung des technischen 
Unterrichtswesens vorgeschlagen und in einer an das Ministerium 
für Handel und Gewerbe gerichteten Denkschrift empfohlen wurde: 
) die technische Hochschule für die höchste wissenschaftliche Aus— 
hilduna: 2) die technische Mitttelschuke zur Ausbildungd von
	        
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