Full text: Erläuternder Text (Textband) (1905)

Abteilung IV. 
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flächen sogar sorgfältig geschliffen, ganz besonders 
bei den Säulentrommeln. Denn die künstlerische 
Idee der Säule ist ein monolither Schaft; es war 
also eine Forderung, die Schaftfugen so fein, so 
unsichtbar als nur möglich zu machen. Die Trom 
meln wurden daher beim Versetzen mittels eines 
zur Hälfte zylindrischen Holzzapfens so lange auf 
einandergedreht, bis sie ganz dicht saßen, und die 
kleinsten Körner entweder in die Fugenvertiefung in 
der Mitte oder nach außen abgepreßt waren (Fig. 8). 
Die Ausarbeitung der Stege erfolgte erst nach 
der Fertigstellung des Baues. 
Bildeten an den Säulen vertikale Holzzapfen die 
Verbindung der Trommeln, so waren die Quadern 
des Oberbaues und der Cellawände durch Eisen 
klammern und durch Dollen gegen jede Verschie 
bung gesichert. Im 5. Jahrhundert ist hauptsäch 
lich die I—|-Klammer üblich. Fig. 4 u. 5 zeigen 
den Klammerverband der Architrav- und Fries 
schicht, Fig. 6 die Einbettung der Klammern. 
Tafel 18 u. 19. Fig. 1 zeigt die Einzelheiten 
dieses äußerst sorgfältig durchgebildeten, den voll 
endeten Stil zum Ausdruck bringenden Marmor 
baues. Fig. 2 wiederholt in größerem Maßstab 
Fig. 1 von Tafel 17, in dem deutlich die Anathy- 
rosen der Fugenflächen mit punktierten Linien, 
sowie der Klammer- und Dollenverband zu sehen 
sind. Fig. 6 zeigt die Abweichung der Säulen 
achsen vom Lot und die Anordnung des Fugen 
schnittes der obersten und untersten Trommel. Aber 
nicht nur die Säulen, sondern auch die Cellawände, 
ja sogar die Architrav- und Friesflächen hatten 
leichten Anzug, so daß alle harten Senkrechten ver 
mieden erscheinen. Wenn man weiß, daß auch 
alle horizontalen Hauptlinien des Baues eine leichte 
Mittelerhöhung hatten (die sog. Kurvatur), wodurch 
überhaupt jede Härte geometrischer Linien auf 
gehoben war, so staunt man vor der unglaublich 
fein ausgedachten und empfundenen Bildung dieses 
attisch-dorischen Marmorbaues. 
Tafel 20 u. 21. Do rische Gliederbemalung. 
Abgesehen von der körperlichen Form waren die 
feineren Bauglieder des dorischen Tempelgebäudes 
noch durch aufgemalte Zutaten ausgezeichnet. Fig. 1 
zeigt die Bemalung der Sima am Parthenon: ab 
wechselnde Palmetten und Lotosblüten, die man 
sich blau und rot bemalt vorstellen muß, der weiße 
Marmorgrund bleibt stehen. Das lesbische Kyma 
unter der Sima mit aufgemaltem Herzblatt und das 
dorische Kyma mit den geometrisch gezeichneten 
Blattformen wechseln ebenfalls. 
Fig. 2. Das Antenkapitell ist stets mit feinen 
Zierformen bemalt. Hier sind, wie überhaupt am 
Parthenon, mehrfach die Ornamente bereits aus 
der gezeichneten in die plastische Form über 
gegangen, aber auch so werden sie durch Bema 
lung noch deutlicher hervorgehoben. Grund weiß 
(Marmor); dorische Kyma blau und rot: Eierstab 
blau und rot; Perlstab (Astragal) vielleicht Gold. 
Fig. 3. Gesims unter dem Querbalken der 
Hallendecke: Das bekrönende dorische Kyma blau 
und rot; die Stirnfläche mit reichem Mäanderband, 
darunter lesbisches Kyma blau und rot. 
Auf Tafel 21 geben Fig. 1 u. 2 weitere farbige 
Einzelheiten vom Parthenon in Umrißlinien: Die 
Tänia am Architrav mit rotem Mäanderband, die 
Tropfenleiste blau. Fig. 2 zeigt Ansicht und Schnitt 
durch eine flache Marmorkassette, die ebenfalls 
ringsum mit feinem Mäanderband verziert ist, einen 
plastisch ausgeführten Perlstab, vielleicht vergoldet, 
nach innen folgende Eierstabornamente blau und 
rot gemalt und einen tiefblauen Deckengrund mit 
golden aufgezeichnetem Stern zeigt. Fig. 3. Anten 
kapitell von Rhamnus, ebenfalls rot und blau auf 
weißem Grunde bemalt. 
Fig. 4. Antenkapitell vom sog. Theseion, die 
Zeichnung am Hals mit doppeltem, d. h. gegen 
ständigem Palmettenornament ist nicht ganz genau; 
sie erinnert wie überhaupt die Bemalung des Halses 
unter dem eigentlichen Kapitell an die ionische 
Art, den Säulenhals zu verzieren (vgl. Tafel 31). 
Fig. 5—7 zeigen verschiedene Mäanderbänder, wie 
sie an Leisten u. dgl. beliebt waren. 
Die polychrome Ausstattung des ganzen dori 
schen Bauwerkes darf als ein Rest ägyptischer 
Tradition aufgefaßt werden. Bemalt waren die 
Triglyphen, Metopen, Mutuli, Sima und die feineren 
Zierleisten; unbemalt, d. h. geweißt oder marmor 
weiß blieben die Säulenschäfte, Kapitelle, Archi 
trav, Geisonstirne und die Stufen. 
Tafel 22. u. 23. Gesimsprofile vom Parthenon 
zum Teil in natürlicher, zum Teil in halber natür 
licher Größe. Diese Zusammenstellung zeigt die 
Zartheit der Marmorglieder des gewaltigen Baues. 
Auch die Wiederkehr immer gleicher Formen ist 
zu beachten. 
Tafel 24. Akropolis zu Athen. Die Re 
konstruktion gibt ein Bild von der Lage und den 
Größenverhältnissen der einzelnen Bauwerke. Die 
überragende Bedeutung des Parthenon neben dem 
kleinen zarten Erechtheion kommt deutlich zur An 
schauung. Der Rundtempel des Augustus und 
der Roma stand vor der Ostfront des Parthenon, 
wäre also in dieser Ansicht nicht sichtbar (vgl. 
Tafel 4). Die Propyläen mit dem südlichen ver 
stümmelten Flügel, vor dem sich der Niketempel 
auf seiner Bastion erhebt, umgeben den Aufgang 
zur Burg, der nicht als Monumentaltreppe aus 
geführt worden ist. Der untere Eingang lag ur 
sprünglich rechts unter der Nikebastion. Das sog.
	        

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