Full text: Erläuternder Text (Textband) (1905)

Abteilung V. 
durch tiefe Unterschneidungen, das unruhig Flim 
mernde hell beleuchteter Einzelheiten und dunkler 
Schatten dazwischen gerne mit dem Rokoko. Aber 
es ist nur ein Teil unseres Rokoko, nämlich die Bild 
wirkung, die hier schon einmal Wirklichkeit geworden 
ist; die Linienführung bleibt im Rahmen des antiken 
Ornamentes. Damals entstand auch das sog. Kom- 
positkapitell, eine Vereinigung des korinthischen 
Blattkelches mit dem ionischen Diagonalkapitell des 
Tuffstils. Es gab eine etwas plumpe Form mit den 
schweren Voluten über dem Blattkranz, aber man 
liebte sie. Plump war trotz allem zierlichen Reichtum 
auch die übrigeBildung; schwere große Ausladungen, 
niedrige breite Formen trugen dazu bei. Kenn 
zeichnend für diese Zeit sind die kleinen »Löck 
chen« in den Zwischenräumen der Zahnschnittleiste. 
Tafel 18 u. 19. Römisch-korinthisches 
Kapitell. Zugrunde gelegt ist als Normalform 
ein Kapitell, wie es bei römischen Bauten der 
augusteischen Zeit in Kleinasien vorkommt. Man 
wird den Unterschied der Höhenverhältnisse der 
einzelnen Blattkränze und der Eckvoluten ver 
gleichen mit dem Kapitell auf Tafel 16 und mit 
griechischen Akanthuskapitellen (IV, 57—59). Kenn 
zeichnend für die römische Art ist der Akanthus 
mit den löffelförmigen Blattspitzen. Die Basis stellt 
eine durch kleinasiatische Anregung bereicherte 
attische Form vor, unter der seit der Kaiserzeit 
stets eine quadratische Plinthe sitzt. 
Tafel 20. Korinthische Kapitelle. Pilaster 
von der Porticus der Octavia in Rom. 
Das korinthische Kapitell wurde schon in Grie 
chenland auch als Pilasterkapitell verwendet. Der 
Blattkranz ließ sich bequem auch auf die Pfeiler 
flächen legen, ohne daß der allgemeine Aufbau 
gestört wurde. Selbst die Ausbuchtung der Deck 
platte (vgl. Tafel 19) blieb beibehalten. 
An unserem Beispiel ist statt der Blüte zwischen 
den inneren Voluten ein Adler mit Blitzkeule als 
Emblem des Zeus dargestellt. 
Vom Tempel der Concordia in Rom. Um 
die Wende unserer Zeitrechnung war, wie schon 
gesagt, die griechische Architektur nach den Vor 
schriften des Fiertnogenes und anderer Theoretiker 
das maßgebende Vorbild für Rom. Aber es kamen 
auch hellenistische Einflüsse dazu, die nicht in den 
Kanon gehörten, ein Beispiel dafür ist unser Ka 
pitell mit den Widderprotomen. In der hadriani- 
schen Zeit und noch später finden sich noch ver 
einzelt ähnliche Bildungen, aber so recht über 
zeugend wirken alle nicht. Es fehlt ihnen in Rom 
das leichte Zierlich-Spielende oder das wirklich Sym 
bolische, wie etwa am großen didymäischen Tempel. 
Tafel 21. Besondere Arten römisch-korin 
thischer Gebälke. 
49 
Egle, Baustil- u. Bauformenlehre. Text von Fiechter. 
Fig. 1. Vom Tempel des Sol. In seinem 
Reichtum und der besonders schweren Gesims 
bildung vergleicht man dieses Gebälk am ehesten 
mit hadrianischen Schöpfungen. 
Fig. 2. Vom Tempel des Antoninus und 
der Faustina, Lebloser, trocken klassizistischer 
Stil. Man merkt bereits die Unsicherheit in der 
Reihenfolge und Abwiegung der Profile. Über eine 
hohe Hängeplatte mit Pfeifenornament ist eine 
schwächliche Sima gelegt, das Zahnschnittglied ist 
ganz verkümmert, die Dekoration auf dem Fries 
nach hellenistischen Vorbildern schematisch wieder 
gegeben. 
Fig. 3 u. 4. Sofitten. Die Unterseiten der Archi- 
trave wurden vielfach durch einfachere oder reichere 
Füllungen zwischen den korinthischen Kapitellen 
ausgezeichnet. 
Tafel22. Römisch-korinthisches Pilaster 
kapitell. Das korinthische Pilasterkapitell steht 
entweder auf unverjüngtem Pilaster, dann werden 
seine Eckvoluten verkürzt, damit es mit der ent 
sprechenden freistehenden Säule gleiche Ausladung 
hat, oder es steht auf verjüngtem Pilaster, dann 
bleiben Eckschnecken und Ecklaube unverkürzt. 
Tafel 23. Sogenanntes Kompositkapitell. 
Vergleich dazu das zu Tafel 17 Gesagte. Die 
Zeichnung geschieht ähnlich wie beim korinthi 
schen Kapitell mittels Diagonalschnitt. Auch die 
Höhenverhältnisse sind analog. 
Tafel 24. Maßverhältnisse römisch 
korinthischer und römisch-dorischerSäulen 
und Gebälke. 
In den vier gezeichneten Ordnungen sind die 
einzelnen Teile, für welche in den untenstehen 
den Tabellen Maßverhältnisse angegeben werden, 
bezeichnet. Es ist dazu zu bemerken, daß solche 
Verhältniszahlen für die römische Architektur nicht 
eine konstante Entwicklung nach einem Ziel hin 
aufdecken, wie bei den griechischen Ordnungen; 
denn das Ziel ist nicht vorhanden, es bedeutet 
vielmehr: Auflösung,Verkümmerung, immer größere 
Abweichung vom Original bis zur völligen Ver 
krüppelung und Unkenntlichkeit. Neue Bildungen 
kommen erst im 5. Jahrhundert n. Chr. zum Vor 
schein, aber nicht in Rom, sondern im Osten. 
Tafel 25. Beiläufige Verhältnisse römi 
scher Arkaden. Das hier angegebene Motiv 
findet sich in der römischen Architektur bis in 
das 4. Jahrhundert hinein äußerst häufig, beson 
ders an den sogenannten Triumphbögen. Doch 
liegt gerade in den wechselnden Verhältnissen, 
bald in sehr hohen, bald mehr in lagernden, der 
eigentümliche Ausdruck, der hier bei einem Durch 
schnittsmaß verwischt ist. (Vgl. daher Tafel 29 u. 30.) 
50 
4
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.