Full text: Erläuternder Text (Textband) (1905)

Abteilung VIII. 
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Stellung der Gotik auf mannigfache Art und Weise 
erklärten. Wir halten daran fest und versuchen 
nun, stets auf diese Grundlagen eingestellt, das 
Wesen und den Werdegang der Gotik an Hand 
der Tafeln unseres Werkes genauer kennen zu 
lernen. (Zu S. Yved vgl. Tafel 2 u. 6.) 
Tafel 2. Grundrisse frühgotischer 
Kirchen. 
Fig. 1. Franziskanerkirche S. Georg in 
Eßlingen, jetzt nur noch der Chor erhalten. Früh 
gotische Basilika mit drei flachgedeckten Schiffen 
in der Art der Bettelordenskirchen. Ein Lettner 
schloß das Langhaus in der ganzen Breite ab. Chor 
Ende des 13. Jahrhunderts, Langhaus etwas älter. 
Fig.2. Minoritenkirche in Regensburg, wie 
die vorige eine flachgedeckte Basilika; der künst 
lerische Ausdruck wird in schönen Verhältnissen und 
Profilierungen der Arkaden gesucht. Viel Ähnlichkeit 
auch sonst mit der vorigen Kirche in Eßlingen. 
Auch der Chor wie dort gewölbt, mit 5 /s-Schluß. 
Fig. 3. Dominikanerkirche S. Paul in Eß 
lingen. Einfache süddeutsche Anlage ohne Quer 
schiff, Mittelschiff ohne Triumphbogen und ohne 
Erhöhung mit dem Chor verbunden. Gewölbte 
Basilika, wie Fig. 4. »Bei großer Ähnlichkeit der 
Behandlung sind meist die Dominikanerkirchen 
gewölbt, die der Franziskaner flachgedeckt.« (Für 
den Aufbau vgl. Tafel 5, Fig. 9—16.) 
Fig. 4. Dominikanerkirche in Regensburg. 
Wie die vorige eine querschifflose Basilika. Im 
Osten drei Apsiden mit 5 /»-Schluß. (Für den Auf 
bau vgl. Tafel 5, Fig. 1—8). 
Fig. 5. S. Leu d’Esserent. Westteile noch 
ganz romanisch, um 1140. Chor bereits gotisch, 
1170—1180, nach dem Vorbild von S. Denis, mit 
Kapellenkranz zwischen den Streben des polygo 
nalen Chors, romanisch ist noch die Anlage von 
Osttürmen, eine eigentliche Vierung fehlt, d. h. sie 
ist unterdrückt. 
Fig. 6. Notre Dame zu Dijon (vollendet 1240). 
Chor ohne den im Burgundischen üblichen Ka 
pellenkranz, polygonal mit Seitenapsiden. Langhaus, 
Vierung und Vorchor mit sechsteiligen Gewölben. 
In der burgundischen Gotik bleibt der Zentralturm 
noch beliebt. Charakteristisch auch große offene 
Vorhalle. Westtürme vermutlich nicht beabsichtigt. 
Fig. 7. S. Yved zu Braisne. Geweiht 1216. 
Besonders interessant ist hier die Lösung der 
Kapellenanlage hinter dem Querschiff an Stelle eines 
um den Chor herum gelegten Kapellenkranzes 
(vgl. Fig. 5). Dadurch wird hinter der Vierung 
eine bedeutende Weiträumigkeit erreicht. Die 
den Winkel ausfüllenden Kapellen haben die 
Höhe der Seitenschiffe, während der Chor selbst 
die volle Höhe des Mittelschiffs beibehält. In dieser 
Anlage steckt ein Stück Zentralbau (vgl. Tafel 3, 
Fig. 3). 
Fig. 8. S. Elisabeth zu Marburg. (1235—1283, 
Türme erst 1314—60). Merkwürdige Vereinigung 
einer zentralisierenden Osthälfte mit dem als Hallen 
kirche ausgebildeten Langhaus, aber »neben der 
Liebfrauenkirche in Trier ist die Elisabethkirche 
der früheste Bau Deutschlands in einheitlicher 
und abgeklärter gotischer Gedankenentwicklung«. 
(Zum Aufbau vgl. Tafel 25.) 
Nur die Beispiele Fig. 1—4 zeigen deutsche — 
»vereinfachte« — Gotik. Die anderen aber lassen 
erkennen, wie vielfache Lösungen gerade der Ost 
hälfte vor allem in Frankreich zu Anfang der Gotik 
noch versucht wurden (vgl. auch Tafel 4). 
Tafel 3. Grundrisse gotischer Kirchen. 
Fig. 1. S. Stephan in Wien, ln Österreich ist 
der Typus der Hallenkirche vorherrschend, wahr 
scheinlich im Anschluß an ältere bis in die roma 
nische Zeit hineinreichende ähnliche Anlagen. Ent 
sprechend dieser Eigentümlichkeit ist das Grund 
rißschema einfach, das Querschiff fehlt, der drei- 
apsidiale Abschluß ist wie in Bayern üblich. Der 
Chor von S. Stephan ist 1340 vollendet, das Lang 
haus wurde 1359 begonnen, doch erst in der Mitte 
des 15. Jahrhunderts in reichen spätgotischen 
Formen ausgeführt. Bemerkenswert ist die sehr 
weite Pfeilerstellung. Gegen Westen schloß der 
Bau sich an eine ältere romanische Turmanlage 
an, während ein gotisches Turmpaar zu beiden 
Seiten die Stelle eines Querschiffs betont. 
Fig. 2. Dom in Regensburg. Entwurf des 
Ganzen, Nebenchöre, Hauptchor bis zum Gurt 
gesims und die östlichen Joche im südlichen Seiten 
schiff seit 1275. Der Plan erinnert an die für 
Bayern in der romanischen Zeit übliche Anlage 
(Regensburg S. Emeran, Moosburg u. a.) mit drei 
Apsiden, kann aber auch auf Burgundisches zurück 
geführt werden (S. Benigne in Dijon). Die Ver 
kümmerung des Querschiffs zeigt hier schon die 
Reife der gotischen Zeit. Die geplante Anlage eines 
Vierungsturmes ist unterblieben. Auch die Zerlegung 
der Wand in zwei Schalen ist typisch für den reifen 
Stil, wie er sich in Burgund und Lothringen zeigt. 
Dort beginnt die Anordnung von Umgängen um 
das Querschiff zunächst als Verbindung der Em 
poren, beim Wegfall derselben wird der Umgang 
in das Triforium verlegt (vgl. Tafel 22 f.). 
Fig. 3. Katharinenkirche zu Oppenheim. 
Das Motiv von S. Yved zu Braisne (Fig. 7, Tafel 2) 
ist hier abgekürzt wieder verwendet zur Erweiterung 
des Langchors. Querschiff und Vierungsturm sind 
wie dort, aber alles kleiner und bescheidener an 
geordnet. Es ist nicht ganz unwahrscheinlich, 
daß der Baumeister der Ostteile das Vorbild ge
	        

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