Objekt: ARCH+ : Zeitschrift für Architektur und Städtebau (1988, Jg. 20, H. [93], Jg. 21, H. 94-97)

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] Zu diesem Heft TEIL 1: £ DIE VERWANDLUNG DER WELT ke. „Wo immer die Bühnenmaschinerie es erlaubte, erschienen in der iz mythologischen Oper wie im geistlichen Schauspiel die heidnischen = Götter oder die christlichen Heiligen, Geister und Allegorien gleichzei- = tig mit dem Menschen vor den Zuschauern. Zwar senken sie sich nur = selten oder flüchtig zur Erde hinab, aber sie bevölkern den Luftraum E der Bühne. Der ganze knarrende Apparat von Winden und Stricken, = der das Bühnenflugwesen bediente, und die Eroberung des Luftraums ; sind das Zeichen dafür, daß das Theater wieder den ganzen Durch- messer der christlichen Welt umspannte: ‚Vom Himmel durch die Welt zur Hölle‘.“ N Richard Alewyn D em apostolischen Blick war es vorbehalten, das Treiben auf der Erde von oben zu überblicken, die Welt mit den Augen der Götter zu sehen. Heute ist es das Privileg des verrechnenden Blicks der Satelliten, der die Welt tagtäglich vor die Augen der | Menschen führt. ; Der Himmel mit der Engelsschar, die Hölle mit dem Teufelsheer, ' und die Welt der Menschen dazwischen, auf Erlösung wartend & oder zur Verdammnis verurteilt: das sind nunmehr nur noch Erinnerungen an eine der großen Menschheitserzählungen. Der säkularisierte Himmel, was ist er anderes als Luftstraßen für Flugzeuge, Bewegungsraum für Raumschiffe und Satelliten, die wie die Erde ihre Bahnen durchs All ziehen? Die Welt, was ist sie ; anderes als eine Kugel im freien Fall? Und die Hölle, was ist sie L anderes als der Bauch der Verkehrsröhren, Abwasserschächte ; und Telekommunikationskabel? ; Diese Welt fällt nicht vom Himmel. Im Erdenblick der Welt- 1 raumsonden erscheint die Erde als homogene, endliche und all- gegenwärtige, durch und durch industrialisierte Welt. Die Erd- , oberfläche ist ein weltweites Netz aus Informationslinien und | Transportwegen, die Welt des multinationalen Kapitals und der X Industriekonzerne (vgl. 89 ARCH*). Woman auch landet, über- b- all wird man bereits empfangen von 24-Stunden-Flughäfen, Coca E Cola-Dosen, Mercedes-Sternen, Hamburgern oder Fuji-Filmen. g“ Jedes ferne Paradies istentdeckt und erobert. Gleichzeitig liefern 5 Bücher, Telefon, Rundfunk und Fernsehen Bilder, Geräusche A und Ideen von jedem Ort dieser Erde frei Haus. Die industriali- S sierte Welt ist all-gegenwärtig. Sie ist überall: im Weltraum, den © Raketen und Satelliten, die Informationen transportieren, und ı dort, wo man sich gerade aufhält, mit Auto, Bahn, Schiff oder > Flugzeug. „Inzwischen leben die prononcierten Weltbürger - kaum noch auf dieser Erde“, bemerkt Peter Sloterdijk in seinem = neuesten Buch ‚Eurotaoismus‘, „sie sind Einwohner des Landes = ” Komplexität geworden, hastige Durchreisende in ‚diesem Hotel = = zur Erde‘ “' < % S o erhält die Welt heute einen neuen Charakter. Die Zahl in- > dustrieller Produkte ist mittlerweile größer als die der natür- ne . lichen Arten -die Erde wird zu einer großen Stadt, zu einer Welt- E N stadt. Was als eine befreiende Insel im feudalen Meer der Natur = EZ 0 a begann, nach dem Motto: „Stadtluft macht frei“, breitet sich seit =" en Z— dem Beginn der Neuzeit krebsgeschwürartig aus — weltweit, ent- $ PERF... lang der Verkehrs- und Informafionstrassen. „Was einmal Natur DL hieß und als vormenschliche Totalität den kulturellen Einrich- ; ZZ tungen entgegengesetzt wurde, ist inzwischen schicksalhaft in KT E den Mahlstrom menschlicher Konstruktionen einbezogen.‘ 31
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