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gelehrte Herr wohl die Wolle probirt hat, daß er so etwas in die
Welt hinaus posaunen kann? Oder ob es ihm dabei so geht, wie so
vielen seiner Kollegen, daß er etwas gesagt und für wahr und richtig
behauptet hat, weil er es so für wahr und richtig hält? In der
Medizin ist ja freilich Alles möglich, und in jedem Arzt stet ein gutes
Stück papstähnlicher Unfehlbarkeit.
Was Sie in der jüngsten Nummer Jhres Monatsblatte3 von dem
Angstgefühl eines Wollenen in einem von Menschenausdünstung ge-
füllten warmen Raum erzählen, habe ich jüngst treffend bestätigt ge-
funden.
Am 3. d. Mts. hielt der Dr. wed. Do> aus Unter-Waid bei
St. Gallen in unserem homöopathischen Verein einen brillanten Vortrag
über naturgemäße (vegetarianische) LebensSweise. Saal- und Nebenräume
waren überfüllt und die Hike war wahrhaft tropisc<. Anfänglich war
ich durch den gediegenen Vortrag so in Anspruch genommen, daß ich
die Unbequemlichkeiten de8 Lokal38 wenig beachtete. Bald aber wurde
die Hike und die Ausdünstung so vieler Menschen mir so fatal, daß
ic schnell ein Fenster öffnen mußte. Als ich dem Vortragenden in
der Folge beim Demonstriren einer großen farbigen Tabelle behilflich
wor, nahm das Uebelbefinden in hohem Grade zu. Meine Frau, die
nic<t wußte, was mich quälte, fragte mich nachher, was mir gefehlt
habe; ich sei, als ich auf dem Podium gestanden habe, außergewöhnlich
blaß gewesc:.
Acht Tage darauf wohnte ich einem anderen Vortrage im poli-
tisc<1 Berein über dynamo-elektrische Maschinen bei. Der Saal von
ca. Meter Länge, 42 Meter Breite und 6 Meter Höhe war von
wu x 89 wasflammen erhellt; 200 Personen mochten anwesend sein.
2 , 3 naye aa dem Katheder des Vortragenden. E58 entwidelte sich
ba «ne enorme Hiße und damit ein mir sehr widerlicher Geruch nach
m „wen Ausdünstungen. Mich beängstigte das dermaßen, daß ich
= „vüileit /enuß von dem interessanten und durch Experimente er-
wz „ortrage hatte. Ih fragte meinen Nachbar, in dessen Ge-
sellschut ..y gefommen war, ob er ähnliche Wahrnehmungen mache; er
sowoyl wie andere Bekannte verneinten dies, sie fühlten sich nur durch
die Hike ein wenig angegriffen.
Als der Vortragende vei seinen Experimenten ein ca. 30 Centi-
meter langes und ziemlich starkes Stüc Platindraht vorzeigte, welches
er durch die dynamo-elektrishe Maschine zum - Glühen bringen wollte,
dachte uh) an die von Ihnen als Luftreiniger empfohlenen Döbereiner
Lampen und versprach mir davon viel Erleichterung meines Zustandes.
Meine Erwartungen aber wurden übertroffen. Der Draht glühte in
seiner ganzen Länge vielleicht nur eine Minute lang, aber die Luft war
dadurch sofort und so merklich gebessert, daß ich ohne Uebelbefinden
athmen konnte. Ungefähr 40 Minuten darauf endete der Vortrag; ich
konnte bis dahin ganz bequem aushalten, nur die Hie im Saale war
etwas unangenehm. Mein Nachbar war ein hiesiger Optiker, dem ich
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nach beendetem Vortrag nach Ihrer Anleitung Mittheilung von der
Döbereiner Lampe machte.
Am auffallendsten bei diesem lezten Unwohlsein war mir der
Umstand, der mir bei meiner vegetarianischen Lebensweise noch nie passirt
war, nämlich daß ich Verdauungsstörungen empfand. Der Leib war
aufgetrieben und schmerzhaft, in den Gedärmen- rumorten die Gase fast
überlaut. So wie der Platindraht zu glühen anfing, nahmen die
Schmerzen und das Poltern im Bauche ab. Die Aufgetriebenheit blieb
wohl noch bestehen, war aber weniger unbequem, und als ich im Freien
war , entwichen die Gase ganz geruchlos. J< bin sehr geneigt, diese
Wirkung dem glühenden Platindrahte zuzuschreiben. =
Taß ich ob meiner vom Gewöhnlichen sehr abweichenden Jäger-
traGt-Gier anfänglich vielen Spöttereien u. s. w. ausgesezt war, brauche
ich wohl nicht erit sonders * 1 betonen, obgleich Jedermann findet, daß
die Tracht sehr kleidsam i<. Dies fand auch mein Chef, dem seines
Reißens8 wegen von seinem Hausarzt Dr. J. die Wolle empfohlen war,
der sich aber noch nicht reht dazu entschließen kann. =- JI schließe,
indem ich mir erlaube, mein jüngstes Conterfei beizulegen, mit der
Versicherung, daß ich niemals der Wolle untreu werden will.
Ihr hochachtungsvoll ergebenster
St., 28. März 1882. H. M.
Wosle und Tuberkulose.
Bericht von F. Sc. in A. (Sachsen).
Kochgeehrter Herr Professor! Im Oktober 1879 erkrankte ich
an * „äng2. Vom Januar 1880 bis Mai 81, mit Unterbrechung
der . „mmormonate Juni, Juli, August 1880, habe ich die Kur in
Dav.» “7165 und mich während des dortigen Aufenthalts troß
au „bers ziemlich wohl befunden. Nach Ausspruch des bekannten
: 2 Davos wäre meine rc<hte Lu“ 5e bis zur .. Rippe infiltrirt,
t „rationen aber nicht zusammenhäagend, jedoch entzündliche Pro-
„anden. Auf der Spike der linkea Lunge wäre noch ein kleiner
“ vorhanden. = Za den lezten 3 Monaten meines Davoser
u18 stellten sich bei mir Anfangs vereinzelte Kongestionen nach
err: - „m, später wracen dieselben taglich in ven Nachmittagsstunden,
öl „eeremal des Tages jedeSmal mit jo großer Heftigkeit auf,
du. „.q<tben häufig 3--4 Stunden anhielten und die. größte Gefahr
v“2ganden war. Dagegen war nichts zu thun, als fortwährende starke
Ei8uwschläge auf Kopf und Brust, die mir Erleichterung brachten. Herr
Dr. 1. erflärte dieses Leiden für Herzfehler, später aber als ein
Nervenleiden höchster Art und rieth zur sofortigen Abreise des Höhen-
klimas wegen. In Weesen a. Wallensee, woselbst ih zur Nachkur hin-
geschickt wurde, ging es mit den Kongestionen etwas besser; sie trate
seltener auf, doh stellte sich bald Fieber ein, welches immerfort zwisch
38--39,5 * schwankte. Während der lezten 3 Monate hatte me