Volltext : China

IV.  Die  jüngste  Entwicklung.
i.  Yüanschihkais  Herrschaft.
Das  Ziel  der  Revolutionäre  war  Anfang  1912  in  einem  überraschenden ­
  Maße  erreicht:  die  Mandschu  waren  gestürzt  und  das  Kaisertum
in  eine  Republik  verwandelt  worden.  An  Stelle  der  schönen  alten
kaiserlichen  Flagge  mit  dem  fünfklauigen  Drachen  wurde  eine  moderne
Streifenflagge  eingeführt,  mit  fünf  Farben,  die  die  fünf  zum  chinesischen ­
  Reiche  gehörigen  Völker  bezeichnen  sollte:  die  Chinesen,  die
Mandschu,  die  Tiheter,  die  Mongolen,  die  Bewohner  Ost-Turkistans.
Ausdrücklich  sollte  damit  zum  Ausdruck  gebracht  werden,  daß  die
neue  Republik  den  gesamten  Umfang  des  alten  Mandschu-Reiches  für
sich  in  Anspruch  nehme.
Vorläufig  freilich  waren  noch  im  eigentlichen  China  selbst  die  Verhältnisse ­
  so  ungefestigt,  daß  an  eine  Durchsetzung  dieses  Anspruchs
nicht  gedacht  werden  konnte.  Das  Hauptproblem,  das  jetzt  vorlag,
war  dies,  überhaupt  in  China  eine  neue  wirksame  Zentralgewalt  an  die
Stelle  der  zusammengebrochenen  kaiserlichen  zu  setzen.  Der  Kampf
um  die  Lösung  dieses  Problems  ist  der  eigentliche  Inhalt  der  „Wirren“
der  letzten  beiden  Jahrzehnte  in  China.
Zunächst  herrschte  dort  Genugtuung  und  eine  starker  Optimismus.
Yüanschihkai  wurde  ein  großes  Vertrauen  entgegengebracht;  besonders ­
  nachdem  auch  Sunyatsen  sich  ihm  unterstellt  hatte.  Die  Fremdmächte, ­
  denen  an  einer  friedlichen  Entwicklung  der  Dinge  aus  Handelsinteressen ­
  gelegen  war,  gewährten  ihm  eine  Anleihe  von  25  Millionen
Pfund  Sterling.  So  konnte  er  an  die  Neuordnung  der  Dinge  gehen.
In  Yüans  Charakter,  in  seiner  altchinesischen  Gewöhnung  und  wohl
auch  in  seiner  wirklichen  Überzeugung,  daß  dies  für  China  das  beste
sei,  lag  es  begründet,  daß  er  nun  in  den  nächsten  Jahren  seine  eigene
Stellung  immer  autokratischer  ausbaute.  Das  neue  Parlament  in  Peking ­
  wurde  von  ihm  immer  mehr  zur  Bedeutungslosigkeit  herabgedrückt ­
  ;  ebenso  das  Ministerkabinett;  er  regierte  das  Land  zunehmend
als  Diktator.  Im  November  1914  wurde  er  von  diesem  Parlament  auch
zum  Präsidenten  auf  Lebenszeit  ernannt,  mit  dem  Recht  sogar,  seinen
Nachfolger  zu  bestimmen.  Er  war  also  in  Wirklichkeit  eigentlich
Monarch.
            
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